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Erdogan verliert die Jugend seines Landes
Aus Echo der Zeit vom 16.02.2021.
abspielen. Laufzeit 06:12 Minuten.
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Türkei Studentenproteste: Präsident Erdogan verliert die Jungen

Seit Anfang Jahr sorgt die Ernennung eines AKP-Parteisoldaten in der Türkei für Unmut unter Studierenden und Lehrenden.

Sprechchöre, Spottlieder, Debatten, Tanzperformances: Der Protest von Studierenden der Bogazici, der Bosporus-Universität, ist ebenso bunt wie entschlossen. Er findet direkt auf dem Campus statt. Geschickt nutzen die Protestierenden aber auch das Internet. Sie übertragen ihre Aktionen in die virtuelle Welt, zeigen zugleich Bilder von Polizeigewalt.

Professorinnen und Professoren schlossen sich dem Protest an, versammeln sich auch jetzt noch mehrmals pro Woche vor dem Büro des neuen Rektors, kehren diesem demonstrativ den Rücken zu. Der Rektor ist ein treuer Parteisoldat von Präsident Erdogan. Er hat sich nicht durch besondere akademische Leistungen hervorgetan.

Die Auseinandersetzung gewann an Schärfe, als die Regenbogenfarben der Schwulen- und Lesbenbewegung an einer Kunstaktion auftauchten, in der Nähe einer religiösen Darstellung. Der Vorwurf der Gotteslästerung liess nicht auf sich warten. Innenminister Süleyman Soylu sprach von Perversen und zog die Auseinandersetzung damit noch stärker ins Feld des Kulturkampfes. Angebliche westliche Dekadenz gegen angebliche islamische Tugendhaftigkeit.

Auch AKP-Mitglieder gegen Einmischung

Mit Homophobie lässt sich in der Türkei gewiss Stimmung machen. Doch wie weit es diesmal verfängt? Der Sozialwissenschaftler Kemal Kirişc zitiert neueste Umfragen, wonach drei Viertel der Bevölkerung meinen, man solle die Universitäten selbst über ihre Geschicke befinden lassen. Sogar eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler von Erdogans AKP und von dessen nationalistischer Bündnispartei MHP finden demnach, die Ernennung von Rektoren sei Sache der Universitäten.

Immer wieder erscheinen Erhebungen, die nahelegen, dass vor allem die Jungen sich von Erdogan abwenden. Unter dem Eindruck, er habe ihnen nichts mehr zu bieten. Letzten Frühling machte eine Umfrage Schlagzeilen, wonach zwei Drittel der Jungen das Land verlassen möchten – sogar die Hälfte jener, die Erdogans AKP wählen. Wichtigster Grund dafür die anhaltende Wirtschaftskrise, die durch Corona nur noch verstärkt wird.

Demonstranten
Legende: Läuft Erdogan die Jugend davon? Diverse Erhebugen legen diesen Schluss nahe. Keystone

Der Präsident bestreitet den Wert solcher Momentaufnahmen – und räumt doch ein, dass er Schwierigkeiten habe, die jüngste Generation von den wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften seiner Regierungszeit zu überzeugen. Sie sei zu jung, um eine Vorstellung zu haben davon, wie schlecht die Verhältnisse vor ihm gewesen seien.

Um ihr einen Eindruck davon zu geben, trat Erdogan vor ein paar Tagen in seiner Heimatregion am Schwarzen Meer auf, an der dortigen Universität. Sie heisst Recep-Tayyip-Erdogan-Universität. Allein das Geld für die Universitätsbildung sei in seiner Regierungszeit mehr als verzehnfacht worden. Wie viele heute in der Türkei studierten, das habe selbst die deutsche Kanzlerin Angela Merkel verblüfft.

Kampf kurzfristig nicht zu gewinnen

Tags darauf liess Erdogan an der Bosporus-Universität in Istanbul eigenmächtig zwei neue Fakultäten einrichten, eine für Jurisprudenz und eine für Kommunikation. Fakultäten, die dort niemand verlangt hatte, so die Protestierenden. Sie sehen darin nur den definitiven Beweis, dass künftig allein im Präsidentenpalast in Ankara über ihre Geschicke entschieden wird.

Weitermachen mit ihrem Protest wollen sie trotzdem, wenn auch illusionslos, so der Politikwissenschaftler Mert Arslanalp. Denn kurzfristig sei dieser Kampf nicht zu gewinnen.

Echo der Zeit, 16.2.2021, 18 Uhr

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Man sollte noch einige Staatsmänner auf dieser Welt abschaffen, welche nur auf ihr Ego schauen und Geld für sich und ihren Familien horten zum Schaden der Bürger. Eine miese Gesellschaft, aber leider gab es solche schon früher. Die Völker müssen selber entscheiden was sie wollen. Aber sie wählen immer noch die falschen Typen.
  • Kommentar von Heidi Müller Mermer  (Gelincik)
    Die Jugend protestiert, sie hat es schwer, da es keine geeinte Opposition gegen den unersättlichen Machtanspruch des Präsidenten gibt.
    Die Alten haben resigniert, schliessen die Augen vor der Tatsache, dass die Demokratie nicht mehr ist. Angst herrscht.Zehntausende politische Gefangene zählt die Türkei.
    Der EGMR forderte wiederholt die Freilassung von Kavala und Demirtaş die seit Jahren ohne Verurteilung in Haft sind. Dieser Entscheid wird ignoriert. Was muss noch passieren bis Europa handelt?
  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    Es wird an der Zeit diesen Möchtegernsultan abzusetzen und den Staat, den Atatürk geschaffen hat wiederherzustellen.
    1. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Erdogan absetzen, auf jeden Fall. Aber dann gehts besser in die Zukunft als in die Vergangenheit.
    2. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Verlorene Hoffnungen! In Asien wird das immer so bleiben. Atatürk war antiklerikal aber Nationalist. Da Sultanat war besser, weil praktisch kein Rassismus und Nationalismus herrschte. Mit Atatürk wurden Griechen und Armenier massakriert. Jetzt werden es Kurden. Ale nachsowjetischen Staaten des Zentralasien von diktatorischen Kommunismus sind mit gleichen Schritt in die "demokratische" Sultanate, Khanate, Kalifate übergegangen: Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Tadschikistan, Usbekistan.
    3. Antwort von Karl Frank  (Europäer)
      Wenn Jemand weiss, dass er sich etwas erlauben darf, wird es auch so tun. So ist halt die menschliche Natur. Erdogan wird von niemanden gefährdet. Türkei hatte in der Geschichte Angst nur von Polnisch-Litauschen Königreich, dann vor zaristischen Russland und dann vor Sowjetunion. Vor dem heutigen Russland hat auch schon kein Angst mehr. Und vor Westen samt USA sowie so nie Angst gehabt: Gallipoli lässt grüssen.