Zum dritten Mal innert kurzer Zeit hat das ukrainische Militär Warenlager des russischen Online-Händlers Wildberries beschossen. Videos zeigen massive, schwarzrote Rauchsäulen. Russland sagt, durch die Angriffe seien mehrere Mitarbeitende von Wildberries getötet worden. SRF-Korrespondent David Nauer erklärt, warum die Ukraine nun auch zivile Ziele in Russland angreift.
Warum greift die Ukraine ausgerechnet diese Firma an?
Laut ukrainischen Angaben werden über Wildberries auch militärische Güter vertrieben. Das stimmt: Im Online-Shop kann man etwa militärische Splitterschutzwesten kaufen. Es werden auch Drohnen und Zubehörteile für Drohnen angeboten. Zum Beispiel Glasfaserkabel, die zwölf Kilometer lang sind. Aus ukrainischer Sicht ist Wildberries deswegen Teil der russischen Kriegsmaschinerie – und damit ein legitimes Ziel.
Den Ukrainern geht es aber auch darum, die russische Wirtschaft möglichst stark zu schädigen. Dafür sind die Lagerhäuser von Wildberries ein gutes Ziel. Sie sind gross, man kann sie also leicht treffen. Nach den Angriffen brechen heftige Brände aus. Russische Medien haben berechnet, dass bisher Schäden in Höhe von umgerechnet zwei Milliarden Franken entstanden sind.
Welche Bedeutung hat Wildberries in Russland?
Es ist der grösste Online-Händler im Land – ein Milliardenkonzern. Die Firma funktioniert ähnlich wie Amazon. Viele grosse und kleine Händler vertreiben ihre Waren via Wildberries. Die Firma wickelt den Bestellvorgang, die Bezahlung und die Logistik ab.
Wie erfolgreich ist die Ukraine mit ihren Angriffen?
Die Attacken haben einen erheblichen Effekt. Die Leidtragenden sind vor allem tausende kleinere und mittlere Unternehmen, die ihre Waren bei Wildberries lagern. Auf den sozialen Medien beklagen sich etliche Händler über riesige Verluste.
Nach viereinhalb Jahren Krieg wollen die Ukrainer, dass die Russen den Krieg auch einmal richtig zu spüren bekommen.
Wildberries hat erst kürzlich die Vertragsbedingungen mit seinen Verkäufern geändert. Demnach haftet der Konzern im Fall von höherer Gewalt nicht mehr für den Verlust von Waren in den Lagerhäusern. Die kleinen und mittleren Händler bleiben damit auf den Verlusten sitzen. Auch das ist Teil der ukrainischen Strategie: Nach viereinhalb Jahren Krieg wollen die Ukrainer, dass die Russen den Krieg auch einmal richtig zu spüren bekommen.
Wie viel Rückhalt haben die Angriffe in der Ukraine?
In der Ukraine selbst werden diese Attacken durchs Band begrüsst, wenn nicht sogar gefeiert. Das mag zynisch klingen. In gewisser Weise ist es aber aus ukrainischer Sicht verständlich. Russland attackiert seit Jahren zivile Ziele in der Ukraine. Zahlreiche Städte und Dörfer in der Ukraine sind komplett zerstört worden. Die Russen beschiessen systematisch Postbüros, Einkaufszentren, Elektrizitätswerke, Brücken, Strassen, Schulen und Spitäler. Russland führt eine Art totalen Krieg gegen die Ukraine. Angesichts dessen geben nun auch die Ukrainer ihre Zurückhaltung auf.
Wie passen die Attacken in die grössere Kriegsstrategie?
Militärisch betrachtet passen die Attacken auf Wildberries perfekt in die ukrainische Strategie. Die Ukrainer attackieren die Ziele im russischen Hinterland, die den Russen wirtschaftlich am meisten weh tun – und sie mit ihren beschränkten Mitteln am meisten Schaden anrichten können. Kiews Plan ist es, die russische Wirtschaft derart stark zu schädigen, dass sich der Kreml den Krieg irgendwann nicht mehr leisten kann. Ob der Plan aufgeht, lässt sich kaum abschätzen. Aber die Ukrainer hoffen, dass sie auf diese Art einen Frieden erzwingen können.