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Claudia Brühwiler über den «Kulminationspunkt» der Amtszeit Trumps
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.01.2021.
abspielen. Laufzeit 09:46 Minuten.
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Sturm auf Kapitol «Hätte Trump einen Coup geplant, wäre er das anders angegangen»

Die Geschehnisse werden als dramatischer Tiefpunkt in die US-Geschichte eingehen: Im Kongress lief die Bestätigung der Elektorenstimmen, als ein Mob von Fans des Präsidenten Donald Trump ins Parlamentsgebäude eindrang. USA-Expertin Claudia Brühwiler von der Universität St. Gallen hält aber fest: Die demokratischen Strukturen hätten dem Ansturm standgehalten.

Claudia Brühwiler

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Die Politologin Claudia Brühwiler ist Dozentin für Amerikanistik, Link öffnet in einem neuen Fenster an der Universität St. Gallen.

SRF News: Joe Biden sprach vom grössten Angriff auf die US-Demokratie in der modernen Geschichte. Teilen Sie diese Einschätzung?

Claudia Brühwiler: Das ist etwas weit gefasst, zumal wir es hier mit einem Land zu tun haben, das mehrere Präsidenten durch Attentate verloren und einen Bürgerkrieg durchlitten hat. Das ist zum Glück alles lange her. Man kann aber sagen, es ist eine der grössten Krisen in der jüngsten Vergangenheit.

Nimmt die US-Demokratie dadurch nachhaltigen Schaden?

Ich glaube, sie ist stark genug. Viele haben immer wieder Donald Trumps Autoritarismus kritisiert und behauptet, man sei auf dem Weg zur Abschaffung der Demokratie. Wenn man das Ganze nüchtern betrachtet, muss man sagen: Das System, das sich die Gründerväter ausgedacht und geformt haben, hat Bestand gehabt. Wir haben nicht erlebt, dass ein Präsident durchregieren und alles bestimmen und manipulieren konnte.

Trump hat das Vertrauen in die Institutionen untergraben. Davon zu gesunden, wird länger dauern.

Im Gegenteil, innere Blockaden haben gewirkt. Allerdings: Trump hat mit vielen Normen gebrochen und vor allem auch das Vertrauen in die Institutionen untergraben. Davon zu gesunden, wird länger dauern.

Trump forderte seine Anhänger in einem Video auf, nach Hause zu gehen. Er sagte aber auch, er könne deren Wut verstehen. War das hilfreich?

Das war zu wenig und zu spät. Er wurde auch von Republikanern für dieses Video kritisiert. Viele meinten, er hätte im Oval Office ein Statement aufnehmen müssen, um dem Ganzen ein zusätzliches Gewicht zu geben. Auch seine Tweets zeigen: Er fühlt sich nach wie vor seines Sieges beraubt und ist nicht einsichtig in Bezug darauf, was geschehen ist und was die Bilder bei den Wählern und der internationalen Gemeinschaft auslösen.

Sind diese Szenen die logische Folge von vier Jahren Trump?

Es ist quasi der Kulminationspunkt. Wir haben es mit einem Präsidenten zu tun, der schon immer mit der Angst vor Angriffen auf die US-Demokratie gespielt hat. Denken wir zurück an die Ereignisse in Charlottesville, die er damit kommentierte, es habe gute Leute auf beiden Seiten gegeben.

Die Sicherheitsleute haben es nicht vorausgesehen.

Gleichzeitig sah man aber auch, wie überrascht viele der Republikaner, die den Protestierenden zuvor noch zugewinkt hatten, von den Ereignissen waren. Auch die Sicherheitsleute haben es nicht vorausgesehen.

Kann Trump versuchen, mithilfe von Kriegsrecht an der Macht zu bleiben?

Ich glaube nicht. Wenn er einen echten Coup geplant hätte, dann wäre er das ganz anders angegangen. Es scheint mir wieder eins seiner Spiele mit den Ängsten aller gewesen zu sein. Wir haben schon klare Statements von ehemaligen Verteidigungsministern gehört, was die Rolle des Militärs in der Übergangszeit sein kann. Und es wird nun auch in der Partei genügend Widerstände geben, dass so etwas tatsächlich ein Alptraumszenario bleibt.

Gibt es Möglichkeiten, Trump vor dem 20. Januar zu entmachten?

Es gäbe die Möglichkeit, dass der Vizepräsident in Einklang mit dem Kabinett die Macht übernimmt, wenn man erklärt, der Präsident sei beispielsweise aufgrund seines geistigen Zustandes nicht mehr in der Lage, die Geschäfte zu führen. Ich glaube aber, dass man das als Geste der Versöhnlichkeit nicht tun wird, sondern dass man das quasi aussitzt.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

SRF 4 News, 07.02.2021, 06:20 Uhr;

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116 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Ich traue Trump auch gar nicht zu, dass er planen kann - zumindest nicht wenn er dabei noch denken müsste.
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  • Kommentar von Ursula Rheinganz  (UrsulaR)
    Irgendwie klar, dass das irgendwie nicht geplant war. Trump ist ja auch irgendwie spektakulär und unbeabsichtigt in diese Präsidentschaft hineingeschliddert. Da musste er sie doch auch irgendwie spektakulär beenden.
    Ganz ohne Show einfach nach Florida auf den Golfplatz verschwinden lag nicht drin.
    Wenigstens sollten jetzt die Amerikaner gewarnt sein, was bei den nächsten Wahlen auf sie zu kommt.
    Wer kann dieses Land vor seinen Extremen schützen?
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  • Kommentar von Markus Lumpert  (Timmyasco)
    Ich teile Frau Brühwilers Ansicht in weiten Teilen. Nur Trump ist zu dumm und selbstgefällig um einen Coup zu planen.
    Im weiteren ist Trump sehr gut lesbar wenn man denn will. Somit sind die Stimmen die von der Unvorhersehbarkeit seines Tuns reden ziemlich naiv.
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