Die letzten Tage waren, gelinde gesagt, schwierig für die Ukrainerinnen und Ukrainer. Da war der massive russische Luftangriff aufs ganze Land. Allein in Kiew starben 24 Menschen, eine russische Rakete verwandelte ein Wohnhaus in ein Massengrab. Im selben Zeitraum wurden neue Details zum Korruptionsfall bekannt, der dem früheren Stabschef des Präsidenten, Andrij Jermak, Ende letzten Jahres das Amt gekostet hat. Es geht um Korruption im Energiesektor.
Diese Woche gab das ukrainische Anti-Korruptionsbüro bekannt, Jermak stehe im Verdacht, als Teil einer Gruppe illegal erworbenes Geld gewaschen zu haben. Umgerechnet 9 Millionen Euro sollen in den Bau von vier Villen im teuersten Vorort von Kiew geflossen sein. Das Geld soll aus Bestechung beim staatlichen Atomenergiekonzern stammen.
Wem gehört die vierte Villa?
Jermak bestreitet die Vorwürfe, darunter auch, dass eine dieser Villen für ihn gebaut wurde, obwohl abgehörte Telefongespräche darauf hinweisen. Zwei der Häuser sollen weiteren Vertrauten des Präsidenten gehören, die in den Korruptionsfall verwickelt sind: dem ins Ausland geflohenen Geschäftsmann Timur Minditsch und dem früheren Vizepremier Oleksij Tschernyschow.
Und die vierte Villa? Manche ukrainische Journalisten vermuten, dass sie Präsident Wolodimir Selenski gehört. Selenski selbst schweigt dazu, und die Strafverfolger betonen, dass der Präsident nicht Gegenstand der Voruntersuchung sei. Der Präsident ist immun gegen Strafverfolgung.
Druck auf Selenski wächst
Der Schatten, der auf Präsident Selenski fällt, wird immer grösser. Seine drei Vertrauten stehen im Verdacht, sich am Krieg bereichert zu haben – Gelder abgezweigt zu haben, die für die Verteidigung des Landes zentral waren. Und: Sie fühlten sich offenbar unantastbar. Sie bauten an ihren Villen in der Annahme, dass sie dafür nicht belangt werden würden.
Doch der Krieg hat in der ukrainischen Gesellschaft den Willen, mit der Korruption aufzuräumen, nur noch verstärkt. Man empfindet Korruption als Ungerechtigkeit, als Schwächung des Landes während des Überlebenskampfs. Deshalb ist es möglich, dass die Antikorruptionsbehörden sogar während eines Krieges gegen Personen aus dem engsten Kreis der Macht vorgehen.
Korruptionsskandal gleicht einer Zeitbombe
Abgewählt werden kann Selenski zurzeit nicht; zu risikoreich wären Wahlen während eines laufenden Angriffskrieges. Man anerkennt seine Verdienste um das Land, er gilt in der Bevölkerung als legitimer Präsident.
Doch die Korruptionsaffäre gleiche einer Zeitbombe, wie es ein ukrainischer Politologe ausdrückte. Nach dem Ende des Krieges wird mit Verzögerung einiges ans Licht kommen. Und aufgearbeitet werden müssen.