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Streik in Polen gegen verschärftes Abtreibungsverbot
Aus Tagesschau vom 28.10.2020.
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Streit um Abtreibungsrecht Liberale Polinnen streiken gegen faktisches Abtreibungsverbot

Der Protest gegen ein strengeres Abtreibungsrecht hat ganz Polen erfasst. Vielerorts streikten städtische Angestellte.

Die seit sechs Tagen andauernden Proteste gegen ein verschärftes Abtreibungsrecht in Polen haben am Mittwoch eine neue Dimension erreicht. In vielen Städten folgten Angestellte dem Aufruf der Frauenbewegung und traten in einen Streik. Am Abend sind in mehreren Städten Demonstrationen geplant.

Zur Aktion hatte die Organisation «Allpolnischer Frauenstreik» aufgerufen. Dieser richtet sich gegen einen Entscheid des Verfassungsgerichts, wonach auch Schwangerschaftsabbrüche aufgrund schwerer Fehlbildungen des ungeborenen Kindes verfassungswidrig seien. Damit würde in Polen faktisch ein Abtreibungsverbot installiert.

Öffentliche Verwaltungen nehmen Ball auf

Besonders in Stadtverwaltungen blieben Frauen der Arbeit fern, wie polnische Medien berichteten. Oft taten sie es mit ausdrücklicher Billigung ihrer Vorgesetzten. Die Oberbürgermeisterin von Polens drittgrösster Stadt Lodz, Hanna Zdanowska, postete ein Foto von ihrem leeren Schreibtischstuhl mit dem Kommentar «Bin ausserhalb des Büros».

Auch Warschaus Oberbürgermeister Rafal Trzaskowski hatte angekündigt, den Streik zu unterstützen. Er wollte Busse und Bahnen der öffentlichen Verkehrsmittel beflaggen lassen.

Alle Angestellten haben das Recht, nicht zur Arbeit zu kommen – auch die Männer.
Geschäftsinhaberin aus Warschau

In der Hafenstadt Stettin rief die Gewerkschaft die Stadtbediensteten auf, aus Solidarität mit den Demonstranten schwarze Kleidung zu tragen. In Krakau und Danzig blieben viele Studentinnen den Vorlesungen fern.

Auch in Breslau demonstrierten am Dienstagabend Tausende und blockierten die Strassen mit Autos.
Legende: Auch in Breslau demonstrierten am Dienstagabend Tausende und blockierten die Strassen mit Autos. imago images

Streiks gab es aber auch in privaten Betrieben. «Ich bin Inhaberin einer Firma. Alle Angestellten haben das Recht, nicht zur Arbeit zu kommen – auch die Männer», sagte eine Geschäftsfrau aus Warschau dem Radiosender RMF.

Frauenstreik.
Legende: Frauenstreik am Dienstag, 27. Oktober, vor dem Parlament in Warschau. imago images

Tochter des Präsidenten meldet sich zu Wort

Die Tochter und Beraterin von Präsident Andrzej Duda forderte, Frauen bei schweren Fehlbildungen des Kindes weiterhin einen Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen. Sie selbst würde sich zwar aufgrund ihrer Überzeugungen nie zu einem Abbruch entscheiden, schrieb die 24-jährige Kinga Duda am Mittwoch auf Twitter. «Aber in einer Sache, die so unglaublich schwer ist, wie die Vorstellung von der Geburt eines Kindes, das Minuten oder Stunden nach der Geburt sterben kann, sollte die Entscheidung über Fortführung oder Abbbruch der Schwangerschaft bei der Frau liegen».

Kinga Duda.
Legende: Präsidententochter Kinga Duda griff am Mittwoch mit einer Stellungnahme in die Abtreibungsdebatte ein. imago images

Eskalation nach Nazi-Vergleich im Parlament

Am Dienstag hatte eine Aussage des stellvertretenden Parlamentsvorsitzenden Ryszard Terlecki von der nationalkonservativen Regierungspartei (PiS) für tumultartige Szenen im Parlament geführt. Er hatte die Blitz-Symbole auf den Masken der Oppositionsabgeordneten mit Symbolen von SS und Hitlerjugend verglichen. Oppositionelle sprangen darauf in Richtung Rednerpult und umringten die Bank mit PiS-Chef Kaczyński. Die Saalwache wurde gerufen, die Sitzung musste unterbrochen werden.

