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Trotz Verbot von Plastiksäcken «Geruch von verbranntem Kunststoff ist in Kenia allgegenwärtig»

Legende: Audio Vier Jahre Haft für Import und Herstellung von Plastiksäcken abspielen. Laufzeit 05:19 Minuten.
05:19 min, aus SRF 4 News aktuell vom 25.10.2018.

Röhrli, Einweggeschirr und Wattestäbchen aus Plastik: Das EU-Parlament will Produkte, die man nur einmal benutzt und dann wegwirft, verbieten. Ab 2021 sollen sie nicht mehr zu kaufen sein. Die EU ist damit nicht unbedingt eine Vorreiterin in Sachen Plastikverbot. Ähnliche Vorschriften gibt es schon – auch in Ländern, in denen man sie nicht unbedingt erwartet. Zum Beispiel in Kenia. Afrika-Korrespondentin Anna Lemmenmeier erklärt, wie das dort ankommt.

Anna Lemmenmeier

Anna Lemmenmeier

Afrika-Korrespondentin

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Anna Lemmenmeier ist seit 2017 Afrika-Korrespondentin, Link öffnet in einem neuen Fenster von Radio SRF und lebt in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Davor war sie Mitglied der SRF-Wirtschaftsredaktion. Sie hat internationale Beziehungen, Geschichte und Völkerrecht an den Universitäten von Bern, Genf und Ghana studiert.

SRF News: Welche Kunststoffprodukte sind in Kenia genau verboten?

Anna Lemmenmeier: In Kenia geht es um Plastiksäcke in allen Grössen und Formen. Kleine Raschelsäckli und auch grosse Plastiksäcke sind verboten. Das bedeutet, dass jede und jeder im Supermarkt seine eigene Papier- oder Stofftasche dabei hat. Auch auf dem Markt werden Waren in Papiertüten oder Zeitungen angeboten. Geplant ist auch ein Röhrliverbot, wie es die EU vorsieht. In Kenia gibt es bereits heute vielerorts nur noch Röhrli aus Karton. Aber: Kenia hat nicht Plastik per se verboten, sondern nur Plastiksäcke. Es liegen viele PET-Flaschen oder auch andere Plastikverpackungen herum.

Bräuchte es nicht ein Verbot von weiteren Plastikprodukten?

Doch, das bräuchte es sicher. Und das wird auch immer wieder kritisiert – nicht nur in Kenia, auch in anderen afrikanischen Ländern. In Ruanda zum Beispiel gibt es ein solches Plastiksackverbot schon seit zehn Jahren. Auch dort wird immer wieder gesagt, das Plastiksackverbot sei ja schön und gut, aber es bräuchte ein ganzheitliches Verbot, um das Problem wirklich in den Griff zu bekommen. Das ist aber viel schwieriger durchzusetzen. Keine PET-Flaschen, das würde bedeuten, man müsste alles in Glasflaschen abfüllen.

Es gibt auch hygienische Gründe für Plastikverpackungen: Fleisch in Papier, das hält nun mal nicht so lange.

Dafür bräuchte es aber bis hin zur Glaswiederverwertung eine ganze Industrie. Die gibt es in Kenia nicht. Die gibt es auch in Ruanda nur bedingt. Und dann gibt es auch hygienische Gründe für Plastikverpackungen: Fleisch in Papier, das hält nun mal nicht so lange. Eine Alternative zu finden, ist also viel schwieriger.

Trägt das Verbot von Plastiksäcken dazu bei, dass es weniger Abfall gibt?

Das ist sehr schwer zu sagen. Es gibt keine offiziellen Zahlen dazu. Das hat auch damit zu tun, dass es in Kenia keine organisierte Müllentsorgung gibt. Es gibt auch keine Wiederverwertung, die zentralisiert ist, von der man Zahlen haben könnte. Nairobis Müll landet auf Müllkippen. Dort landet alles – Grünabfall, Batterien, Glas – und wird dann dort sortiert.

Wenn ich die Leute in Nairobi frage, ob sie das Gefühl hätten, die Strassen seien sauberer, dann sagen sie ja.

