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«Das Risiko ist sehr viel grösser als bei einer kürzeren Überfahrt»
Aus SRF 4 News aktuell vom 06.12.2019.
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Tote vor Kanarischen Inseln «Der Atlantik ist viel gefährlicher als das Mittelmeer»

Ein Boot ist am Donnerstag auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln gekentert. Mindestens 57 Migranten und Migrantinnen starben. Mindestens 150 weitere Menschen sind dieses Jahr auf der Flüchtlingsroute ertrunken – fast viermal so viele wie in den letzten beiden Jahren zusammen. Der Journalist Beat Stauffer hat das Buch «Maghreb, Migration und Mittelmeer» geschrieben und kennt die Gründe für die Flüchtlingsbewegungen.

Beat Stauffer

Beat Stauffer

freier Journalist, Buchautor

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Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

SRF News: Wird die Atlantikroute wieder mehr genutzt?

Beat Stauffer: Ganz eindeutig. 2019 sind rund 1500 Migranten und Flüchtlinge auf dieser sogenannten Atlantikroute auf den Kanaren angekommen. Das sind etwa 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Diese Flüchtlinge und Migranten kommen sowohl aus Westafrika als neuerdings auch aus Marokko.

Weshalb wählen sie wieder vermehrt die Atlantikroute?

Der Hauptgrund ist die intensive Zusammenarbeit zwischen den marokkanischen und spanischen Grenzbehörden im Norden Marokkos. Die Marokkaner unternehmen grosse Anstrengungen, im Auftrag von Europa afrikanische Migranten davon abzuhalten, an die Küsten zu gehen oder zu versuchen, über die Zäune der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zu klettern. Der zweite Grund ist, dass die zentrale Mittelmeerroute über Libyen nach Italien und die westliche Mittelmeerroute über Algerien und dann nach Marokko in den letzten Jahren deutlich schwieriger geworden sind.

Die Atlantikroute stand in den 2000er-Jahren im Fokus. Dann gab es ein Sicherheitsabkommen zwischen Spanien, Marokko und dem Senegal. Vermehrte Kontrollen haben die Route weitgehend geschlossen. Jetzt wird sie wieder mehr genutzt. Wurden die Kontrollen reduziert?

Das ist schwer zu sagen. Das Boot, das gestern in einen Unfall mit Todesfolge verwickelt war, ist von Gambia aus gestartet. Dort haben die Spanier keine Grenzwächter, sie haben mit dem Land keine Migrationszusammenarbeit.

Auf direktem Weg wären die Kanarischen Inseln via Westsahara in ungefähr 200 Kilometer zu erreichen.

Möglicherweise spielt aber auch der erhöhte Migrationsdruck in Westafrika eine Rolle; dass Menschen unbedingt ihre Länder verlassen wollen und dann die Routen suchen, die ihrer Ansicht nach noch erfolgversprechend sind.

Die Route gilt als gefährlicher als die Fahrt übers Mittelmeer. Weshalb?

Auf direktem Weg wären die Kanarischen Inseln via Westsahara in ungefähr 200 Kilometer zu erreichen. Der Atlantik ist aber sehr viel gefährlicher als das Mittelmeer, es herrschen starke Strömungen, die Winde sind sehr viel stärker. Dazu kommt, dass die Migranten meistens einen Weg von Süden wählen, der dann sehr viel weiter ist als diese 200 Kilometer. Das können bis zu 1000 Kilometer sein. Sie fahren der Küste entlang und brauchen schon Benzin und Lebensmittel. Das Risiko ist dann viel grösser als bei kürzeren Überfahrten.

Karte der Kanarischen Inseln und des spanischen Festlands.
Legende: Die Migrantinnen und Migranten werden von den Kanaren aufs spanische Festland gebracht. SRF

Was passiert mit den Menschen, wenn sie spanischen Boden erreichen?

Sie kommen in ein Auffangzentrum. Sie werden dort registriert und medizinisch betreut. Anschliessend werden sie nach Spanien verbracht, aufs Festland, und im Prinzip werden Senegalesen wieder in ihre Heimat zurückgeführt. Bei den Gambiern und bei Menschen anderer Nationalitäten aus Subsahara-Afrika ist das meines Wissens anders. Die haben eine grosse Chance, auf Dauer in Spanien oder auch in der EU verbleiben zu können.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Jedes NATEL transferiert in Sekunden Nachrichten. Da die Machthaber, auch in den westafrikanischen Staaten, nicht daran arbeiten den Menschen ein würdiges Auskommen zu ermöglichen, ziehen die einfach los in das vermutliche Schlaraffenland EUROPA. Bitter enttäuscht gehen die dann entweder zurück oder vegetieren auch hier dahin, wenige Ausnahmen sollten wir da nicht als Massstab nehmen. Hilfe in den Ländern selbst wäre die richtige Methode, aber nicht nach dem Gieskannenprinzip.
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  • Kommentar von B. Moser  (moser.b)
    Der Atlantik ist im Gegensatz zum Mittelmeer halt ein "richtiges Meer".
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  • Kommentar von Josephk Ernstk  (Joseph ernst)
    Und wieder stellt sich die Frage, warum können diese äusserst lukrativen Geschäfte der krim. Schlepperbanden und ihrer Helfer nicht gestoppt werden. Westafrik. Länder beziehen grosse Entwicklungsgelder, die aber nur dazu dienen, die Eliten zu bereichern. Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Landwirtschaft bleiben aus. Die Mehrheit der Flüchtlinge sind junge, gesunde Männer, die im Herkunftsland dringend notwendig wären. Es braucht dringend eine Kontrolle der EW-Gelder !
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    1. Antwort von B. Moser  (moser.b)
      Also soviel Entwicklungshilfe beziehen dann die Westafrikanischen Länder auch nicht. Da muss man jetzt ehrlich sein! Und ich gehöre zu denen welche sagen, dass die NGO-Boote nicht ins Mittelmeer gehören.

      Und hier ist eher ein Schritt wie Bundesrat Parmelin ihn macht besser. Die Industriezölle abschaffen, was dann den Weg frei macht um auch die Landwirtschaftszölle substanziell zu senken. Auch wenn dies bedeuten könnte, dass wir einst verarbeitete Schokolade aus Ghana kaufen/essen könnten.
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    2. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Herr Moser, ich komme jetzt nicht mehr daraus. Die grosse Mehrheit prangert doch seit Jahren unsere Wirtschaftsakteure an, dass diese durch Produktion&Handel auf dem afrikanischen Kontinent zur Ausbeutung dessen kräftig mitwirkt, da Korruption etc. Und Sie wollen die Wirtschaftsbeziehungen noch enger gestalten? Na dann müssten wir aber den Afrikanern mal die Verantwortung geben, für das eigene wirtschaftliche Handeln Verantwortung zu übernehmen. Dann ist nix mit Behütepolitik...
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