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«Ungleichheit gibt es nur dort, wo es Reichtum gibt»
Aus Echo der Zeit vom 15.02.2021.
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Soziale Ungleichheit Arm und Reich: Mulhouse wird zur Stadt der Extreme

Corona lässt die Schere zwischen Arm und Reich in Frankreich immer weiter aufgehen. Auch in kleinen Städten wie Mulhouse.

Der Secours populaire français ist ein Hilfswerk in Mulhouse. Die Helferinnen und Helfer haben alle Hände voll zu tun: Eben ist eine Spende angekommen. Gläser mit Tomatensauce, Gemüse, Früchte, Bücher. «Wir sortieren alles. Denn manche Produkte sind eher für Studierende geeignet, andere nur für Familien», sagt Mohammad Hammas.

Der junge Marokkaner studiert – eigentlich, denn Corona hat sein Leben auf den Kopf gestellt: Als die Restaurants in Mulhouse schlossen, verlor Mohammad seinen Nebenjob, wurde plötzlich zum Hilfsbedürftigen. Jetzt engagiert er sich beim Hilfswerk, will anderen helfen.

Wir haben sehr viele Anfragen von Studierenden. Viele erleben schwierige Situationen.
Autor: Sophie PalpacuerSecours populaire français in Mulhouse

Mohammads Fall sei kein Einzelfall, sagt Sophie Palpacuer vom Secours populaire in Mulhouse. Seit Beginn der Coronakrise haben die Anfragen bei dem Hilfswerk stark zugenommen – um 40 Prozent. «Wir haben sehr viele Anfragen von Studierenden. Viele erleben schwierige Situationen. Jetzt kommen auch Bedürftige aus der Gastronomie und der Hotellerie zu uns», so Palpacue.

Wie hart die Corona-Pandemie die Wirtschaft in Mulhouse trifft, wird im Stadtzentrum deutlich: Nur Läden, die Grundbedürfnisse abdecken, wie Supermärkte, dürfen öffnen. Die Kleidergeschäfte auf der Einkaufsmeile sind geschlossen. Dazwischen immer wieder leere Restaurants und Cafés – viele werden zum Verkauf angeboten. Seit ab 18 Uhr eine Sperrstunde gilt, rentiert der Betrieb der Beizen nicht mehr.

Doch es gibt auch ein anderes Mulhouse: das Rebberg-Quartier. Das ruhige, grüne Viertel mit Villen aus der Gründerzeit liegt auf einem Hügel im Süden der Stadt und ist das Luxusquartier von Mulhouse. Wer hier lebt, verdient rund 105'000 Euro im Jahr – das ist viermal mehr als der Mulhouser Durchschnitt.

Wo die Reichen in Frankreich wohnen

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Das Observatoire des inégalités, eine unabhängige Forschungsstelle in Paris, hat den Mulhouser Rebberg kürzlich zum reichsten Quartier der französischen Provinz gekürt. Nur in den Grossstädten Paris und Marseille gibt es in Frankreich noch wohlhabendere Quartiere. Die reichsten Französinnen und Franzosen leben im 7. Arrondissement von Paris oder in der Region Île-de-France, die ebenfalls zu Paris gehört. Wer dort lebt, verdient bis zu 210'144 Euro im Jahr.

Ausserhalb der Grossstädte ist Mulhouse die Stadt mit den reichsten Französinnen und Franzosen. Wer im Luxusviertel Rebberg wohnt, verdient rund 105'000 Euro im Jahr.

Nur: Weshalb ist das soziale Gefälle im kleinen Mulhouse so gross? Vincent Béal, Soziologe an der Universität Strassburg, sagt: Mulhouse sei in den letzten Jahrzehnten zu einer Stadt der Extreme geworden: «Das Rebberg-Quartier ist zuoberst in der sozialen Hierarchie der Stadt. Die anderen Quartiere zuunterst. Dazwischen gibt es wenig: Die Mittelklasse hat die Stadt verlassen.» Jahrzehntelange Sparpolitik und De-Industrialisierung haben Spuren hinterlassen. Schon vor der Pandemie lebte ein Drittel der Mulhouser unter der Armutsgrenze. Corona wirke jetzt wie ein Brandbeschleuniger.

