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Uiguren: In Haft wegen Bart oder zu kurzen Hosen
Aus Echo der Zeit vom 18.02.2020.
abspielen. Laufzeit 05:32 Minuten.
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Unterdrückung der Uiguren Ilhams verzweifelte Suche nach ihrem verschollenen Vater

Der Ökonom Ilham Toti wurde von der chinesischen Staatsmacht weggesperrt. Seine Tochter kämpft für ihn – und ihr Volk.

15. Januar 2014, Flughafen Peking, Gepäckabgabe. An dem Tag sah Jewher Ilham ihren Vater zum letzten Mal. Die damals 18-Jährige sollte den bekannten uigurischen Ökonomen Ilham Toti in die USA begleiten, wo er eine Gastprofessur antreten wollte. Doch dann kam ein Mann in schwarzer Uniform dazwischen, der Toti abführte. Er wurde wegen «Separatismus» verurteilt.

Seit 2017 hat seine Tochter nichts mehr von ihm gehört. Familienbesuche seien verboten worden. Es sei keinerlei Kontakt mehr möglich. Sie wisse nicht, ob ihr Vater in ein anderes Gefängnis verlegt wurde. Sie wisse nicht mal, ob er noch lebe.

Jewher Ilham
Legende: SRF konnte am Rande des Genfer Menschenrechtsgipfels, der von NGOs organisiert wird, mit der Uigurin Jewher Ilham sprechen. Keystone

Vor wenigen Wochen war sie es, die für ihn in Strassburg den renommierten Sacharov-Preis des Europaparlaments entgegennahm. Jetzt, bei der Begegnung auf dem Genfer Menschenrechtsgipfel, wirkt Ilham ruhig, konzentriert – auch noch nach einem halben Dutzend Interviews.

Wäre in meiner Heimat jeder Zehnte ein Extremist, wie schlimm müsste dann die Lage hochgerechnet auf die Weltbevölkerung sein?
Autor: Jewher IlhamUigurische Aktivistin

Sie trägt einen dunklen Hosenanzug, das Haar streng zurückgekämmt. Sie lächelt selten, und wenn, dann nur kurz. Aber sie wirkt energisch, beginnt mit der Antwort jeweils schon bevor die Frage fertig ist. Weshalb betrachtet das Regime in Peking ihren Vater als Gefahr?

«Ich glaube gar nicht, dass man ihn für gefährlich hält. Er ist ja schon jahrelang vorher überwacht worden.» Polizisten seien ständig bei ihnen zu Hause vorbeigekommen, hätten gar da gegessen, als seien sie Freunde der Familie.

Aussenminister Wang Yi
Legende: Laut Chinas Regierung gibt es diesen Konflikt gar nicht. «100 Prozent Lügen», behauptete Aussenminister Wang Yi am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Doch es gibt immer mehr Belege, dass es anders ist. Reuters

Was den Machthabern aber offenbar missfiel, war die internationale Aufmerksamkeit, die Ilham Toti erfuhr. Viel besucht wurde vor allem seine Webseite, die für den Abbau der Spannungen zwischen den Uiguren und der chinesischen Mehrheitsbevölkerung der Han warb. Wozu Spannungen abbauen, wenn es doch laut offizieller Lesart gar keine gibt?

Ein Leben im Exil

Die junge Aktivistin lebt heute in den USA, dreht dort gerade einen Dokumentarfilm über die Unterdrückung der turksprachigen, muslimischen Minderheit der Uiguren. In ihrem Bekanntenkreis gebe es in jeder Familie Leute, die in die riesigen Umerziehungslager gesteckt wurden, zumindest vorübergehend. Die Führung in Peking spricht von Berufsbildungszentren, Jewher Ilham von Konzentrationslagern.

1 Million Uiguren in Umerziehungslagern

1 Million Uiguren in Umerziehungslagern
Legende:Keystone

Eine Million Menschen, also ein Zehntel der uigurischen Bevölkerung: Zuerst nannten Menschenrechts-Organisationen diese Zahl; sie steht nun auch in einem vertraulichen Papier des deutschen Aussenministeriums. Diese Woche gelangten deutsche Medien an eine 137-seitige Liste mit Namen von Inhaftierten und den Gründen für die Festnahme. Die Auflistung zeigt: Es reicht oft, das Gesicht zu verschleiern, einen Bart zu tragen, vor dem Essen zu beten, einen Gottesdienst zu besuchen. Bei den allerwenigsten Namen auf den Listen steht irgendetwas von Kontakten zu radikalislamischen Organisationen.

Ilham findet es lächerlich, dass Peking immer mit dem Terrorismus komme. «Wäre in meiner Heimat jeder Zehnte ein Extremist, wie schlimm müsste dann die Lage hochgerechnet auf die Weltbevölkerung sein?»

Doch das abgrundtiefe Misstrauen der Staatsführung in die Uiguren sei die Ursache für deren Benachteiligung – auch jetzt wieder, im Zusammenhang mit dem Corona-Virus: In Urumtschi, der Hauptstadt der Heimatprovinz der Uiguren, gebe es ebenfalls viele Kranke, sagt Ilham. Doch dorthin würden keine Ärzte geschickt, stattdessen viele abgezogen nach Wuhan.

Die Hoffnung bleibt

Sie wirft dem Westen nicht Feigheit vor der chinesischen Macht vor. Doch sie ist enttäuscht, dass die UNO den Uiguren-Konflikt ausblendet. Sie weiss aber, wie entschlossen Peking gegen Länder vorgeht, von denen es kritisiert wird. Dennoch erwartet sie, dass sich diese verbünden, um gemeinsam gegen Chinas Unterdrückungspolitik vorzugehen.

Und sie ist optimistisch – will optimistisch bleiben: Bis zum Tag, an dem die Lager geschlossen würden und ihr Vater freikomme.

Video
Dokumente zeigen systematische Unterdrückung der Uiguren
Aus Newsflash vom 17.02.2020.
abspielen

Echo der Zeit, 18.02.2020, 18 Uhr; imhm

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Die Regierung, welche mit solchen Menschen feindlichen, skrupellosen Gewalt-Regierungen wirtschaftliche Geschäfte tätigt, macht sich mitschuldig an den vielen Opfern! Das gilt auch für die Schweiz.
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  • Kommentar von Andi Berger  (nd)
    Möge ihr Vater bald freikommen!

    Der Westen macht mit Julian Assange aber dasselbe und kein Land unternimmt etwas. Wir sind überhaupt nicht besser. Schade, dass wir so weit unten angelangt sind.
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  • Kommentar von Hans-Peter Müller  (Hampi)
    Das ist ihre Chance, Herr Bundesrat Maurer: Besuchen sie Frau Illham und geben Sie dieser mutigen und für Gerechtigkeit kämpfenden Frau Wertschätzung und bestmögliche Zusammenarbeit. Das wäre neutralitätspolitisch nur konsequent, da sie dem chinesischen Seidestrasse-Projekt ja ebenfalls CH-Unterstützung zusichern.
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