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Erdogan will mitreden, wenn es um die Zukunft Syriens geht
Aus SRF 4 News aktuell vom 23.10.2020.
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Türkische Besetzung in Syrien Journalist: «Die Türkei will kein autonomes Kurdengebiet»

Vor rund einem Jahr begann die Türkei eine militärische Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien und übernahm die Kontrolle über die Region «Rojava». Seither kontrolliert Ankara einen Korridor an der Grenze zur Türkei. Dies sei ein Faustpfand, um bei Verhandlungen über die Zukunft Syriens mitzureden, sagt der Journalist Thomas Seibert.

Thomas Seibert

Thomas Seibert

Journalist in der Türkei

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Thomas Seibert , Link öffnet in einem neuen Fensterist seit 1997 Korrespondent für den deutschen «Tagesspiegel» in Istanbul und berichtet auch für andere Medien, unter anderem für Radio SRF.

SRF News: Wie ist die aktuelle Lage im von der Türkei kontrollierten syrischen Gebiet?

Thomas Seibert: Derzeit gibt es dort keine grösseren Gefechte – doch von Stabilität kann auch keine Rede sein. Erst am Donnerstag gab es Berichte über den Beschuss mehrerer Dörfer durch Milizen, die mit Ankara verbündet sind. Auch kommt es immer wieder zu Zusammenstössen zwischen russischen und amerikanischen Soldaten in dem Gebiet.

Wie hat sich der Alltag der dort lebenden Menschen seit der türkischen Invasion verändert?

Laut der Türkei blüht die Region auf, weil sie vom Joch der kurdischen Autonomiebehörden befreit sei. Es gebe Wochenmärkte, die Bauern könnten ihre Felder wieder bestellen. Doch die Kurden beschreiben die Lage viel pessimistischer. Erst gerade hiess es etwa, Ankara-treue Milizen hätten den Bauern Schafe gestohlen. Laut den kurdischen Behörden ausserhalb des türkisch besetzten Gebiets wirkt sich die türkische Besatzung negativ auf die Bevölkerung aus.

Die Türkei führt auch in ‹Rojava› die türkische Lira als Zahlungsmittel ein.

In anderen von der Türkei kontrollierten Gebieten – wie etwa weiter westlich um die kurdische Stadt Afrin – hat Ankara damit begonnen, zivile Infrastrukturen aufzubauen. So ist dort etwa die türkische Post aktiv. Tut Ankara das auch in «Rojava»?

Damit beginnt die Türkei jetzt. So wird auch in «Rojava» die türkische Lira als Zahlungsmittel eingeführt, auch werden noch immer militärische Verstärkungen in das Gebiet eingeschleust. Das Gebiet wird also näher an die Türkei angebunden.

Die Kurdenmilz YPG musste sich nach dem türkischen Einmarsch zurückziehen. Wo steht sie jetzt?

Ausserhalb des etwa 100 Kilometer breiten Landstreifens an der Grenze zur Türkei hat die YPG ihre Position behaupten können. Sie arbeitet auch immer noch mit der US-Armee zusammen und versucht, ihr Autonomiemodell zu retten. Zudem ist die YPG immer noch zuständig für mehrere Gefangenenlager, in denen Tausende ehemalige IS-Kämpfer und ihre Angehörigen einsitzen.

Den mit der Türkei verbündeten syrischen Milizen werden Plünderungen und Vergewaltigungen vorgeworfen.

Ein UNO-Bericht wirft den mit der Türkei verbündeten Milizen vor, schwere Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben und macht die Türkei dafür mitverantwortlich. Wie ist das einzuschätzen?

Diese syrischen Milizen sind ein wichtiger Bündnispartner für die Türkei. Ihnen werden seit längerem Plünderungen und Vergewaltigungen vorgeworfen. Die Türkei weist diese Vorwürfe zurück. Allerdings wird das Verhalten der Milizen, das militärische ausgenommen, von Ankara nicht kontrolliert.

Was sind die langfristigen Ziele des türkischen Präsidenten Erdogan mit den besetzten syrischen Gebieten?

Ankara will einen Fuss in der Türe haben, wenn es dereinst um die Verhandlungen über die Zukunft Syriens geht. Die türkisch besetzten Gebiete sind also eine Art Faustpfand, um bei Gesprächen mit am Tisch zu sitzen. Der Türkei geht es dabei vor allem um die Frage, wie viel Mitbestimmungsrecht die Kurden dereinst bekommen sollen. Sie will auf jeden Fall verhindern, dass es in der Nähe ihrer Grenze ein Gebiet kurdischer Selbstverwaltung gibt. Grundsätzlich will die Türkei in Syrien ein Regime, das für sie tragbar ist.

Das Gespräch führte Christine Scheidegger.

Video
Aus dem Archiv: Rojava – ein Traum ist geplatzt
Aus 10 vor 10 vom 15.10.2019.
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SRF 4 News aktuell vom 23.10.2020, 08.45 Uhr;

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Leu  (tleu)
    Die Türkei besetzt Teile eines fremden Staates Syrien, geht aber gegen Armenien vor, das Gebiete kontrolliert, die historisch armenisch sind, aber leider von Stalin Aserbeidschan zugeteilt wurden.
    1. Antwort von Hans Peter Auer  (Ural620)
      @(tleu) ..... und moechte sich mit Russland auf Augenhoehe an den gleichen Tisch setzen, wie USA, RU und FRA. Soeben gelesen Quelle BBC Russland
  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Ein UNO-Bericht wirft den mit der Türkei verbündeten Milizen vor, schwere Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben und macht die Türkei dafür mitverantwortlich". Solche Berichte bringen gar nichts, wenn man im Vornherein weiss, dass man nichts tut. Und - wenn schon die UNO nichts unternimmt, wer soll dann?
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Bendicht Häberli: Diejenigen, die das mit einem symbolisch kleinen Kontingent an Soldaten hätten verhindern können, haben sich aus Syrien verabschiedet und befinden sich jetzt im Präsidentschaftswahlkampf.
    2. Antwort von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
      @Leu: Ok.Herr Leu. Ist leider so, aber nicht zu ändern.
    3. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Ach nee - sonst reklamiert man immer die vielen Kriege, inkl. die Regime Chance - geglückte, versuchte & missglückte - durch die USA, aber wenn sie sich dann zurück ziehen, ist es auch wieder falsch.
      Hier wäre es aber mal Aufgabe von Europa, Erdogan entschieden entgegen zu treten, denn sein Unwesen treibt er ja nicht nur in Syrien.
      Viele Länder werden von der EU sanktioniert, aber die Türkei nicht.
      Weshalb wissen wir ja.
    4. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Nun, die Türkei als Mitglied der NATO darf sich eben viel erlauben.
      Erdogan hat die Terroristen ja auch mit Waffen beliefern dürfen. Waffen gegen Öl.
      Während die USA unter der Admin. Obama dort angeblich u. a. auch gegen Terroristen Krieg führten. Dabei unterstützten sie die Rebellen gegen Assad & belieferten sie mit Waffen.
      Wenn DT dort jetzt seine Soldaten abzieht, löst er ein Wahlversprechen ein. Die Soldaten inkl. ihre Angehörige werden ihm dankbar sein.
    5. Antwort von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
      Leu/Wädenswiler
      Sie haben beide schon gelesen, dass es immer noch ein kleines Kontinent an US-Truppen in Syrien gibt?! Trump selbst sagte schon beim Truppenabzug, dass die USA die syrischen Ölfelder deren Sicherung besetzt haben.
      Alles Land, was die Türkei in Syrien besetzt hält, dürfte mit Washington abgesprochen sein.