Ein müder Frühsommertag in Moskau. 19 Grad, ein dichter Wolkenschleier über der Metropole – und plötzlich fällt schwarzer Regen. In mehreren Distrikten der russischen Hauptstadt berichteten Bewohnerinnen und Bewohner gestern von öligem Niederschlag.
Grund dafür: Der heftigste Drohnenangriff der Ukraine auf Moskau seit Beginn des Krieges. Getroffen wurde zum wiederholten Mal eine Ölraffinerie, im Südosten der Hauptstadt stiegen gewaltige schwarze Rauchsäulen auf.
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Bild 1 von 5. Fast 200 Drohnen flogen am Donnerstag auf die russische Hauptstadt zu: Offenbar überforderte der massierte Angriff die mehrstufige russische Luftabwehr. Bildquelle: Reuters/Social Media.
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Bild 2 von 5. «Der Krieg ist hier; meine Fenster zittern und die Luft riecht nach Rauch», rief eine Anwohnerin in einem Telegram-Video, das viral ging. Viele weitere Aufnahmen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer auf Social Media. Bildquelle: Keystone/EPA/Stringer.
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Bild 3 von 5. Auf den sozialen Medien kursieren Bilder von Drohnen, die in Wohngebäude an den Ausläufern der Metropole einschlagen. Bild: Beschädigtes Wohnhaus in der Stadt Schukowski. Bildquelle: Reuters/Social Media.
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Bild 4 von 5. Die Moskauer Flughäfen waren vorübergehend geschlossen. Es kam zu mehrstündigen Wartezeiten, diverse Flüge wurden gestrichen. Bild: Passanten beobachten Rauch, der von der attackierten Ölraffinerie aufsteigt. Bildquelle: Keystone/EPA/Stringer.
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Bild 5 von 5. Selenski bezeichnete den Angriff als Teil der «ukrainischen Langstreckensanktionen» und «logische Antwort» auf die anhaltenden russischen Attacken auf die Ukraine. Explizit nannte er den Beschuss des berühmten Höhlenklosters in Kiew vom 15. Juni. Bildquelle: Keystone/AP/Evgeniy Maloletka.
«Wenn die Ukraine brennt, brennt auch Moskau», erklärte Wolodomir Selenski. Auf X bezeichnete der ukrainische Präsident die Drohnenattacken als «gerechte Antwort auf russische Angriffe auf unsere Städte und Gemeinden»:
«Unsere Langstrecken-Sanktionen haben die Region Moskau erreicht»
Die Ukraine versucht, die Lebensader der russischen Kriegsmaschinerie abzuschneiden: die Öl- und Gasinfrastruktur. Immer wieder gelangen der ukrainischen Armee spektakuläre Schläge gegen industrielle Ziele.
Wenn Gewissheiten bröckeln
Doch die Angriffe im Grossraum Moskau zielen auch auf das Selbstverständnis der Hauptstädter, wie SRF-Korrespondent Calum MacKenzie berichtet: «Moskau war bisher der Inbegriff der privilegierten Hauptstadt. Abgeschirmt von den wirtschaftlichen Problemen durch den Krieg – und geschützt von der besten Luftverteidigung des Landes.»
Diese Gewissheiten bröckeln. «Es macht sich eine gewisse Angst und Beunruhigung breit», so MacKenzie. «Auch wenn man im Zentrum der Hauptstadt wenig von den gestrigen Angriffen mitbekommen hat.»
Der SRF-Korrespondent begab sich gestern in die Nähe der Ölraffinerie. «Immer noch stiegen Rauchwolken auf und ständig flogen Löschhelikopter hin und her.»
Der russische Aussenminister Sergej Lawrow drohte mit «massiven Angriffen». «Diese wird es auch ohne Zweifel geben», schätzt MacKenzie. Ob die Vergeltung abschreckende Wirkung entfaltet, sei jedoch eine andere Frage. Denn Russland greife die Ukraine seit Jahren «massiv» an – und trotzdem gerate die russische Hauptstadt ins Visier.
In Moskau nimmt MacKenzie verbreitete Kriegsmüdigkeit wahr, bei Unterstützern des Kremls wie auch bei seinen (stillen) Kritikern. «Einzelne Drohnenangriffe lösen zwar keinen plötzlichen Stimmungsumbruch aus. Mein Eindruck ist aber, dass sich eine Mehrheit der Menschen wünscht, dass der Krieg endlich vorbei ist.»
In privaten Gesprächen erlebt der Korrespondent ein durchaus vielstimmiges Russland. Verbreitet ist etwa die Ansicht, dass der Krieg aufhören soll – mit der Kapitulation der Ukraine. «Bei diesen Menschen rufen die ukrainischen Angriffe auch nicht Kritik am Kreml hervor, sondern eher Hass auf die Ukraine.»
Die indirekten Folgen des Kriegs
Andere wiederum empfänden die Kriegskampagne als «komplett sinnlos»: «Für sie sind die Drohnenangriffe auf Moskau quasi eine Bestätigung ihrer Haltung», so MacKenzie. «Bekannte haben mir gestern auch gesagt, dass sich wieder einmal zeige, wie alles ausser Kontrolle geraten sei.»
Drohnenschwärme sind das eine. Das andere sind die indirekten Folgen des Kriegs: Einschränkungen des Internets, erhöhte Steuern, Inflation, teure Kredite und kriselnde Unternehmen. «Hier in Moskau wissen die Menschen, dass diese Faktoren direkt mit dem Krieg zusammenhängen», so der Korrespondent.
Fazit: Aus Putins «militärischer Spezialoperation» ist ein Krieg geworden, dem sich auch in der Hauptstadt kaum jemand mehr entziehen kann. Auch ohne, dass Öl vom Himmel regnet.