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Krieg gegen Frauen im Nordosten Syriens
Aus Echo der Zeit vom 28.11.2020.
abspielen. Laufzeit 05:33 Minuten.
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Folgen türkischer Offensive Brutaler Krieg gegen Frauen in Nordostsyrien

Im Nordosten Syriens findet ein Krieg gegen Frauen statt: Anders kann man nicht benennen, was sowohl Frauenrechts-Gruppen in der Region und der UNO-Menschenrechtsrat im vergangenen Jahr an Verbrechen gegen Frauen zusammengetragen haben. Hunderte von Frauen sind brutal ermordet, entführt, vergewaltigt, in die Prostitution gezwungen oder zwangsverheiratet worden.

Türkische Militäroffensive

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Vor rund einem Jahr begann die Türkei eine militärische Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien und übernahm die Kontrolle über die Region «Rojava». Seither kontrolliert Ankara einen Korridor an der Grenze zur Türkei. Syrische Milizen sind dabei ein wichtiger Bündnispartner für die Türkei.

Mit dem Rückzug der US-Truppen aus Nordostsyrien vor einem Jahr, startete die Türkei eine Offensive in die kurdische Enklave an seiner Grenze, die unter dem Namen Rojava bekannt ist. Es sind aber nicht türkische Truppen, die diese Verbrechen begehen, sondern vor allem mit der Türkei verbündete Dschihadisten. Sie gehen nicht nur gezielt gegen Kurdinnen, sondern gegen alle Frauen vor.

Nach der Befreiung kamen die Bomben

Ein Smartphone hat die verheiratete, siebenfache Mutter Shemsa nicht. Die Araberin aus einem Dorf unweit der syrisch-türkischen Grenze muss sich im Flüchtlingslager, wo sie jetzt lebt, das Telefon einer Freundin leihen.

Ihre Geschichte erzählt sie in Sprachnachrichten, die ihre Freundin dann weiterleitet. Sie erzählt, wie in ihrem Dorf Kurdinnen, Araber, Yesidinnen, Christinnen und Muslime friedlich zusammengelebt hätten. Bis 2012.

Unseren blumigen Träumen setzte der türkische Präsident Erdogan ein jähes Ende.
Autor: Shemsa

«Dann kamen die Terroristen», sagt sie – unter anderem der IS, unter dem gerade auch Frauen besonders gelitten hätten. Doch auch die Frauen, allen voran die Kurdinnen, kämpften gegen die Terroristen, und als diese besiegt waren, erkämpften sich Frauen ihre Rechte in der autonomen kurdischen Region in Syrien.

«Es war eine Befreiung: gleiche Rechte für Mann und Frau, fairere Gesetze, wir Frauen durften arbeiten, aber unseren blumigen Träumen setzte der türkische Präsident Erdogan ein jähes Ende», erzählt Shemsa. «Dass er die Kurden im Visier hatte, ist eine Lüge. Er hat uns alle bombardiert.»

Töten «wie in der Steinzeit»

Und dann seien die Terroristen – jetzt als Söldner im Dienste der Türkei – zurückgekehrt. Eine der ersten Frauen, die sie entführten und ermordeten, war die kurdische Politikerin Hevrin Khalaf. Sie filmten sogar, wie sie sie misshandelten und brutal ermordeten, um andere Frauen einzuschüchtern.

«Sie töten wie in der Steinzeit: grausam, und absolut unmenschlich,» sagt Shemsa, die selbst Opfer ihrer Gewalt wurde. Sie kam mit dem Leben davon, weil sie sich wehren und flüchten konnte. Monatelang musste sie sich verstecken, sie lebte in Todesangst.

Frauen sind das Ziel ihrer Gewalt.
Autor: Shemsa

«Frauen sind das Ziel ihrer Gewalt. Wir sind das Fundament unserer Gesellschaft, deshalb versuchen sie uns zu zerstören, zu brechen – wie sie das mit Hevrin Khalaf getan haben – die, wie alle gesehen haben, unbewaffnet war.»