Ich kenne einen Journalisten, der sich auf eine Müllkippe begeben hat. Die Sortiererinnen haben ihm dort bestätigt, dass es definitiv weniger Plastiksäcke gibt. Auch wenn ich Leute hier in Nairobi frage, ob sie das Gefühl hätten, die Strassen seien sauberer, dann sagen sie ja. Aber: Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht.

Das Problem ist also grösser, es hat nicht einfach nur zu viel Plastik?

Das Hauptproblem ist, dass es in Kenia keine organisierte Müllabfuhr gibt und Plastikrecyclinganlagen nicht weitverbreitet sind. Das führt dazu, dass Plastik herumliegt. Das führt aber auch dazu, dass jede und jeder seinen Plastik einfach verbrennt. Der süssliche Geruch von verbranntem Plastik ist in Kenia allgegenwärtig. Und dann ist es aber auch ein Bildungsproblem.

Dieses Plastiksackverbot funktioniert grundsätzlich gut. Auf den Märkten ist der Plastiksack nicht mehr zu sehen.

Wenn es keine Entsorgungsstrukturen gibt, lernen Kenias Kinder auch nicht, den Plastikmüll in den Mülleimer zu werfen, weil es ja gar keine Mülleimer gibt. Und wenn es einen hat, dann wird er nicht geleert. In diesem Sinne ist das Thema Umweltschutz oder Abfallentsorgung in vielen Köpfen nicht präsent. Aber man muss sagen: Dieses Plastiksackverbot funktioniert grundsätzlich gut. Auf den Märkten ist der Plastiksack verboten und nicht mehr zu sehen.

Geht denn Kenia das Müllproblem wirklich entschlossen an?

Theoretisch ja. Das kenianische Gesetz gilt als das strengste Plastikverbot weltweit. Man kann bis zu vier Jahre im Gefängnis landen, wenn man Plastiksäcke importiert oder herstellt. In der Praxis habe ich aber noch nie von einer so harten Strafe gehört. Vor ein paar Tagen wurde ein Fall publik, wonach am Hafen von Mombasa 1,7 Tonnen geschmuggelte Plastiksäcke beschlagnahmt wurden. Das sind 8,5 Millionen Plastiksäcke. Sie kamen aus dem Nachbarland Tansania. Nun ist die Frage, wie die Regierung mit einem solchen Fall umgeht. Und wir werden sehen, wie ernst es ihr wirklich ist.

Das Gespräch führte Joel Hafner.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Die Schweiz könnte doch Kenia eine Kerichtverbrennungsanlage sponsern.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (jolanda)
    Andere Länder - andere Sitten! Es gäbe für die "militanten Umweltorganisationen" in solchen Länder sicher viel mehr zu tun, als in Europa im Dauerkampf gegen alles was falsch gemacht wird, laufend zu verurteilen und von den 500 Millionen Menschen eine völlig umweltschonende Lebensweise zu verlangen! Warum dürfen in Kenia und......., eben! Ueber jene Zustände schweigt man und niemand ist empört und opponiert aus dem Kreis der Umwelt-Organisationen!
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Wenn ich mich nicht irre, wehren Sie sich gegen jede Einmischung von aussen. Was also sollen die Umweltorganisationen tun? Selber Wertschöpfungsketten in der Müllentsorgung und im Recycling aufbauen, und das mit relativ geringem Spendenkapital? Empörung und Opposition ist nicht ausreichend, speziell in Ländern nicht, wo sich viele Leute der Müllhalden bedienen um zu überleben.
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  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Ich frage mich, wieviele Kunststoffe in unserem täglichen Gebrauch schlicht Plastik enthalten. Vermutlich mehr als jedem Einzelnen lieb ist. Übrigens gehören auch die beliebten Microfasern ins gleiche Kapitel und belasten mit kleinsten Teilchen Fauna und Flora. Persönlich vermeide ich wenn möglich die schrecklichen Verpackungen der Grossverteiler, zu deren Öffnung ein Werkzeugkasten in der Küche notwendig ist. Allerdings wird vorab Fleisch auch bei Offenverkauf wiederum in Plastik getütet.
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