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Trauer um Nelson Mandela «Der ANC krankt an Dreierlei»

Der ANC steckt in der Krise. Nach dem Tod von Nelson Mandela hat die südafrikanische Regierungspartei viel mehr als ihren Wählermagneten verloren. Südafrika-Expertin Dagmar Wittek erklärt im Interview, womit die Partei noch zu kämpfen hat.

Ein Wandgemälde mit dem Gesicht von Präsident Jacob Zuma. Ihm wurde der Mund weggekratzt.
Legende: Der ANC unter Südafrikas Präsident Jacob Zuma verliert zunehmend den Kontakt zur Bevölkerung. Keystone

SRF: Wie sieht die Zukunft des ANC nach dem Tod von Nelson Mandela aus?

Dagmar Wittek, ZDF-Journalistin in Johannesburg: Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) krankt an Dreierlei. Erstens fehlt der Partei der Nachwuchs. Das heisst in der Führung des ANC sitzen vor allem Männer der alten Freiheitskämpferriege.

Zweitens krankt der ANC daran, dass viele aus der alten Riege ein Anspruchsdenken entwickelt haben. Ein Gefühl, ein Recht auf gewisse Vorzüge und mehr Luxus als der durchschnittliche Südafrikaner zu haben.

Drittens hat der Führungskader des ANC den Kontakt zur Basis verloren. Dass rund 50 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Euro am Tag leben, ist für die meisten im ANC eine reine Statistik, aber keine bedrohliche und harte Lebensrealität mehr.

Wird der Tod von Mandela die Partei einen oder weiter schwächen?

Ich fürchte der Tod Mandelas wird die Partei eher noch schwächen. Der ANC ist ohnehin schon zutiefst zerstritten. Seit Jahren wird in der Partei bereits die Spaltung in linken, eher sozialistisch orientierten, und den konservativen marktwirtschaftlich orientierten Flügel vorausgesagt.

Legende: Video Neuwahlen als Bewährungsprobe für den ANC abspielen. Laufzeit 01:35 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.12.2013.

Seit Wochen nun gibt es mächtig Zoff innerhalb der Regierungsallianz, vor allem innerhalb des Gewerkschaftsdachverbands Cosatu. Auch hier geht es um die ideologische Ausrichtung. Der Streit ist so gravierend, dass es zu einer Spaltung der Cosatu kommen könnte. Das würde wiederum die Regierungsallianz deutlich belasten. Nach Einschätzungen von Politologen ist mit dem Tod von Mandela nun die grösste moralische Instanz der Partei weggefallen. Korruption und mangelnde Dienstleistungsorientierung im ANC werden sich somit weiter breit machen. Ein Negativtrend verschärft sich damit.

Wofür steht der ANC heute?

Die Partei ist die Partei der breiten Bevölkerung und damit der schwarzen Mehrheit. Das ist geschichtlich so entstanden durch den Freiheitskampf.

Auch wenn die Partei die eigenen Ansprüche des sozialen Ausgleichs zwischen Arm und Reich in fast 20 Jahren an der Macht nicht erfüllen konnte. Das ist es, was sich die Partei auf die Fahnen geschrieben hat. Sie sagt, sie sei die Partei der Arbeiter und der ehemals Unterdrückten. Doch de facto ist in Südafrika immer noch jeder Vierte arbeitslos. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt jenseits der Armutsgrenze.

Fairerweise muss man auch sagen, dass der ANC sehr gute Gesetze erlassen hat, die einen sozialen Ausgleich erwirken sollen. Der Knackpunkt jedoch ist die Umsetzung. An der hapert es. Täglich aufflammende, häufig gar gewalttätige Proteste der Bevölkerung belegen diese Unzufriedenheit der Wähler. Das ist natürlich potenziell gefährlich.

2014 wird in Südafrika gewählt. Wird dies die Partei in Zugzwang bringen?

Sicherlich, denn die Basiswähler sind unzufrieden und nach 20 Jahren ANC-Regierung auch durchaus am Ende ihrer Geduld. Möglicherweise sind sie gar bereit es mit einer anderen Partei zu versuchen.

Nelson Mandela war ein Mann der Partei, ein Urgestein des ANC und in der Tat auch wirklich eine moralische Instanz. Auch wenn er politisch nicht mehr aktiv war, sein Geist schwebte bei Versammlungen immer über den Führungsköpfen. Nun, da er nicht mehr da ist, könnte es durchaus sein, dass viele Wähler das Gefühl haben, das Herzstück des ANC ist gegangen. Die Kernwerte von Demokratie, Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich sind nun nicht mehr garantiert.

Ich gehe davon aus, dass dem ANC in den kommenden Wahlen im April ein mächtiger Denkzettel verpasst wird, die bisherige bequeme Zweidrittelmehrheit verloren geht und der ANC deutlich an Stimmen verliert.

Das Leben Mandelas

Zwischen Gefängnis und Friedensnobelpreis: Der interaktive Zeitstrahl zeigt die wichtigsten Lebensstationen von Nelson Mandela im Rückblick.

Zwischen Gefängnis und Friedensnobelpreis: Der interaktive Zeitstrahl zeigt die wichtigsten Lebensstationen von Nelson Mandela im Rückblick.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Marianne Roe, Gwatt
    Ich kann mir kaum vorstellen, dass es in einem so riesigen Land keine neue Persönlichkeit gibt die die Rolle von Mandela übernehmen könnte.Diese Persönlichkeit müsste in einer neuen Partei mit neuem Volk wachsen. In der alten Partei sind zu viele "Zöpfe" enthalten, das wird im Kommentar offensichtlich.Junge Leute haben Angst solche Rollen zu übernehmen, da sie glauben, dass es übermenschliches braucht. Ich glaube, dass es vor allem gesunden Menschenverstand und Volksnäche braucht. Siehe Mandela!
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    1. Antwort von Franz NANNI, Nelspruit SA
      Es hat sehr viele tuechtige junge Geister in dieser gemischtrassigen Bevoelkerung, nur die politische Reife ist noch nicht so grossartig. man glaubt das Demokratie ein Geschenk sei, aber das ist es nicht, es ist ein Auftrag und harte Arbeit... aber die Zukunft, die sehe ich relative positiv!
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  • Kommentar von Walter Kathriner, Sarnen
    ja ja, solche wie der Franzel sind da immer unschuldig, weiss Gott
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    1. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Herr Walter Kathriner in Sarnen: Herr Nanni, als auch die ZDF-Journalistin wissen schon wo der Schuh in SA da drückt und wahrscheinlich besser als jemand, der nur hier aus dem Blickwinkel der Schweiz die Welt sieht. NB: Die sog. Guten, sind nicht immer nur gut, und die Bösen sind nicht nur böse. Und jene, die sich nicht einmischen wollen sollten tunlichst nicht dazu gezwungen werden, auf Teufel komm raus sich zB. an Sanktionen zwangsbeteiligen zu müssen, nur weil's gerade mal "angesagt" ist.
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  • Kommentar von Franz NANNI, Nelspruit SA
    Dagmar Wittek, ZDF-Journalistin in Johannesburg: Danke, endlich mal ein Artikel, der dem momentanen Zustand des Landes gerecht wird. Kompliment! Franz NANNI, Suedafrika
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