Vor 1536 Tagen startete Russland seinen Grossangriff auf die Ukraine. Wie viele Tage noch dazukommen, weiss niemand. Und die Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg verblassen.
An der Front hat sich ein blutiger Patt eingestellt. Ein Zermürbungskrieg, irgendwo zwischen Todesangst und ewig gleichen Routinen. Gefangen in einem strengen Regiment.
Jeder sehnt sich nach etwas, das ihm Freude bereitet, das ihn wieder Emotionen erleben lässt.
«Wir können unser Gelände oft nicht verlassen, wir verbringen hier 90 Prozent unserer Zeit, Jahr für Jahr», erzählt der ukrainische Soldat Andriy (Name geändert) der deutschen «Tagesschau».
Spielsüchtig im Schützengraben
Seit vier Jahren dient der Mittfünfziger im Krieg. Wie viele seiner Kameraden will er vor allem eines: abschalten. «Jeder sehnt sich nach etwas, das ihm Freude bereitet, das ihn wieder Emotionen erleben lässt.»
Das Handy dient als Ausbruch aus der Isolation, als Fenster zur Welt – und als Einfallstor. Bei Andriy hat diese Sehnsucht dazu geführt, dass seine Spielsucht aus zivilen Zeiten wieder aufgebrochen ist. Mit voller Härte.
Ukrainische Studien zeigen, wie sich der permanente Stress und die Unsicherheit auf die Psyche der Soldaten auswirken. «Gerade längere Einsätze an der Front führen zu Erschöpfung, emotionaler Abstumpfung und Apathie», berichtet die freie Journalistin Daniela Prugger aus Kiew.
Andriy ist nur einer von vielen. Im zermürbenden Kriegsalltag verspielen Soldaten nicht nur ihren Sold, sondern oft auch ihr Erspartes.
Bei der Rückkehr ins zivile Leben droht der Bankrott, oder die eigene Familie lebt schon jetzt mit Folgen der Spielsucht des Vaters, der Tochter, des Sohns.
Kein Ort, um Schwäche zu zeigen
Ukrainische Soldaten verdienen relativ viel. Oft sind es mehrere Tausend Euro. «Gleichzeitig haben sie kaum Möglichkeiten, dieses Geld sinnvoll auszugeben», sagt Prugger. Umso niedriger ist die Hemmschwelle, den Sold für Glücksspiele auszugeben – und sich zu verschulden.
So gibt es Berichte, wonach Soldaten sogar ihre militärische Ausrüstung und Drohnen verkaufen, um ihre Sucht zu finanzieren.
Eine aktuelle US-Studie belegt, dass auch amerikanische Soldaten während Kriegseinsätzen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, der Spielsucht zu verfallen. Betroffen sollen etwa zwei Prozent der Armeeangehörigen im aktiven Dienst sein.
Gleichzeitig erlaube es der militärische Code kaum, über psychische Probleme und Abhängigkeiten zu sprechen. Die Folge: Nach aussen zeigt man Stärke und Disziplin – während man innerlich zerbricht.
«In den USA sollen 56'000 Soldaten die Kriterien für eine Glücksspielsucht erfüllen», sagt die Journalistin Prugger. Bei Veteranen ist das Risiko mehrfach erhöht. «Das liegt an einer Kombination aus Stress, Traumata und der Tatsache, dass weniger als zehn Prozent der Betroffenen Hilfe suchen.»
Russische Propagandakanäle haben das Thema aufgegriffen: «Sie nutzen Berichte über Spielsucht bei ukrainischen Soldaten, um die Armee als geschwächt, chaotisch und demoralisiert darzustellen», sagt Prugger.
Raus aus dem Horror
Die ukrainische Armeeführung steckt im Dilemma: Je offener die Probleme angesprochen werden, um den Soldaten zu helfen, umso mehr Stoff liefert man der Propaganda des Kremls.
Dabei ist unstrittig, dass die russischen Soldaten mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Auch für sie bieten Glücksspiele, aber auch Alkohol und Drogen, das trügerische Gefühl, dem Horror des Krieges zu entrinnen. Zumindest für einen kurzen Moment.