Ungleichheit gibt es nur dort, wo es Reichtum gibt. Armut alleine reicht nicht.
Autor: Vincent BéalSoziologe an der Universität Strassburg

Doch weshalb so viel Armut ausgerechnet im Elsass – einer Region, die eigentlich zu den reichsten Frankreichs gehört? Soziologe Béal sagt: «Ungleichheit gibt es nur dort, wo es Reichtum gibt. Armut alleine reicht nicht.» In Mulhouse sorge die Nähe zur Schweiz für dicke Portemonnaies bei Grenzgängerinnen und Geschäftsleuten auf dem Rebberg. Corona verstärke die Ungleichheit, denn die Mittel- und Oberschicht konnte im Shutdown viel sparen. «Ein Restaurantbesuch war zum Beispiel nicht möglich», sagt Béal. «Die Ärmeren haben hingegen ihre Arbeit verloren, ihren Lohn. Diese Ungleichheiten werden sich noch verstärken.»

Die Schere zwischen Arm und Reich: In Städten wie Mulhouse geht sie immer weiter auf. Die Politik ist gefordert.

Hier finden Sie Hilfe in der Corona-Zeit

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BAG Infoline Coronavirus, Link öffnet in einem neuen Fenster: 058 463 00 00 (täglich 6 bis 23 Uhr)

BAG Infoline Corona-Impfung, Link öffnet in einem neuen Fenster: 058 377 88 92 (täglich 6 bis 23 Uhr)

Dureschnufe, Link öffnet in einem neuen Fenster: Plattform für psychische Gesundheit rund um das neue Coronavirus

Angst und Panikhilfe Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster, Hotline: 0848 801 109 (10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr)

Eltern-Notruf Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster, Hotline: 0848 35 45 55 (24x7)

Pro Juventute, Link öffnet in einem neuen Fenster, Hotline für Kinder- und Jugendliche: 147 (24x7)

Schweizer Sorgen-Telefon, Link öffnet in einem neuen Fenster: 143 (24x7)

Suchthilfe Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster: Hotline für Jugendliche im Lockdown 0800 104 104 (Di. bis Do. 9 bis 12 Uhr)

Branchenhilfe.ch, Link öffnet in einem neuen Fenster: Ratgeberportal für Corona betroffene Wirtschaftszweige

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Lehmann  (Mike123)
    Da weiss doch jeder inzwischen dass die Geldflutung der EZB den Reichen beliebige Kredite zu praktisch Nullzins nachgeworfen werden, um so quasi die Wirtschaft anzukurbeln. Da die Wirtschaft schon vor Corona lief und Geld gedruckt wurde als gäbe es kein Morgen mehr, fliesst das Geld eben in Immobilien und in Aktien. Ähnliche Umstände führten 1923 zur Hyperinflation und zur Weltkrise. Gelddruckern haben nun schon und wird daraus wieder eine Hyperinflation?
  • Kommentar von Hänggi Vroni  (Hänggi Rüdiger Vroni)
    @Paolo Bernwert. Als ich Ihren Beitrag gelesen hatte, bin ich in die Küche, ein Espresso, auf den Balkon, Zigarette. Dann 10 tiefe Atemzüge um ruhiger zu werden. Arbeit für alle gibt es seit wohl gut 30 Jahren nicht mehr!. Der Willen zur Arbeit fehlt nicht, die Armen sind nicht selber schuld! Unterstützung gibt es, das reicht nicht! Arbeit fehlt immer noch! Haben Sie schon einmal etwas vom Gesellschaftswandel gehört? Bei dieser Misere braucht es das bedingungslose Grundeinkommen! Omg.
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Ungleichheit gibt es nur dort, wo es Reichtum gibt. Armut alleine reicht nicht. Das gilt auch für die Schweiz. Reiche werden reicher auf Kosten der Armen. Die Armen können schauen wo sie bleiben. Die Schere macht sich immer weiter auf. Die 2.153 reichsten Menschen kontrollierten im Vorjahr mehr Geldvermögen als die 4,6 Milliarden Ärmsten zusammen. Die materielle Ungleichheit empfinden die meisten Menschen als Missstand.
    1. Antwort von Marcel Lehmann  (Mike123)
      Die Reichen stehen voll und ganz hinter der Gelddruckorgie der EZB. Dass dies auch eine Umverteilung von unten nach oben bewirkt, stört die Oberschicht nicht und die Unteren haben es noch nicht mal bemerkt.