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Staat im Staat So wird der Libanon von der Hisbollah beherrscht

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten verhandeln Israel und Libanon – auch über die Hisbollah. Wer ist sie eigentlich?

Worum geht es? Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben Israel und der Libanon diplomatische Gespräche geführt. Und das, obwohl die beiden Länder formal im Krieg miteinander sind. Nun haben sie ein gemeinsames Ziel definiert: Ein Friedensabkommen soll es geben – dazu gehört auch die Entwaffnung der Hisbollah-Miliz. Aber wer ist die Hisbollah überhaupt und wie viel Macht hat sie im Libanon?

Welche Rolle hat die Hisbollah im Libanon? Laut Islamwissenschaftler Reinhard Schulze ist die Hisbollah sowohl militärische als auch religiöse und politische Organisation. Oft wird die Miliz als «Staat im Staat» bezeichnet. Die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz hat Vertreter im Parlament, betreibt eigene Spitäler und sogar Krankenkassen.

Wie ist die Hisbollah entstanden? Die Idee für eine Organisation für die schiitische Bevölkerung ist schon während des Bürgerkriegs in den 70er-Jahren entstanden. Dann marschierten 1982 israelische Truppen im Süden des Landes ein, Hunderttausende Menschen flohen in die Städte – auch in die Hauptstadt Beirut. Die Vertriebenen bildeten ein neues Milieu: «Eine schiitische Organisation, die die religiöse Idee eines ‹Reichs der Gerechtigkeit› verwirklichen und eine generelle islamische Revolution entfalten wollte» – die Hisbollah entstand. «Danach radikalisierte sie sich immer weiter», sagt Schulze.

Wie viel Macht hat die Hisbollah? «Dieser Parastaat ist mächtig – er integriert etwa 25 Prozent der libanesischen Bevölkerung», sagt Schulze. Und die Infrastruktur der Miliz sei für viele Menschen unersetzlich, weil sich der Staat aus vielen Bereichen zurückgezogen hat.

Wo bleibt der libanesische Staat? Als «nicht durchsetzungsfähig» bezeichnet Schulze den libanesischen Staat. «Obwohl die Armee mit Waffen und Infrastruktur nicht schlecht aufgestellt wäre.» Es fehle an politischem Willen. Auch als 2020 bei einer Explosion im Hafen von Beirut über 200 Menschen ums Leben kamen, sei der Staat untätig geblieben, sagt Schulze. «Die Reaktion war fast schon symbolisch für die Unfähigkeit des libanesischen Staates.»

Solange Reformen in Staat und Gesellschaft ausbleiben, wird der Konflikt auch ohne Hisbollah weitergehen.
Autor: Reinhard Schulze Islamwissenschaftler

Welche Zukunft hat die Hisbollah? «Als militärisch schlagkräftige Organisation wird es die Hisbollah wohl nicht mehr lange geben – vielleicht noch drei, vier Monate», schätzt Schulze. «Gesetzt den Fall, dass die israelischen Angriffe weitergehen und die libanesische Armee die entstehenden Lücken füllen kann.» Doch dann stelle sich wieder die Frage nach den Fluchtbewegungen. Schon jetzt sind fast 600'000 Menschen aus dem Süden geflohen – daraus könnte sich wieder eine neue Organisation gründen, gibt Schulze zu bedenken. «Solange nicht der Staat grundsätzlich reformiert wird und die sozialen Beziehungen politisch neu organisiert werden, wird der Konflikt auch ohne Hisbollah weitergehen.»

SRF 4 News, 15.04.2026, 16:33 Uhr ; 

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