ARD-Korrespondent Jan Pallokat in Warschau

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ARD-Korrespondent Jan Pallokat in Warschau

Wenn die Ausnahmeregelung im polnischen Abtreibungsgesetz gemäss Verfassungsgerichtsentscheid gestrichen wird, gibt es keine Wahlfreiheit mehr. Damit können Frauen nicht mehr selbst entscheiden, ob sie eine Schwangerschaft austragen wollen, wenn ein grosser Gesundheitsschaden beim Kind zu erwarten ist.

Bereits hätten Kliniken anstehende legale Abtreibungen aus dem Terminkalender gestrichen, berichtet ARD-Korrespondent Jan Pallokat in der polnischen Hauptstadt Warschau: «Jetzt müssen betroffen Frauen schauen, was sie tun. Es sind tiefgehende Eingriffe, die sehr berühren. Die regierungskritischen Medien berichten darüber sehr detailliert. Es gibt sehr viel Tränen und Wut auch bei den Demonstrantinnen.»

Bereits 2016 gingen in Polen die Menschen wegen einer Verschärfung des ohnehin schon strengen Abtreibungsrechts auf die Strasse. Die «schwarzen Proteste» richteten sich damals gegen einen Bürgergesetzesentwurf der im Jahr zuvor siegreichen PiS-Partei.

SRF 4 News, 28.10.2020, 08:25 Uhr ;

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Liechti  (Walimann)
    Auch wenn Abtreibung verboten ist, abgetrieben wird trotzdem. Frauen, welche es sich leisten können, fahren ins Ausland und lassen sich mit zeitgemäßen Methoden behandeln. Die weniger begüterten Frauen greifen zu mittelalterlichen Methoden, wie Stricknadeln usw. und riskieren dabei ihr Leben. Sowohl die neuzeitliche Absaugmethode wie auch die Abtreibungspille RU486 sind für die abtreibenden Frauen gut verträglich, auch für den Embryo, er wird schnell und schmerzlos getötet und entfernt.
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  • Kommentar von Walter Liechti  (Walimann)
    Verhütungsmittel und Abtreibung gehören heutzutage zu einer konsequenten Geburtenkontrolle ganz einfach dazu.
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    1. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Man finde den Widerspruch!
      Würde konsequent verhütet (schon wegen Aids), würde auch weniger ganz ohne Not abgetrieben.
      Nennt sich Vorsorge!
      "Vorsorge ist besser als heilen" - gilt hier:" Vorsorge ist besser als abtreiben."
      Und konsequent verhütet ist die beste Geburtenkontrolle.
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    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Ein Abtreibungsverbot ist ein Weg zurück in die Vergangenheit und kann nicht mit dem Hinweis auf bessere Verhütung beschönigt werden. Unerwünschte Kinder in eine überbevölkerte Welt zu setzen ist ein Blödsinn.
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    3. Antwort von Walter Liechti  (Walimann)
      @ Eva Wädensweiler: Gerade in Zeiten, wo die hormonellen Verhütungsmittel, zurecht, zunehmend in Verruf geraten, werden an dessen Stelle etwas weniger sicher wirkende Verhütungsmethoden angewandt. Es kann doch nicht sein, dass deswegen gezeugte Kinder zwingend in die Welt gesetzt werden müssen. Sex soll man auch ohne Kinderwunsch unbeschwert genießen dürfen.
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    4. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Frau Wädensweiler Manche wünschen sich ein Kind und haben dann doch einen Fötus, der nicht lebensfähig ist. Die Paare wollen ja nicht verhüten. Den Frauen dann aber zuzumuten ein Kind auszutragen, von dem sie wissen, dass es nicht leben wird, ist unmenschlichen.
      Ach ja, bei einer Vergewaltigung hätte die Frau auch verhüten sollen? In Polen darf auch dann nicht mehr abgetrieben werden.
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Schrecklich was da in Polen passiert. Reaktionäre und erzkonservative Kräfte wollen aufgrund ihrer eigenen Moralvorstellungen wiederum unzählige Frauen in unnötiges Leid stürzen. Nur damit ihre Klientel, häufig alte Männer, zufrieden ist.
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    1. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Der Papst, welcher als katholisches Oberhaupt gegen Verhütung ist, hat es auf Anfrage bezüglich Überbevölkerung folgendermassen ausgedrückt:" Dann sollen sie es halt nicht wie die Karnickel treiben." :-)
      Und Abtreibungen zu befürworten nur weil wir jetzt im 21. Jahrhundert leben, macht sie nicht besser. Vor allem nicht, wenn es ein gesundes Kind ist. Meine, korrekt wäre, es von Fall zu Fall genau zu prüfen.
      Dann wird auch keine Frau in unnötiges Leid gestürzt.
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