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Umberto Bossi ist gestorben Er brachte Föderalismus und derbe Sprache in Italiens Politik

Er hat Italiens Politik umgekrempelt wie kaum ein anderer. Umberto Bossi, Gründer und langjähriger Chef der Lega Nord. Gestern ist er 84-jährig in Varese, unweit der Schweizer Grenze, gestorben.

Bossi war oft laut, ungehobelt, er konnte gar beleidigen. Etwa wenn er Süditaliener als «terroni», als Bauerntölpel, verunglimpfte. Die Hauptstadt Rom beschimpfte er oft als Diebin, als «ladrona». Oder er schrie ins Publikum: «basta» – es reicht!

Separatismus, dann Föderalismus

Wenn dieses Land demokratisch nicht zu verändern sei, dann werde sich der Norden eben als eigene Republik abspalten. Das sagte Bossi in den 1990er-Jahren. Bossi und seine Mitstreiter brachten ein neues Wort in Italiens Politik ein: den Separatismus. Später dann den Föderalismus – mehr Kompetenzen für die Regionen.

Mann hält Glaskrug in der Hand mit offenem Mund.
Legende: Umberto Bossi nimmt im September 2010 an der jährlichen Zeremonie der Lega Nord auf dem Monte Viso teil, bei der Wasser aus der Flussquelle des Po als Symbol für die Identität des norditalienischen «Padanien» entnommen wird. Keystone/Massimo Pinca

Sein norditalienisches Fantasieland am Po, «Padanien», beschrieb er liebevoll, als wäre es ein menschlicher Körper. In Mantua befinde sich das Herz, nämlich das Parlament, der Nation Padanien. In Venedig sei der Kopf, also die Regierung. Das Rückgrat dieses Staates sei der Po, der Fluss.

Das Herz dieses Staates aber fing nie zu schlagen an, es blieb Bossis Traum. Für viele andere Italiener war die Vorstellung eines autonomen Padanien allerdings ein Albtraum.

Kind einer Arbeiterfamilie

Bossi kam in Varese, nahe der Schweizer Grenze, zur Welt. Er wuchs in den einfachen Verhältnissen einer Arbeiterfamilie auf. Schon als Jugendlicher suchte er den Auftritt vor dem Publikum, als mittelmässiger Sänger. Später als talentierter Politiker.

Bossi gelang es, die diversen Gruppen oder Grüppchen zusammenzufassen, die die nördlichen Regionen Lombardei und Venetien vom Stiefel abspalten wollten.

Mann im Anzug gestikuliert mit Hand.
Legende: Umberto Bossi, unter anderem bekannt für seine derbe und direkte Sprache. (1.12.1993) Keystone

Bossi machte seine oft derbe Politsprache und die Personalisierung der Politik in Italien salonfähig. Bossi war die Lega und die Lega war Bossi. Darin glich er dem anderen Norditaliener, der in den 1990er-Jahren in die Politik drängte und aufstrebte: Silvio Berlusconi.

Teil von Berlusconis Rechtskoalition

Berlusconi war reicher, schneller, vielleicht auch listiger als Bossi. Berlusconi konzentrierte sich nicht nur auf den Norden, sondern er wollte ganz Italien. Dafür nahm er sich Bossi als Verbündeten. Und Berlusconi brach ein Tabu, indem er neben der Lega auch die Postfaschisten in seine Rechtskoalition holte. Umberto Bossi liess ihn gewähren, obschon er einmal lauthals versprochen hatte, nie mit den Postfaschisten zu regieren.

Zwei Männer bei einer Veranstaltung, Händedruck.
Legende: Am 3. März 2002 wird Bossi in Berlusconis Anwesenheit zum Parteipräsidenten der Lega Nord wiedergewählt. Bossi versprach Berlusconi erneut politische Loyalität – trotz ihres früheren Bruchs im Jahr 1994. Keystone/DANIEL DAL ZENNARO

2004 erlitt Bossi einen Hirnschlag, an dem er beinahe starb. Fortan hatte er Mühe beim Sprechen. Er blieb aber weiter Parteichef.

Die Parteikasse geplündert

«Roma Ladrona» – Bossi geisselte die Hauptstadt Rom immer wieder als Diebin. Doch 2012 stand auf einmal Bossi als Dieb am Pranger. Seine Familie soll die Parteikasse regelrecht geplündert haben. Dieser Skandal, und nicht die Krankheit, beendete Bossis Karriere. Er, der langjährige Alleinherrscher, ging gedemütigt vom Feld. Am Lega-Firmament tauchte ein neuer Stern auf: Matteo Salvini.

Er trug die Debatte um mehr regionale Autonomie kraftvoll vom Po aus in die Römer Palazzi.
Autor: Franco Battel Auslandkorrespondent Italien

Um Bossi wurde es ruhig. Einmal sagte er: Wer dem Tod nur knapp entronnen sei, habe weniger Angst vor dem Sterben.

Bossi hat zeitlebens polarisiert. Er hat viel versprochen. Eines aber hat er erreicht: er trug die Debatte um mehr regionale Autonomie kraftvoll vom Po aus in die Römer Palazzi. Italien ist heute ein föderaleres Land.

Rendez-vous, 20.03.2026, 12:30 Uhr;stal;noes

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