In Milano und Cortina starten heute die paralympischen Winterspiele. Russland ist erstmals wieder dabei. Es war seit dem grossen Staatsdoping-Skandal 2014 in Sotchi gesperrt. Eine Recherche des Exil-Mediums «Vot Tak» zeigt: Der Kreml investiert Millionen Rubel, um russische Kriegsveteranen zu Para-Profisportlern auszubilden. SRF-Russlandkorrespondent Calum MacKenzie sagt, was darüber bekannt ist.
Wie rekrutiert Russland die Kriegsversehrten?
Die Ausbildung zum paralympischen Sportler beginnt schon im Spital. Das russische Paralympische Komitee führt Trainings und Wettkämpfe in den Spitälern und Rehazentren durch, in denen sich verwundete russische Soldaten erholen. Bezeichnend ist, dass die Veteranen teilweise für sie ganz neue Sportarten erlernen. Einige sind dann quasi im Schnellverfahren in die Nationalmannschaften ihrer Sportart aufgenommen worden. Hinter diesen Sporttrainings für Verwundete steckt eine gut dotierte staatliche Kampagne, diese Kämpfer zu Profisportlern zu machen.
Warum ist es dem Kreml wichtig, Ukraine-Veteranen zu Para-Profisportlern zu machen?
Die Ex-Ukraine-Kämpfer werden auch in anderen Bereichen gefördert. Neben den Programmen bei der Integration in den Arbeitsmarkt gibt es auch staatliche Projekte, sie zu Politikern und Beamten auszubilden. Wladimir Putin hat schon mehrfach gesagt, diese sogenannten «Helden der Spezialoperation» könnten zu einer «neuen Elite» im Land werden. Ob er das ernst meint, lässt sich bezweifeln. In Wahrheit profitiert nur ein Bruchteil der Veteranen von diesen Programmen. Sehr viele beklagen sich, dass sie nach der Rückkehr aus dem Krieg im Stich gelassen werden oder viel weniger verdienen als in der Armee, dass ihre Protesen von schlechter Qualität sind und dass sie nicht wie Helden behandelt werden. Es geht bei diesen Profisport-Programmen darum, ein paar medienwirksame Aushängeschilder zu schaffen, mit einigen tatsächlich erfolgreichen Sportlern, die im Ukrainekrieg gekämpft haben.
Warum werden die anderen Veteranen im Stich gelassen?
Es ist vor allem eine Geldfrage. Im vergangenen Jahr sind die Einnahmen des Staates markant zurückgegangen. Gleichzeitig gibt es schon eine beträchtliche Zahl an Kriegsrückkehrern in der Gesellschaft. Sie sind versehrt, oft traumatisiert. Dem russischen Machtapparat ist bewusst, dass das zum Problem werden könnte. Aber die Priorität des Kremls liegt nach wie vor bei der Rekrutierung neuer Soldaten und dem Krieg. Dort fliesst das ganze Geld hin. Daher muss man die Veteranen mit Perspektiven als Profisportler mit einzelnen Erfolgsgeschichten besänftigen.
Welche Rolle spielt der Sport im Regime von Wladimir Putin?
Der Sport ist ein wichtiges Instrument der russischen Softpower. Erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler sollen das Image des Kremls im Inland und im Ausland sozusagen reinwaschen. Im Inland ist es oft so, dass bekannte Athletinnen und Athleten rekrutiert werden, um für Putin Wahlkampf zu machen oder in Putins Partei eintreten. Das soll helfen, die Bevölkerung, die weitgehend von der Politik entfremdet ist, doch noch irgendwie für die Regierung zu begeistern. Russland wurde von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, weil ein riesiges, staatliches Dopingprogramm für das Olympiateam aufgeflogen ist. Das Dopingprogramm zeigt, wie wichtig sportliche Erfolge für Putin sind. Heute behauptet die russische Propaganda gerne, Russland sei unfairerweise aus politischen Gründen ausgeschlossen worden.