Hevrin Khalaf auf einem Poster
Legende: Demonstranten in Prag halten das Bild der kurdischen Politikerin Hevrin Khalaf, die im Zuge der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien am 12. Oktober 2019 auf der Autobahn von türkeitreuen Milizen getötet wurde. imago images

Rache an den Frauenrechtlerinnen

Das Zentrum für Forschung und die Verteidigung von Frauenrechten in Syrien hat Hunderte von Frauenmorden und Gewalttaten gegen Frauen in Nordostsyrien minutiös dokumentiert – und das sind längst nicht alle. Das Zentrum sichert Fakten, unterstützt die Frauen und vermittelt Kenntnisse über die Genfer Konventionen und internationales Recht.

Sie rächen sich an allen Frauen, die gegen die Dschihadisten gekämpft und sich für mehr Frauenrechte eingesetzt haben.
Autor: Mazkin HasanZentrumsdirektorin

In der gezielten und grausamen Gewalt gegen Frauen sieht Zentrumsdirektorin Mazkin Hasan einen eigentlichen Rachefeldzug der bewaffneten Gruppierungen: «Sie rächen sich an allen Frauen, die gegen die Dschihadisten gekämpft und sich für mehr Frauenrechte eingesetzt haben – also an Araberinnen, Syriakerinnen und Kurdinnen.»

Zwischen dem IS und der türkischen Invasion Nordsyriens hätten die Frauen die Autonomie der Kurdenregion in Syrien genutzt, um viele frauenfeindliche Gesetze abzuschaffen: Minderjährige durften nicht mehr verheiratet werden, die Polygamie wurde abgeschafft, Frauen durften ausser Haus arbeiten, Ehegesetze wurden fairer. Das passe den Dschihadisten nicht. «Mit unserem Zentrum versuchen wir den Frauen zu helfen, sich gegen diese bewaffneten Gruppierungen zu wehren.»

Türkei streitet Vorwürfe ab

Die Türkei streitet die Vorwürfe der Frauen ab: Offizieller Vorwand für die Besetzung Nordsyriens ist der Kampf gegen kurdischen Terrorismus und die Verhinderung einer neuen Flüchtlingswelle Richtung Türkei, sollte der syrische Machthaber Bashar Al Assad seine Kontrolle über Nordsyrien wiederherstellen wollen.

Um allen Frauen zu helfen, die unter der massiven Gewalt leiden, reichen die finanziellen und personellen Ressourcen des Zentrums aber bei Weitem nicht. Ganz abgesehen davon, dass auch die Frauen, die hier arbeiten, Gewalt fürchten müssen. Mazkin Hassan hofft, dass die internationale Gemeinschaft den Notruf der Frauen in Nordsyrien hört.

Echo der Zeit; 28.11.2020; 18 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Matthias Jundt  (M. Jundt)
    Vielen Dank an SRF für diesen wertvollen und wichtigen Bericht.

    Gibt es weitere Infos für jene, die solche Frauen in ihren Aktivitäten unterstützen möchten?
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Matthias Jundt
      Guten Tag Herr Jundt. Weitere Informationen finden Sie auf den Websiten des Zentrums für Forschung und die Verteidigung von Frauenrechten in Syrien sowie Amnesty International. Freundliche Grüsse, SRF News
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris  (zombie1969)
    P. Scholl Latour (9. März 1924 - 16. August 2014) wusste es schon vor 20 Jahren: Diese Länder lassen sich nicht befrieden.
    Leider sind Erkenntnisse von Menschen wie P. Scholl-Latour heute nicht mehr so gefragt. Man läuft lieber einer G. Thunberg hinterher, als sich mit Problemen vor Europas Grenzen zu beschäftigen.
    Früher hat Europa mit militärischer Macht versucht, die Welt Europa anzupassen, heute versucht man es mit übertriebener Menschlichkeit. Heute wie damals wird es im Desaster enden.
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  • Kommentar von Nathalie Jung  (nana)
    Könnten Sie einen Kontakt / Website oder ähnliches angeben, damit das Zentrum unterstützt werden kann? Trotz Recherche finde ich nichts dazu. Danke.
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