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Spanische Grippe: Die fatale «zweite Welle»
Aus Tagesschau vom 26.04.2020.
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Spanische Grippe 1918 San Franciscos zweite Welle als Warnung

Mehrere US-Städte lockerten während der Spanischen Grippe die Auflagen zu früh und bezahlten dies teuer. Experten warnen vor einer Wiederholung.

In mehreren US-Bundesstaaten werden dieser Tage die Auflagen für die Bevölkerung Schritt für Schritt wieder gelockert. So dürfen Coiffeursalons oder Bowlingbahnen in Georgia wieder öffnen, obschon die Fallzahlen dort noch am Steigen sind. Andere Bundesstaaten wie Texas oder South Carolina planen ebenfalls Lockerungen für die nächsten Tage.

Doch Experten warnen: Die Vergangenheit zeige, dass ein zu frühes Lockern der Auflagen zu einer zweiten Welle führen könne. Als prominentes Beispiel führen sie San Francisco an. Die Stadt an der Westküste kam bei der ersten Welle der Spanischen Grippe vor gut hundert Jahren noch relativ glimpflich davon. Sie hatte Schulen und Theater frühzeitig geschlossen und Tanzveranstaltungen verboten.

Dann kam die zweite Welle

Allerdings feierte die Stadt das Ende des Ersten Weltkriegs auch mit einer grossen Parade, trotz der grassierenden Spanischen Grippe. Und als die erste Welle abflachte, wurden die Auflagen ganz aufgehoben. Am 22. November 1918 schrieb die Lokalzeitung San Francisco Chronicle: «Nach vier Wochen Maulkorb-Trübsal legte San Francisco gestern die Masken beiseite und wagte einen tiefen Atemzug».

«Es gab Partys in der Stadt», sagt der renommierte Epidemiologe Stephen Morse von der New Yorker Columbia University: «Die Menschen warfen die Masken voller Freude in die Luft oder verbrannten sie. Doch damit ermöglichten sie erst recht eine zweite Welle. Und diese war noch verheerender, mit noch mehr Opfern als die erste».

Schon anfangs Januar waren die Spitäler wieder voll. Pro Tag starben 25 Menschen an der Krankheit. Die Masken-Pflicht wurde wieder eingeführt. «Wir sind besorgt, dass sich ähnliches wie in San Francisco heute wiederholen könnte», sagt Morse. «Die Leute waren damals zu optimistisch. Wir wissen auch heute schlicht nicht, wann der richtige Zeitpunkt ist, um zu einem gewissen Grad an Normalität zurückzukehren».

Lehren für heute

Zwar gab es bei der Spanischen Grippe auch in anderen Städten eine zweite Welle, sie fiel jedoch je nach Ort völlig unterschiedlich aus. New York traf es damals in der ersten Welle hart, die zweite war weniger schlimm. Das könne auch am Grad der Immunisierung liegen, sagt Morse. Städte wie St. Louis und Los Angeles, welche die Auflagen früh lockerten, kämpften aber mit einer verheerenden zweiten Welle.

Taugen Erfahrungen aus einer Epidemie vor über hundert Jahren als Warnung für heute? Vergleiche seien durchaus möglich, sagt Epidemiologe Morse: «Wir wissen heute zwar wesentlich mehr darüber, wie sich das Virus verbreitet, doch nach wie vor ist vieles unbekannt.» Die Spanische Grippe könne gute Hinweise darauf geben, wie sich ein Virus, das die Atemwege betrifft, verbreitet.

Vorsicht in New York

Laut Morse gilt es, die Auflagen vorsichtig, Schritt für Schritt, aufzuheben und genau empirisch zu beobachten, wie sich dies auswirke. «Georgia, Florida oder South Carolina könnten Rückschlüsse darauf bringen, ob es zu früh ist. Ich bin besorgt, aber wir wissen es einfach nicht.»

Der Gouverneur des am stärksten betroffenen US-Bundesstaates New York, Andrew Cuomo, will noch kein Risiko eingehen. Bei einer Medienkonferenz letzte Woche nahm er explizit Bezug auf die Spanische Grippe. Diese zeige, dass es Wellen geben könne: «Ich will nicht, dass es hinterher heisst: ‹Es gab politischen Druck, die Führung wurde nervös und agierte unvorsichtig›. So wollen wir uns nicht verhalten.»

Tagesschau, 26.4.20, 19:30 Uhr

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30 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    Gehen Sie mal raus auf die Strasse. Glauben Sie, irgendjemanden dort juckt eine zweite Welle? Während wir uns hier informieren und diskutieren, geht es dem Gros der Leute schon wieder nur ums "Shopping", als ob es Corona nie gegeben hätte.
    Da muss man sich nicht wundern, wenn Verantwortliche einen behandeln, als ob man dumm und doof wäre, wenn man sich genau so verhält.
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  • Kommentar von Silvan Lauber  (SiLa)
    Die spanische Grippe war ein Influenza-Virus, also ein Grippe-Virus. Das Corona-Virus ist ein Erkältungsvirus. Bei Influenza-Viren sind grosse Mutationen häufiger und die zweite Welle der spanischen Grippe wurde genau durch so eine grosse Mutation ausgelöst. Es war beinahe ein anderes Virus: Viel viel Aggressiver, verursachte einen Zytokinsturm bei jungen Menschen (Immun-System richtet sich gegen Mensch). Doch in der Regel passiert meist das Gegenteil: Viren werden harmloser durch Mutationen.
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Eine zweite Welle wird, solange es weder Impfung noch Therapie gibt, in jedem Fall kommen. Nur es stark davon Abhängig wie viel gelockert wird wie gut sich die Menschen an die Distanzmassnahmen halten. Wird zuwenig gelockert würgen wir die Wirtschaft vollends ab. Wird zuviel gelockert, wird die zweite Welle so richtig einschlagen. Es gilt also ein geschickter Mittelweg zu finden, in dem die zweite Welle nicht ausser Kontrolle gerät und allenfalls nur geringe Verschärfungen wieder nötig sind.
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    1. Antwort von Haller Hans  (H.Haller)
      Natürlich muss man so rasch als möglich sich mit dieser Problematik auseinander setzen und all jene Varianten, die uns zurück führen anschauen. Man wird sogar empirisch vorgehen müssen und immer überwachen, was sich daraus ergibt und so nötig halt wieder Gegensteuer geben. - Aber raus aus dem Lock-Down müssen wir. Das da was jetzt läuft, lässt sich nicht auf unbestimmte Zeit so aufrecht erhalten. "Lock-Down heisst, je länger desto schwieriger, desto problematischer, desto gefährlicher"...!
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    2. Antwort von Lothar Drack  (samSok)
      «Aber raus aus dem Lock-Down müssen wir.» Herr Haller, da kann Ihnen sicherlich jedermann und jedefrau beipflichten!
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