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International Star-Ökonom warnt vor Kollaps der EU

Nach dem Brexit sieht Kenneth Rogoff dunkle Wolken über Europa und der Weltwirtschaft heraufziehen. Prognosen seien zwar schwierig, so der renommierte Ökonom der Harvard-Universität: «Doch die Situation ist absolut dramatisch.»

Kenneth Rogoff
Legende: Nach dem Brexit hält der US-Ökonom eine Kettenreaktion in Europa für denkbar. Keystone

«Ich wäre nicht überrascht, wenn es an den Finanzmärkten noch schlimmer kommt», sagt Kenneth Rogoff. Die politische Situation nach dem Brexit-Votum der Briten sei wahnsinnig unsicher, und die Aktienmärkte hassten Unsicherheit. Es könne noch lange dauern, bis die Stabilität zurückkehre: «Denn ein Retter ist derzeit nicht in Sicht», so der Harvard-Ökonom.

In Grossbritannien fühle sich niemand verantwortlich für das Austritts-Votum. Nach dem Rücktritt des britischen Premierministers David Cameron gebe es ein Machtvakuum. Nicht nur die Opposion sei in Unordnung, sondern auch Camerons Konservative.

«Und meine allergrösste Sorge ist», sagt der US-Ökonom, «dass der Brexit zu einer Kettenreaktion führen könnte, es also nicht bei dem einem Austritts-Votum bleibt. Dann nämlich, wenn auch andere EU-Länder auf die Idee kommen, die Würfel rollen zu lassen.»

Domino-Effekt nach dem Brexit?

Politische Opportunisten in der EU (auf dem Kontinent) wie Marine Le Pen in Frankreich könnten versucht sein, die Gunst der Stunde zu nutzen, und die Bevölkerung ihres Landes ebenfalls über einen EU-Abschied abstimmen zu lassen – in der Hoffnung, damit an die Macht zu kommen.

Er versuche zwar, nicht zu übertreiben, sagt Rogoff: «Aber das hier ist eine absolut dramatische Situation.» Und wahrscheinlich erst der Anfang. Rogoff, der es als begabter Schachspieler gewohnt ist, nach vorne zu denken, prophezeit, dass das Austritts-Votum der Briten auch die Weltwirtschaft für viele Jahre belasten wird.

Die Weltwirtschaft wachse derzeit nur noch schwach, und Chinas Wirtschaft habe die besten Zeiten hinter sich, sagt Rogoff: «Da kommt die Unsicherheit über den Brexit zur Unzeit.»

Möglich ist alles

Eine Frage, die in diesen Tagen oft gestellt wird: Könnte der Brexit der Anfang vom Ende der Europäischen Union sein? «Natürlich könnte es das», sagt Rogoff. Der Euro sei sehr fragil. Er würde nicht sagen, dass es die wahrscheinlichste Möglichkeit sei, aber: «Kaum jemand hat schliesslich mit dem Austritts-Votum der Briten gerechnet.»

Das sei als Protest der Unzufriedenen gegen die herrschenden Eliten zu verstehen. Ähnlich sei auch der grosse Zulauf von Donald Trump in den USA zu erklären: «Wer weiss schon, was passieren wird», sagt Rogoff.

Am allerbesten für alle wäre, wenn die Briten den Brexit nicht wahrmachten, meint der Ökonom schliesslich. Oder die Europäer den letzten Schritt vielleicht doch noch mit einem guten Angebot an die Briten verhindern könnten.

Zur Person

Kenneth Saul Rogoff, geboren 1953 in Rochester/New York, ist ein US-amerikanischer Ökonom. Seit 1999 ist er Professor an der Harvard University. Von 2001 bis 2003 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er wurde ausserdem als Schachspieler bekannt und trägt den Titel eines Grossmeisters.

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49 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber (SeDem)
    Und was bedeutet das alles für die Schweiz? Warum scheint die Classe politique in Bern auf breiter Front abgetaucht zu sein? Warum fragt SRF nicht mal nach bei SVP, FDP, SP etc.? Das Chaos dürfte in der CH-Wirtschaft ähnlich gross sein wie in UK, wenn der privilegierte Zugang zum EU-Binnenmarkt in Folge der MEI plötzlich weg ist. Die 27 EU-Staaten sind sich ja beim Brexit einig, dass es ohne PFZ auch keinen freien Binnenmarktzutritt mehr geben wird.
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    1. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      Ist sie nicht, Herr Demlgruber, allerdings wurde das Thema inklusive Einfluss auf Bilaterale I & II schon im Vorfeld der Brexit-Abstimmung bis zur Erschöpfung durchgekaut. Mal unabhängig von meiner persönlichen Meinung, ist die Mehrheit von Bevölkerung und Politik in der Schweiz nicht bereit, die bisherigen Verträge zugunsten des MEI zu riskieren.
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  • Kommentar von Stefan Durrer (Stefdurr65)
    Den Amerikanern passt das nicht, soweit so klar. Die Aussage der Euro sei fragil, ebenfalls richtig. Aber was um alles ist dann erst recht der Dollar?. Oder gibt es eine bessere Erklärung dafür, dass die Chinesen mit Ihren Dollarreseven in ganz Europa investieren was das Zeug hält. In Immobilien und funktionierende Firmen versteht sich? Die Börse scheint für diesen Zweck aus der Mode gekommen zu sein.
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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    "Domino-Effekt"Wenn nun Brüssel den restlichen Mitgliedstaaten verbietet, weiter mit GB zu handeln und zu verhandeln, ist eine Kettenreaktion gut möglich, denn das lassen sich selbst deutsche Firmen - wie schon angekündigt - nicht gefallen. Wenn die Antwort auf Brexit noch engeres Zusammenwachsen der Währungsunion und noch mehr Einbindung+Integration in die EU bedeuten soll, so die stolzen und uneinsichtigen Herren Schulz+Juncker, kann man dazu nur sagen, das eigentliche Problem sind sie selber.
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