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Afghanistan: «Signale sind auf Krieg ausgerichtet»
Aus Echo der Zeit vom 04.08.2021.
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Taliban auf dem Vormarsch «Die Zeichen in Afghanistan stehen auf Krieg»

Die Taliban rücken in Afghanistan vor. Die Kämpfe verlagern sich zunehmend in die Provinzstädte. Nach dem Anschlag nahe dem Haus des Verteidigungsministers herrsche auch in der Hauptstadt Kabul gedrückte Stimmung, berichtet Ellinor Zeino von der lokalen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Ellinor Zeino

Ellinor Zeino

Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul

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Zeino ist Politikwissenschaftlerin und leitet das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Kabul. Die KAS ist eine politische Stiftung, die der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDU) nahesteht.

Wie ist die Lage aktuell in Kabul?

Ellinor Zeino: Für Kabuler Verhältnisse ist es noch relativ ruhig. In den letzten Wochen und Monaten gab es sehr wenige Anschläge. Gestern dann der komplexe mehrstündige Anschlag auf den Verteidigungsminister. Zurzeit gibt es eine Bürgerbewegung, die sich in den sozialen Medien gegen die Taliban wendet und dazu aufruft, zu gewissen Zeiten «Allahu Akbar» zu rufen. Das war gestern parallel zu den Schüssen und Explosionen der Fall und sorgte für eine bewegende und bedrückende Stimmung.

Wie ist der Anschlag auf den Verteidigungsminister zu interpretieren?

Es war ein sehr grosser symbolischer Akt, den die Taliban auch schon für sich beansprucht haben. Symbolisch vor allem, weil die Taliban mit dem Doha-Agreement und dem Beginn des Truppenabzugs eigentlich keine grossen Anschläge in den Städten durchführen wollten. Jetzt sind die Signale von der Taliban-Führung wie auch von der afghanischen Regierung klar auf Krieg ausgerichtet. Gleichzeitig hat sich noch keine Seite vom offiziellen politischen Verhandlungsprozess verabschiedet.

Jetzt sind die Signale von der Taliban-Führung wie auch von der afghanischen Regierung klar auf Krieg ausgerichtet.

Was ist das Ziel der Taliban?

Das ist die grosse Frage. Die politische Führung der Taliban will zurück an die politische Macht und eine islamische Gesellschaftsordnung etablieren. Sie hat aber auch meines Erachtens kein Interesse an einem Bürgerkrieg. Mittlerweile ist die Taliban-Bewegung aber sehr heterogen geworden. Ein Friedensabkommen birgt auch das Risiko, dass sich viele radikale Mitglieder dschihadistischen Gruppen anschliessen. Ebenso denkbar ist, dass Gebiete von unterschiedlichen Gruppen kontrolliert werden, wie das bereits teilweise schon der Fall ist.

Hat die Regierung die Schlagkraft der Taliban unterschätzt?

Die Taliban sind unterschätzt worden. Es war doch sehr überraschend, wie schnell sie auch den Norden überrennen konnten, wo deren Anhängerschaft nicht stark ist. Die Taliban sind aber auch stärker, weil sie Verluste einfach hinnehmen und neue Rekruten bekommen.  Die afghanische Armee dagegen kann fast 50 Prozent ihrer Stellen kaum mehr neu rekrutieren, weil niemand mehr in die Armee will.

Die Taliban sind aber auch stärker, weil sie Verluste einfach hinnehmen und neue Rekruten bekommen.

Welche Rolle spielt der schnelle Abzug der US- und Nato-Truppen?

Das löste sicherlich die Dynamik für die Terraingewinne der Taliban aus. Zugleich kam der Truppenabzug überraschenderweise auch für die Bündnispartner ganz bedingungslos. Die Umsetzung erfolgte ohne weitere Bedingungen an die Taliban, was ihnen den Auftrieb gab.

Welche Folgen hat der Truppenabzug konkret?

Im Moment verliert die afghanische Armee deutlich an Moral und Schlagkraft. Mit der Schliessung der Basis geht auch der ganze strategische Informationsfluss verloren. Aber vor allem der Verlust des moralischen Rückhalts macht der Bevölkerung Angst. Sie weiss nicht, was auf sie zukommt und ob auch alle anderen internationalen Einrichtungen abziehen.

Vor allem der Verlust des moralischen Rückhalts macht der Bevölkerung Angst. Sie weiss nicht, was auf sie zukommt.

Wird sich die Zivilgesellschaft in Kabul weiter organisieren?

