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Migranten verlassen türkisch-griechische Grenze
Aus Rendez-vous vom 31.03.2020.
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Türkei taktiert mit Migranten «Erdogans Strategie ist aufgegangen»

Vor vier Wochen liess die Türkei verlauten, die Grenzen zur EU seien offen – worauf ein Ansturm von Flüchtlingen und Migranten auf die Grenze zu Griechenland einsetzte. Nun werden allem Anschein nach auch die letzten Ausreisewilligen von türkischen Beamten wieder zur Rückkehr ins Landesinnere gedrängt, was zu Ausschreitungen führte. Journalist Christian Buttkereit in Istanbul erklärt den Schwenker Erdogans.

Christian Buttkereit

Christian Buttkereit

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Ab 2001 arbeitete Christian Buttkereit, Link öffnet in einem neuen Fenster beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), ab 2007 beim Südwestrundfunk (SWR). Seit Ende 2016 ist er ARD-Radiokorrespondent im Studio Istanbul für die Türkei, Griechenland und Iran.

SRF News: Warum hat der türkische Präsident Erdogan nun plötzlich umgeschwenkt?

Christian Buttkereit: Weil er mit seiner Strategie gegenüber der EU einen gewissen Erfolg hatte. So hat er es immerhin geschafft, dass das Flüchtlingsproblem wieder auf der Tagesordnung ist. Man ist bereit, der Türkei mehr Geld für die Versorgung vor allem der syrischen Flüchtlinge im Land zu geben.

Man ist bereit, der Türkei mehr Geld zu geben, vor allem für die syrischen Flüchtlinge.
Autor: Christian Buttkereit

Auch hat Erdogan das Augenmerk auf die Lage an der türkisch-syrischen Grenze gelenkt. Dort könnte er selber ein Problem bekommen, wenn mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei kämen. Da will er Hilfe von der EU, was zurzeit in Arbeitsgruppen besprochen wird. Man kann also sagen: Für Erdogan haben die Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze ihren Zweck erfüllt.

Wohin werden diese Flüchtlinge gebracht, die auf eine Einreise in die EU gehofft hatten?

Einige kehrten mehr oder weniger freiwillig nach Istanbul zurück oder in Städte, wo sie vorher in der Türkei gelebt hatten. Das Problem: Viele gaben ihre Existenz auf. Sie kehren nicht in ein Haus oder eine Wohnung zurück, sie haben oft nichts mehr.

Die anderen wurden in eine Art Abschiebe-Einrichtungen gebracht. Etwa nach Edirne an der Grenze zu Griechenland oder ins 1300 Kilometer entfernte Malatya. Auch in Osmaniye an der syrischen Grenze gibt es so ein Camp aus Containern mit Stacheldraht und Wachturm. Dort müssen sie wegen einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus erst einmal 14 Tage in Quarantäne bleiben.

Haben die Migrantinnen und Migranten dort irgendwelche Perspektiven?

Die Menschen, die wir sprechen konnten, sind sehr verzweifelt. Man sagt ihnen nicht, was nach der Quarantäne mit ihnen passieren soll. Die Syrer geniessen einen gewissen Schutzstatus in der Türkei, der aber per Dekret jederzeit aufgehoben werden kann. Das gilt nicht für die vielen Afghanen. Sie befürchten, dass sie nach der Corona-Krise abgeschoben werden.

Man sagt den Menschen nicht, was nach der Quarantäne mit ihnen passieren soll.
Autor: Christian Buttkereit

Einige Länder haben vor der Corona-Krise angeboten, Flüchtlinge aufzunehmen, krebsten danach aber zurück. Wie ist der aktuelle Stand?

Das betrifft überwiegend die Flüchtlinge aus den überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln. Und dabei Minderjährige unter 14 Jahren oder dringend behandlungsbedürftige Menschen. Nach aktuellem Stand will man diese Leute trotz Corona weiterhin aufnehmen. In der Befürchtung, das Virus könnte sich in den völlig überfüllten Lagern rasch ausbreiten.

