Russland profitiert vom Krieg im Iran: Anfang Mai vermeldete das Finanzministerium steigende Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport. Doch die Gewinne liegen unter dem Vorjahresniveau, das Budgetdefizit hat sich verdoppelt. Russlands Wirtschaft steckt in einer tieferen Krise.
Die Möbelfabrik
In der Garderobe der Möbelfabrik in Tichwin hängt ein grosses Bild von Ingvar Kamprad. Der Ikea-Gründer besuchte die Fabrik 2004, bald nach ihrer Eröffnung als Ikeas erste Produktionsstätte in Russland.
Dmitri Krylow führt über das Gelände. Der Werkmeister zeigte die Sägen, Fräsen und Lackieranlagen damals auch Kamprad.
Aber nach dem Angriff auf die Ukraine verliess Ikea den russischen Markt. Die Schweden stoppten die Produktion und suchten für die Fabrik einen Käufer. «Das kam unerwartet», sagt Dmitri. «Wir dachten, Ikea sei unpolitisch, aber dann zogen sie sofort ab. Das war enttäuschend.»
Und doch: Das Kamprad-Foto bleibt. «Opa Ingvar inspiriert auch heute unseren Möbelbau», so Dmitri. Obwohl die Fabrik vor vier Jahren ohne Eigentümer, Kunden oder Kapital dastand, läuft sie heute wieder.
Ikea-Holz gegen schnelles Geld
«Als Ikea ging, waren wir im Schockzustand», sagt Geschäftsleiter Wladimir Iwanow. «Gerade deshalb gingen wir wieder zur Arbeit. Um den Maschinenlärm zu hören, um nicht den Verstand zu verlieren.»
Um den Betrieb zu finanzieren, verkaufte Iwanow einen Teil der Holzbestände, die Ikea hinterlassen hatte. «So konnten wir die Produktion direkt wieder aufnehmen.»
Die Fabrik konnte sich hinüberretten, bis ein russischer Eigentümer gefunden war. Sie galt als Beispiel für Widerstandskraft trotz Bruch mit dem Westen. Doch inzwischen macht sich der Druck auf die Wirtschaft bemerkbar – auch in Tichwin.
Das Eisenbahnwerk
Sergei arbeitete im Tichwiner Eisenbahnwerk als Maschinenbauer. Zu Beginn des Krieges wurde sein Lohn verdoppelt, auf rund 1000 Franken im Monat. «Für eine kleine Stadt war das fabelhaft», sagt er in einem Café im Zentrum von Tichwin. Doch 2025 kippte die Lage.
«Die Fabrik baut Güterwagen für die Russischen Eisenbahnen, aber diese geben kaum mehr Bestellungen auf», sagt Sergei. Das Werk führte Kurzarbeit ein, Sergei wurde in eine Abteilung versetzt, wo die Arbeit härter und schlechter bezahlt war. «Da entschied ich mich, zu gehen.»
Sergei arbeitet heute bei einem Handyreparaturservice. Sein Lebensstandard ist gesunken, selbst kleine Ausgaben überlegt er sich gut. «Eine Wohnung können wir uns schon gar nicht leisten», so Sergei. Auch deshalb hätten seine Freundin und er die Familienplanung aufgeschoben.
Schuldner in der Armee
In der Region Tichwin liegt der Rekrutierungsbonus der russischen Armee bei 3 Millionen Rubel – das 30-fache von Sergeis altem Monatslohn. Die Rekruten hätten oft Schulden oder steckten in einer Lebenskrise, sagt er.
«Ein Bekannter von mir konnte nicht aufhören zu trinken, obwohl er das Saufen satthatte. Am Ende unterschrieb er den Armeevertrag, einfach, um da rauszukommen.» Wer den Kriegsdienst überlebe, kehre mit viel Geld zurück.
Überlegt sich auch Sergei, in den Krieg zu fahren? «Ich will nicht, mir geht es noch ganz gut hier», sagt er. «Aber wenn der Staat mich braucht, gehe ich schon.»
Russlands Militärausgaben verdrängen die zivile Wirtschaft, diese gerät in die Rezession. Selbst Erfolgsgeschichten trifft es: Auch die Nachfrage nach Möbeln sinkt. Die Möbelfabrik in Tichwin musste die Produktion kürzlich zeitweise stoppen, weil Kunden Rechnungen nicht bezahlten. Seit Ikea gegangen ist, schreibt sie hohe Verluste.