Laut der Nichtregierungsorganisation Transparency International treten Bestechlichkeit und Veruntreuung in Russland heute so häufig auf wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das hat auch mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun: Die riesigen Militärausgaben bringen viele Beamte und Generäle in Versuchung. Russland-Korrespondent Calum MacKenzie beantwortet die wichtigsten Fragen.
Wie funktioniert Korruption im russischen Militär?
Zunächst gibt es die Korruption auf hoher Führungsebene. Der Kreml gibt jährlich rund 40 Prozent seines Budgets für Militär und Sicherheit aus. Diese riesigen Summen laufen über verschiedene Stellen im Staatsapparat; die zuständigen Beamten können immer etwas abzweigen. Ein gutes Beispiel ist Transportminister Roman Starowojt, der sich vor einem Jahr das Leben genommen hat, nachdem Korruptionsermittlungen gegen ihn eröffnet wurden. Er hat mutmasslich Geld veruntreut, das für Verteidigungsanlagen in der Region Kursk bestimmt war. Diese fehlten, als die ukrainische Armee Teile der Region eingenommen hat.
Wie sieht es auf der niederen Ebene aus?
Der kremlnahe Politologe Alexei Muchin schreibt in einem Bericht, seit 2022 seien Korruptionsfälle gestiegen, besonders während der Mobilmachung in jenem Jahr. Es sei ein Schwarzmarkt für die Aufhebung von Marschbefehlen oder für gefälschte Krankenscheine entstanden. Oft stammten die Angebote von Betrügern, die diese Dienste gar nicht erbringen könnten. Aber die Nachfrage war echt. Zudem gibt es inzwischen viele Berichte, wonach Korruption an der Front weit verbreitet ist.
Wie muss man sich die Korruption an der Front vorstellen?
Soldaten reisen mit viel Geld an die Front – Russland lockt neue Rekruten ja vor allem mit hohen Löhnen und Antrittsgeldern. Und das hat offenbar zur Bildung von einer Art Erpressungsmarkt geführt, wo ein Soldat zum Beispiel umgerechnet 10'000 Franken an seinen Offizier überweisen muss, damit er nicht in den Kampf geschickt wird. Oder 5000 Franken, damit er in den Fronturlaub darf. Ich denke nicht, dass das in jeder Einheit passiert, aber die grosse Zahl an russischen Soldaten, die unabhängigen russischen Medien von diesen Praktiken erzählt haben, deutet darauf, dass diese häufig vorkommen.
Was tun die russischen Behörden dagegen?
Medienberichten zufolge sind bei den Behörden bereits Tausende Beschwerden von Soldaten gegen ihre Offiziere eingegangen. Einige Offiziere sind entlassen oder verhaftet worden. Auf höherer Ebene finden regelmässige Verhaftungen von mutmasslich korrupten Militärs oder Beamten des Verteidigungsministeriums statt. Dem Kreml dürfte bewusst sein, dass Korruption der Kampffähigkeit schadet, und gewisse ernsthafte Anstrengungen, sie zu bekämpfen, dürfte es geben. Der Forscher Alexei Muchin empfiehlt in seinem Bericht etwa, verurteilte korrupte Beamte zu enteignen, damit das gestohlene Geld nicht einfach an deren Familien fliesst. Aber es gibt auch bedeutende Hindernisse.
Was hindert die Korruptionsbekämpfung?
Korruption ist Teil des Systems: Selbstbereicherung ist eine der Hauptmotivationen für Kremlbeamte, diesem Regime überhaupt zu dienen. Vor der Korruption an der Front verschliesst die russische Führung auch eher die Augen, weil sie nicht an die grosse Glocke hängen will, dass die Soldaten oft erpresst und bestohlen werden. Wenn potenzielle Rekruten erfahren, dass ihnen das versprochene Geld vielleicht sofort weggenommen wird, werden sie keinen Armeevertrag unterschreiben.