Der beliebte Langeron-Strand befindet sich nicht weit vom historischen Stadtzentrum von Odessa entfernt. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz normal: die Sonne scheint, Kinder planschen im Wasser. Erwachsene geniessen ihren Apéro oder stehen Schlange, um sich ein Eis zu kaufen. Ein Musiker unterhält Vorbeigehende mit seiner Gitarre und besingt die Schönheit des Schwarzen Meeres. Es herrscht eine entspannte Feierabendstimmung. Aber auf den zweiten Blick ist der Krieg auch hier präsent.
In Odessa beginnt die Badesaison
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Bild 1 von 5. An der Küste von Odessa patrouilliert die ukrainische Marine. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 5. Odessa erwartet dieses Jahr viele Touristen. Die ersten sind bereits angereist. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 5. Mehr als 30 Strandzonen sind geöffnet. Netze und Barrieren sollen die Gäste vor angespülten Seeminen schützen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 5. Auf der Langeron-Promenade herrscht eine entspannte Feierabendstimmung. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 5. Eine Klasse feiert das Ende des Schuljahres. Die Sommerferien haben offiziell begonnen. Bildquelle: SRF.
Während sich Pärchen am Steg fotografieren, fährt im Hintergrund ein Patrouillen-Boot der ukrainischen Marine vorbei – bereit im Ernstfall feindliche Drohnen abzuschiessen oder angespülte Seeminen zu entschärfen. Und wer noch genauer hinschaut, entdeckt mobile Luftabwehrsysteme, die jetzt noch von einer Plane verdeckt werden, nachts aber zum Einsatz kommen könnten.
Die Russen können herkommen und uns einschüchtern. Aber diese Leichtigkeit können sie uns nicht nehmen.
«Es gibt keinen schöneren Ort als Odessa», schwärmt Iryna Nawara, während sie sich im Bikini sonnt. «Odessa hat diese Leichtigkeit, diese Positivität. Auch jetzt noch. Die Russen können herkommen und uns einschüchtern, aber diese Leichtigkeit kann uns niemand nehmen.» Nawara ist mit ihrer Familie aus Dnipro angereist. Als sie mit dem Zug unterwegs waren, gab es Luftangriffe. Doch ihre Fahrt wurde nicht unterbrochen, erzählt sie.
Die ersten Touristen sind bereits hier, aber die Badesaison hat erst gerade begonnen. Im Sand warten die Sonnenliegen noch übereinandergestapelt auf die vielen Badegäste, die die Hafenstadt in den kommenden Wochen erwartet. War das Publikum vor dem Krieg internationaler, hat Odessa heute fast ausschliesslich ukrainische Gäste. Die Hafenstadt ist wegen ihrer Bedeutung für den Export ein strategisches Angriffsziel der russischen Armee. Im Mai vergingen hier nur wenige Nächte ohne Luftalarm. Im April gab es Dutzende Tote und Verletzte nach Drohnen- und Raketenangriffen.
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Bild 1 von 3. Im Frühling wurde Odessa immer wieder mit Drohnen und Raketen angegriffen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Das Hauptziel ist die Hafen- und Exportinfrastruktur. Aber das Stadtzentrum wird regelmässig getroffen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Nach solchen Luftangriffen gibt es immer wieder Tote und Verletzte. Bildquelle: SRF.
Doch die angereisten Ukrainerinnen und Ukrainer lassen sich davon nicht abschrecken. Nach viereinhalb Jahren Krieg sind sich die meisten das Beschussrisiko gewohnt. Und sie kommen teilweise aus Städten, in denen es sich derzeit noch gefährlicher lebt.
Wir müssen unser Leben irgendwie geniessen, sonst würden wir das alles nicht überleben.
«Über uns werden Raketen abgeschossen, Drohnen fliegen vorbei. Vor drei Tagen wurden wir heftig bombardiert», erzählt Alina Nazarova aus Kiew. «Aber was soll's? Wir leben noch.» Sie lacht. Im Verlauf des Gesprächs wird sie aber emotional. «Wir haben Männer, die gerade im Krieg sind. Und trotzdem fahren wir ans Meer und versuchen, uns zu erholen. Wir müssen unser Leben irgendwie geniessen, sonst würden wir das alles nicht überleben.»
Nachtruhe ab Mitternacht
Der Wunsch nach Normalität und Erholung hat sich bei vielen Ukrainerinnen und Ukrainern in diesem Sommer verstärkt. In den ersten zwei Kriegsjahren waren in Odessa noch fast alle Strände vermint und gesperrt. Mittlerweile sind mehr als 30 Strandzonen wieder geöffnet. Netze und schwimmende Barrieren sollen die Badegäste vor möglichen Seeminen schützen, die besonders nach Stürmen angespült werden können.
Trotzdem hat sich die Stimmung verändert. Das spürt man vor allem abends. Die Menschen gehen zwar immer noch aus, aber es gibt eine Nachtruhe ab Mitternacht. Denn dann beginnt das kritische Zeitfenster, in dem Luftangriffe am wahrscheinlichsten sind. Niemand weiss, wie die kommenden Stunden aussehen werden.