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Syrien «Der IS, den wir kennen, wird nie wieder kommen»

Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien geht die Angst um vor einem Wiedererstarken der Terror-Organisation IS. Verschiedene Anschläge im Land wurden in den letzten Monaten dem sogenannten Islamischen Staat zugeschrieben. Welche Gefahr heute von der Terrormiliz ausgeht, erklärt Syrien-Kenner und Korrespondent des «Spiegels», Christoph Reuter.

Christoph Reuter

Journalist

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Der deutsche Journalist und Kriegsberichterstatter Christoph Reuter berichtet als Reporter für das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

SRF News: Was ist über die jüngsten US-Militärschläge gegen den IS in Syrien bekannt?

Christoph Reuter: Relativ wenig. Nach unserer Erfahrung haben die US-Streitkräfte oft eine Vielzahl von Luftschlägen angegeben. Fragt man aber lokal nach, heisst es, dass sie eventuell ein Materiallager, ein Waffenlager in der Wüste bombardiert haben. In diesen Informationen spiegelt sich aber nicht, dass Menschen dabei umgekommen wären. Insofern muss man davon ausgehen, dass die USA diese Meldungen der Angriffe verbreiten, um den Kampf gegen den IS damit zu unterfüttern.

USA: Weitere Schläge gegen Terrormiliz IS in Syrien

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Bewaffnete Person auf Fahrzeug mit Flaggen in Hintergrund.
Legende: Kurdische interne Sicherheitskräfte bewegen sich in Richtung Frontlinien im Nordosten Syriens. REUTERS/Orhan Qereman

Bei Kämpfen zwischen Truppen der syrischen Übergangsregierung und den kurdisch dominierten SDF Anfang Jahr gelang zahlreichen IS-Gefangenen zeitweise die Flucht aus einem Gefängnis, das bis dahin von den Kurden im Norden Syriens bewacht wurde. In der Folge verlegte die US-Armee Tausende männliche IS-Gefangene von Syrien in den Irak.

Zudem hat das US-Militär offenbar seine grossangelegte Operation «Hawkeye Strike» gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien fortgesetzt. Zwischen dem 3. und 12. Februar seien zehn Schläge ausgeführt und damit mehr als 30 Ziele des IS ins Visier genommen worden, teilte das zuständige Regionalkommando des US-Militärs (Centcom) auf der Plattform X mit. Ziel sei, den «unerbittlichen militärischen Druck auf die Überreste des Terrornetzwerks aufrechtzuerhalten».

Die Operation «Hawkeye Strike» wurde als Reaktion auf einen tödlichen Angriff auf drei Amerikaner in Syrien am 13. Dezember eingeleitet. In den vergangenen zwei Monaten seien mehr als 50 IS-Terroristen getötet oder gefangen genommen und über 100 Ziele der Terrormiliz angegriffen worden, hiess es. (sda)

Die USA haben am Samstag vermeldet, man habe in den letzten vier Wochen 5700 männliche IS-Gefangene in den Irak verlegt. Was sind da die Hintergründe?

Die IS-Kämpfer wurden unter Kontrolle der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) in den Gefängnissen eingelagert. Jahrelang passierte einfach nichts. Es gab weder Verfahren noch wollten die Länder, aus denen die Ausländer gekommen waren – auch Deutschland und die Schweiz –, ihre eigenen Bürger zurück. Im Chaos der Gefechte, des Vordringen der neuen syrischen Armee und des Kollaps der SDF gab es die Angst, dass diese Gefängnisse ohne Bewachung bleiben. 

Niemand hat ein Konzept, wie man die Gefangenen vor Gericht stellt und was mit ihnen nach der Strafe passieren soll.

In dieser Situation haben die Amerikaner sehr kurzfristig mit der irakischen Regierung vereinbart, dass sie die Gefangenen aus den Gefängnissen rausholen und mit Helikoptern und Frachtflugzeugen in den Irak transportieren. Diese temporäre Massnahme zeigt, dass niemand ein Konzept hat, wie man die Gefangenen vor Gericht stellt und was mit ihnen nach ihrer Strafe passieren soll.

Unter welchen Bedingungen könnte sich der IS tatsächlich wieder ausbreiten?

Diese Frage rührt, wenn man so will, an einem grossen Irrtum in der Betrachtung des IS. Der IS, den wir kennen, der 2014 die Millionenstadt Mossul einnehmen konnte und wie ein durchorganisierter Staat funktioniert hat, wird nie wieder kommen.

Es gibt ein politisches Interesse, die Rückkehr des IS grösser zu zeichnen, als sie ist.

Die Führungsschicht bestand aus ehemaligen irakischen Geheimdienst-Generälen, Offizieren der Special Forces, die sich nach Saddams Sturz überlegt haben, wie sie wieder Macht generieren können. Dieser IS wird nicht wiederkommen, weil die Leute alle tot sind. Was wir in den letzten Jahren sahen, sind diffuse Gruppen, die kein Territorium beherrschen, aber im Namen des Schreckens mit dem Namen des IS operieren.

Syriens Übergangspräsident al-Scharaa und der IS

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Ahmed al-Scharaa stammt ursprünglich aus dem gleichen ideologischen Milieu wie der IS. Seit sich al-Scharaa aber von ihnen losgesagt hat, habe der IS versucht, al-Scharaa umzubringen, sagt der Journalist Reuter gegenüber SRF. «Er war der absolute Todfeind aus demselben Milieu. Und al-Scharaa weiss natürlich, dass jegliche Nähe seiner Regierung zum IS tödlich für die internationale Anerkennung wäre.»

Das Problem sei aber, dass Teile seiner Gefolgschaft, mit der er letzten Endes innerhalb von elf Tagen den Sturz des Regimes herbeigeführt hatte, sich vom Übergangspräsidenten distanzierten und ideologisch noch im alten Lager seien. «Al-Scharaa preist Trump, will in die internationale Gemeinschaft aufgenommen werden, trägt Schlips, und sein Bart wird immer kürzer», erklärt Reuter. Dehalb würden sie sich dem IS oder anderen Gruppen anschliessen, die unter neuem Namen dieselbe Ideologie verfolgen. «Das ist die Gefahr», sagt Reuter.

Gemäss Berichten hat der IS in den letzten Monaten grossen Zulauf gehabt. Was weiss man darüber?

Man muss bei solchen Angaben vorsichtig sein, weil es immer ein politisches Interesse gibt, die Rückkehr des IS grösser zu zeichnen, als sie ist. Indem man sagt: «Wir bekämpfen eine Gefahr, die immer grösser wird», wird versucht eine internationale Unterstützung oder Unterstützung von anderen Partnern zu generieren. Aber der IS kann sich in keiner Gegend unbehelligt entfalten. Sämtliche Regierungen, etwa die US-Streitkräfte, die Kurden in Syrien, die irakische Regierung, selbst die Diktatur von Baschar al-Assad, hatten sich dem Kampf gegen den IS verschrieben. Das war der gemeinsame Nenner, auf den man sich immer verständigen konnte.

Das Gespräch führte Matthias Kündig.

Echo der Zeit, 15.2.2026, 18 Uhr ; 

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