Der Anschlag auf einen ukrainischstämmigen Geschäftsmann in Monaco wirft viele Fragen auf, auch zur allfälligen Beteiligung eines ukrainischen Geheimdienstes. Bojan Pancevski ist Investigativjournalist beim «Wall Street Journal» und Kenner dieser Geheimdienste.
SRF News: Was steckt hinter dieser Geschichte?
Bojan Pancevski: Es wäre nicht ungewöhnlich, dass der ukrainische Geheimdienst – in dem Fall der Militärgeheimdienst – mit organisierter Kriminalität zu tun hat. Die Geschäftsinteressen des Mannes, der in Monaco angegriffen wurde, standen in Konflikt mit Interessen anderer Geschäftsleute, die dem ukrainischen Geheimdienst nahestehen.
Man muss wissen, dass der militärische Geheimdienst der Ukraine, besonders nach der Invasion Russlands, intensiv mit Clans der organisierten Kriminalität zusammenarbeitet.
Was sagt dies über das Funktionieren des ukrainischen Geheimdienstes?
Das werden wir noch erfahren. Tatsache ist, dass der Verdächtige, der im Mord an der mutmasslichen Attentäterin zuerst ein Geständnis abgelegt und es widerrufen hat, ein Offizier des militärischen Geheimdienstes ist. Das ist der Link.
In Odessa hat der militärische Geheimdienst teilweise kriminelle Organisationen rekrutiert, damit sie sich nicht auf die russische Seite stellen.
Der Anschlag in Monaco ist kein Einzelfall?
Solche Dinge passieren immer wieder. Die Geheimdienste sind im Drogen- und Waffengeschäft involviert, in Odessa zum Beispiel. Da hat der militärische Geheimdienst teilweise sozusagen kriminelle Organisationen rekrutiert, damit sie sich nicht auf die russische Seite stellen.
Kommen die Aufträge von ganz oben?
Das kommt darauf an. Wenn eine Agentur einen kriminellen Clan rekrutiert, ist es unwahrscheinlich, dass die Führung davon nichts weiss. Bei kleineren Dingen wie einem Attentat ist es möglich, dass der oberste Chef nicht informiert ist.
Sie haben über die Sprengung der Nordstream-Pipeline ein Buch geschrieben. Kamen die Pläne zur Sabotage von der Militärführung in Kiew?
Die Pläne stammen von einer Eliteeinheit der ukrainischen Streitkräfte. Die Offiziere dieser Einheit kamen aus dem Geheimdienstmilieu.
Ihr Ziel war, die Einnahmen von Putins Kriegsmaschine einzudämmen. Nordstream war für sie das Symbol für die Energiegeschäfte, die Putin mit Westeuropa und mit Deutschland ganz besonders gemacht hat.
Waren staatliche ukrainische Stellen in die Sprengung von Nordstream verwickelt, was denken Sie?
Es kommt darauf an, was man unter «staatlich» versteht. Ich habe mit den involvierten Offizieren und parallel mit den deutschen Ermittlern gesprochen. Ihre Recherche ist teilweise deckungsgleich mit meiner.
Die Staatsanwälte werden argumentieren, dass es eine Militäroperation war.
Die Staatsanwälte haben sieben Haftbefehle erlassen, vier davon betreffen Zivilisten und drei Offiziere. Der Tatverdächtige, dem der Prozess gemacht wird, ist ein Offizier. Deshalb werden die Staatsanwälte argumentieren, dass es eine Militäroperation war. Ob die Politiker davon wussten oder nicht, ist relativ egal, weil das Militär ja zum Staat gehört.
Was bedeutet das für den ukrainischen Präsidenten?
Selenski hat immer versucht, sich aus der Affäre herauszuhalten. Er wird seine Aussage nicht ändern und wir müssen abwarten, wie seine Medienstrategie sein wird. Es wurde unterschätzt, was für ein Medienereignis der Prozess wird: Ein Offizier steht wegen Kriegsverbrechen vor Gericht. Das wird sehr kontrovers werden, denn dies ist ein Krieg voller russischer Kriegsverbrechen, und der erste Offizier, der vor Gericht steht, ist ein ukrainischer Verteidiger.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.