Lachen und Schwatzen erfüllt die hellen, freundlichen und grosszügigen Räume, es riecht nach Kaffee. Überall sind Menschen – an den Tischen im Café, den Sitzecken, vor den Bücherregalen. Es ist Sonntag, die Buchhandlung «Sens» am Chreschtschatyk, dem zentralen Boulevard in Kiew, ist gut besucht.
Soeben ist eine Buchpräsentation zu Ende gegangen. Der 41-jährige Pavlo Korobtschuk hat sie besucht. Er liebt Orte wie diesen: «Sie bringen die Menschen zusammen. Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind jetzt viel stärker vereint als noch vor der russischen Grossinvasion», sagt Korobtschuk, der selbst schreibt und Gedichte verfasst. Und seit Dunkelheit und Kälte wieder zunehmen, weil Russland die ukrainische Energieinfrastruktur systematisch zerstört, sind solche Orte noch wichtiger geworden: Sie haben immer Strom, Generatoren sei Dank. «Es ist toll, dass man hierherkommen kann, um sich aufzuwärmen, um zu lesen und zu arbeiten.» Ausserdem finde er hier eine grosse und vielfältige Auswahl ukrainischer Bücher, das gefalle ihm.
Kultur mit Ausrufezeichen
Die Buchhandlung befindet sich nicht nur an prominenter Lage, sondern ist auch sehr gross. Sie bietet auf drei Etagen neben Büchern ein schickes Café, eine Kinderecke, Räume zum Lesen und Arbeiten und zwei Säle für Veranstaltungen. Eröffnet wurde sie im Februar vor einem Jahr.
Der junge Unternehmer Oleksij Erintschak kommt eigentlich aus der Digitalbranche. Während der Coronazeit entdeckte er den Reiz des gedruckten Buches für sich. Und so eröffnete er wenige Monate vor der russischen Grossinvasion in seiner Nachbarschaft eine erste kleine Buchhandlung, als Ort der Begegnung in der anonymen Grossstadt. Sie wurde bald zu klein, vor allem für die gut besuchten Lesungen. Und so mietete er die Räume am Chreschtschatyk.
Die ukrainische Kultur ist hier, wo die Revolutionen stattfanden und wo Putin seine Siegesparade abhalten wollte.
Er wollte die Kultur sozusagen mit einem Ausrufezeichen versehen und sie an der wichtigsten Strasse Kiews platzieren, wie er sagt: «Die ukrainische Kultur ist hier, an diesem wunderbaren Ort im Zentrum, mit riesigen Fenstern, nahe der Metro und am Chreschtschatyk, wo die Revolutionen stattfanden und wo Putin seine Siegesparade abhalten wollte.»
Ein Ort mit hohem Symbolwert also – ein Raum für ukrainische Sprache und Kultur, die Russland mit seiner Invasion zerstören will. Und auch der Beweis dafür, dass das gedruckte Buch existiert und eine Zukunft hat.
All die Leute, die behaupteten, dass die jungen Menschen nicht mehr lesen würden, sollten in seine Buchhandlung kommen, sagt Erintschak. Man sehe hier viele Jugendliche, schon ab 16 Jahren. Man müsse ihnen lediglich eine Chance geben, Bücher zu erleben, mit ihnen zusammenzutreffen.
Bücherlesen ist wieder sexy
Tatsächlich sind nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in anderen ukrainischen Städten seit 2022 zahlreiche neue Buchhandlungen entstanden. Die Umsätze im Buchmarkt steigen, die Zahl der Verlage ebenfalls. Während der Buchhandel in westlichen Ländern mit grossen Problemen zu kämpfen hat, boomt die Branche in der Ukraine – wie ist das möglich?
Erintschak erinnert daran, dass es zu Sowjetzeiten in der Ukraine weder unabhängige Verlage noch unabhängige Buchhandlungen gab. Nach der Unabhängigkeit 1991 folgten wirtschaftlicher Kollaps, wilde Privatisierung und Korruption. Und dann kam das Internet. «Wir sprangen vom Nichts respektive von staatlichen Buchhandlungen zum Internet», sagt Erintschak. Buchläden habe es bis vor wenigen Jahren nur wenige gegeben, fast alles lief online. «Deshalb sagen die Ukrainer, wenn eine neue Buchhandlung aufgeht: Wow, lasst uns hingehen, Bücher existieren tatsächlich!»
Und der auf den ersten Blick schüchtern wirkende Erintschak sagt selbstbewusst: Er und seine Mitstreiter hätten Bücherlesen wieder cool und sexy gemacht, und dazu beigetragen, dass wieder mehr Menschen lesen würden. Für ihn ist das ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung seines Landes und der jungen Generation.
Man merkt es: Erintschak hat eine Mission. Doch er ist auch Geschäftsmann: Der Laden erzielt einen kleinen Profit. Das Café und der Bücherverkauf laufen so gut, dass er es sich leisten kann, für die Lesungen keinen Eintritt zu verlangen. Diese Erfolgsgeschichte erstaunt – vor allem, wenn man bedenkt, mit wie vielen Problemen er wegen des Krieges zu kämpfen hat. Wegen der häufigen nächtlichen russischen Luftangriffe kämen Angestellte am Morgen zu spät zur Arbeit. Dem Strommangel begegne man mit dem Kauf von Generatoren und Powerstationen.
Und schliesslich sind da die unsicheren Lieferketten, weil Russland gezielt Druckereien, Lager und Verlage bombardiert. Deshalb kauft er bei erfolgsversprechenden Titeln gleich eine grosse Stückzahl ein, um nicht nachbestellen zu müssen.
Es ist unsere Pflicht zu überleben, zu existieren, dieses Land am Leben zu erhalten: für die nächste Generation.
All dem begegnet der Buchhändler mit grosser Gelassenheit: Das sei einfach so, es sei wie Regen, da müsse man eben einen Schirm aufspannen. Und sich erneut dem zum Alltag gewordenen Irrsinn des Krieges anpassen. Er fügt an: «Es ist unsere Pflicht zu überleben, zu existieren, dieses Land am Leben zu erhalten: für die nächste Generation.»