Zum Glück sehe ich noch viele Menschen, die bleiben wollen – solange es gehe oder auf jeden Fall. Es sind Menschen, die sich zivil engagieren, in den Medien und der Regierung. Ab einem gewissen Punkt werden sie sich aber in Sicherheit bringen müssen, und es wird vielleicht erneut einen Exodus geben.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul

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Das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul ist zurzeit noch offen. Leiterin Ellinor Zeino sagt: «Wir machen unsere Projekte noch weiter, so gut es geht. Im Moment geht aber viel Zeit für das Krisenmanagement verloren. Wir müssen uns überlegen, wie wir unsere Mitarbeitenden in Sicherheit bringen und überhaupt noch weiterarbeiten können. Wir können nicht lang im Voraus planen und fahren nur auf Sicht.»

Echo der Zeit, 04.08.2021, 18:00 Uhr;

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Kurt Flury  (Simplizissimus)
    Bekommen die Taliban ihr Geld für Sold und Waffen - abgesehen von zu vernachlässigenden Zöllen an der Grenze - aus dem Opiumanbau oder eben doch auch von Geldgebern aus dem Ausland. Die dschihadistischen Taliban haben den Drogenanbau seinerzeit verboten. Dann dürfen wir im Westen nächstens mit einer Drogenflut wegen sinkender Preise für Heroin rechnen, da Afghanistan eines der grössten Anbaugebiete ist und sich immer mehr warlords dort finanzieren müssen.
  • Kommentar von René Baron  (René Baron)
    Die Taliban werden nie vergessen wie der Westen sie versucht hat auszurotten. Insbesondere den Friedensnobelpreisträger mit seinen unter dem Radar der medialen Öffentlichkeit laufenden feigen Drohnenmorden wider die Menschenrechtskonventionen, mit jeweil grossen zivilem "Kollateralschaden", wird man nicht einfach mal so aus dem kollektiven Gedächtnis der dort Einheimischen und über Generationen Verwurzelten tilgen können.
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ René Baron: Die Taliban sind auch in Afghanistan unbeliebt, sonst würden die Menschen dort jetzt ja jubeln und die Taliban mit Blumen empfangen, statt sich zu verbarrikadieren. Unter den Taliban befinden sich viele die, im Namen des Islam, schwere Verbrechen begangen haben und jetzt unbestraft davonkommen. Wenn Sie das aber in Afghanistan laut sagen, leben Sie sehr unsicher.
    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Wenn man Mädchen tötet oder verstümelt, weil sie zur Schule wollen, darf man sich über solche Dinge nicht wundern. Leben mit dem Schwert - Sterben durch das Schwert. Die einseitige Beachtung der Menschenrechte funktioniert nur auf dem Papier und in den Köpfen von reinen Theoretikern.
    3. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Bitte keine Kritik an Nr. 44.
      Der Mann ist heilig.
    4. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      So heilig? wie: "Maria Magdalena ist die Patronin der im 13. Jahrhundert gegründeten Ordensgemeinschaft der Magdalenerinnen.
      ....... Sie wird gegen Gewitter, Ungeziefer und Augenleiden angerufen."
    5. Antwort von Karl Kirchhoff  (Charly)
      @ Baron. Wären sie richtig informiert, dann wüssten sie, dass die US-Armee während der Amtszeit von Obama ihre Kampfstrategie wechselte. Um die ansteigende Tötung von US-Soldaten zu vermeiden, setzte man vermehrt auf den Einsatz von Kampfdrohnen, übrigens mit großer Unterstützung seitens der Republikaner! Der Drohnen-Krieg ist keine Erfindung von Obama.
  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Jedem, welcher sich in der Thematik etwas auskennt, war bewusst, dass es genau so kommen wird. Schlussendlich stellt sich die Frage, ob man für immer als "Schutzmacht" im Land bleibt, mit all den Gefahren und der ständigen Kritik oder geht man und zwingt die Bevölkerung selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Taliban können sich ausbreiten, weil die eben auch unterstützt werden. Dieses gesellschaftliche Problem lässt sich nicht von aussen lösen. Demokratie muss man selbst wollen und erkämpfen.
    1. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Ein grosses Problem. Die Zivilbevölkerung hat keine Chance den Taliban entgegen zu wirken. Sympathisanten, ich vermute vorwiegend Männer, denen ich hoffentlich nicht Unrecht tue, unterstützen immer wieder die Terroristen und machen es schwieriger. Die Menschen im Land müssen den Wandel wollen, darauf hinarbeiten. Ob es gelingt? Keine Macht der Welt kann es für sie tun. Aktive ausländische Soldat*innen sind Fremde im Land. Leiden werden vorwiegend Mädchen/Frauen/fortschrittliche Stadtmenschen.