Es geht vor allem auch um Menschen mit Vorerkrankungen und Kinder, deren Immunsystem aufgrund der Lebensbedingungen geschwächt ist. Hier will man jetzt, soweit die EU-Kommission das bisher kommuniziert hat, doch in den nächsten Tagen schon handeln.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

Rendez-vous, 31.03.2020, 12:30 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Steffen Ziegler  (Steffen_36)
    Einen grossen Anteil an dem Strategiewechsel Erdogans hat der Covid19 Virus. Wenn das Ziel war Geld aus der EU zu pressen hätte er das schneller und einfacher haben können.
    Ich denke die Motivation der Virus der stark seine Macht gefährdet. Wenn in der Türkei Zustände wie in Italien entstehen, die Wirtschaft komplett zusammenbricht, dann könnte es Erdogan die Macht kosten. Er muss nun nett zu der EU und anderen sein er braucht die Hilfe bald dringend.
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Die an der türkisch-griechischen Grenze noch ausharrenden Flüchtlinge und Migranten haben das Gebiet verlassen. Türkische Beamte hatten die Menschen zuvor vor einer Infizierung mit dem neuartigen Coronavirus gewarnt, sollten sie weiter dort im Freien leben. Die Migranten seien mit Bussen in Gästehäuser gebracht worden, wo sie für zwei Wochen unter Quarantäne stünden. Anschliessend würden sie zu "angemessenen" Orten gebracht, ohne dies zu präzisieren.
  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    @SRF, im Bericht steht: "Auch hat Erdogan das Augenmerk auf die Lage an der türkisch-syrischen Grenze gelenkt. Dort könnte er selber ein Problem bekommen, wenn mehrere 100'000 Flüchtlinge aus SYR und TUR kämen." Wieso wollen diese 100'000en Flüchtlinge über die Grenze zur TUR, warum nicht südwärts ins Innere des eigenen Landes, das immerhin 4.5x grösser ist als die CH u.wo meines Wissens kein Krieg herrscht? Da müsste es doch unter 20Mio Einwohnern Menschen geben, die ihre Landsleute aufnähmen?
    1. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      verstehe ich auch nicht. Warum kann man Assad nicht zwingen, seine Landsleute zurückzunehmen . Der grösste Teil Syriens ist frei
      vom Krieg.
    2. Antwort von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
      wieso man das nicht will? Da hätte man ja ein Problem gelöst. Was würden dann all diese tun, welche vom "Flüchtlingsgeschäft" leben?
    3. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      Unter die normale Bevölkerung in Idlib haben sich auch die letzten Islamisten gemischt. Sie werden weiterhin von Erdogan finanziell und mit Waffen gegen die Regierung von Syrien unterstützt und aufgerüstet. Diese Islamisten wollen nicht im Süden des Landes in Frieden leben sondern weiterhin für ihren Gottesstaat kämpfen - zum Leidwesen der übrigen Bevölkerung.
    4. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      @SRF, ist Ihnen eine Antwort auf meine Frage nicht möglich?
    5. Antwort von SRF News editor
      @Beppie Hermann Nein, es ist uns nicht möglich, zu beantworten, warum 100'000 Flüchtlinge das tun, was sie tun. Wir schätzen aber, dass es darauf auch keine einfache Antwort gibt.
    6. Antwort von Steffen Ziegler  (Steffen_36)
      Die netten Menschen die Ihre Landleute aufnehmen gibt es in Syrien. Es sind auch welche dort hin. Die meisten sind aber aus den Rebellenhochburgen also Gegner Assads. Die können nicht dort hin ohne an Leib und Leben gefährdet zu sein. Assad hat einen riesen Geheimdienst Staat aufgebaut der mit Mitteln der Folter Verhaftungen und Morden arbeitet. Jeder Familie mit 1 Sympathisanten einer Rebellengruppe ist hochgradig gefährdet. Deshalb sind sie nach Norden.