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US-Medienlandschaft «Irgendwann haben wir es nicht mehr mit Demokratie zu tun»

Der Abbau von 300 Stellen bei der «Washington Post» sorgt auch in Europa für Schlagzeilen. Denn der Kahlschlag fällt in eine Zeit, in der die unabhängige Medienlandschaft in den USA zunehmend unter Druck gerät. Eine Einschätzung des Experten für US-Medien, Curd Knüpfer.

Curd Knüpfer

Experte für die USA und US-Medien

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Curd Knüpfer ist Professor am Digital Democracy Center der University of Southern Denmark. Eines seiner Forschungsgebiete ist die Medienlandschaft in den USA.

SRF News: Wie blicken Sie auf die Entwicklungen bei der «Washington Post»?

Sie reiht sich ein in einen Gesamteindruck: Es steckt nicht nur der in Washington basierte Polit-Journalismus in einer Krise, es ist eine Entwicklung in den gesamten USA – möglicherweise gar das Ende einer Ära. Ultrareiche Milliardäre haben sich – oft in vermeintlich philanthropischer Art und Weise – ins Mediengewerbe eingekauft. Und jetzt bauen sie diese Medien systematisch ab.

«Washington Post» – ein ganz, ganz grosser Name

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Hohe Gebäudefassade mit Bäumen im Vordergrund.
Legende: Reuters/Aaron Schwartz

Die «Washington Post» ist eine der wirklich grossen und wichtigen Zeitungen in den USA mit sehr langer Tradition. Hier wurden 1972/73 die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein zur Watergate-Affäre publiziert, die den Sturz von US-Präsident Richard Nixon 1974 zur Folge hatte. Die Journalisten der «Washington Post» recherchieren traditionell sehr nahe am Zentrum der Macht – auch geografisch. Dies etwa im Gegensatz zur «New York Times», die traditionell näher an der Wall Street ist. Und so gibt es bei der «Washington Post» auch viel Insiderwissen. Deshalb verstand sich die Zeitung in der Tat als vierte Gewalt im Staat. Und diese Funktion hat sie auch lange innegehabt.

Warum die Entlassungen und Kürzungen bei der «Washington Post»?

Der Printjournalismus befindet sich bekanntlich seit Langem in einer tiefen Krise – und das betrifft auch die «Washington Post». Nun gab es mit der Übernahme der Zeitung durch Amazon-Chef Jeff Bezos 2013 die Hoffnung, dass er dies aus philanthropischen Gründen tat.

Für Bezos sind die Verluste unbedeutend angesichts seines Zig-Milliardenvermögens.

Den Abbau bei der «Washington Post» begründet man jetzt zwar mit den finanziellen Verlusten der Zeitung. Doch das muss man als vorgeschobenen Grund lesen, denn für Bezos sind diese Verluste unbedeutend angesichts seines Zig-Milliardenvermögens.

Hat der Abbau also vor allem mit dem zunehmend harten Wind zu tun, der unabhängigen Medien in den USA entgegenbläst?

Es gibt wohl kein Geschäftsmodell für kritischen Journalismus, das fette Gewinne abwirft. Das muss auch Bezos 2013 klar gewesen sein. Doch kritischer Journalismus muss trotzdem irgendwie ermöglicht werden. In Europa haben wir dafür den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder andere Geschäftsmodelle hinter Medienhäusern, die nicht profitorientiert sind.

Die Oligarchen haben gemerkt, woher der Wind nun weht – und tun jetzt offenbar alles, um bei Trump nicht in Ungnade zu fallen.

In den USA hat die negative Entwicklung zwar nicht erst mit Trump begonnen. Doch bei seiner Inauguration vor einem Jahr wurde klar: Alle Tech-Oligarchen stehen vereint hinter Trump. Offensichtlich hatten sie mit der neuen Administration hinter verschlossenen Türen gesprochen und sich der neuen Politikform Trumps angepasst. Sie haben gemerkt, woher der Wind nun weht – und tun jetzt offenbar alles, um bei Trump nicht in Ungnade zu fallen.

Der Abbau bei der «Washington Post» betrifft aber weniger die Polit- und Inlandberichterstattung – also doch kein Kniefall vor Trump?

Die «Washington Post» war lange ein Prestigeobjekt: Als vierte Gewalt konnte man mit ihr und der öffentlichen Meinung den Politbetrieb beeinflussen. Jetzt, mit Trump, scheint man vor allem deshalb so massiv zu sparen, weil das Objekt einfach nicht mehr interessant ist. Die «Washington Post» wird fallengelassen, weil man sich mit ihr möglicherweise die Finger verbrennen kann. Man hat bei anderen kritisch berichtenden Medien wie bei CBS News oder dem «Wall Street Journal» gesehen, wie diesen von der Trump-Regierung das Leben schwer gemacht wird.

Ein demokratisches System braucht Medien und Zeitungen, damit Öffentlichkeit passiert.

Welche Konsequenzen hat das für die Demokratie in den USA?

Ein demokratisches System braucht Medien und Zeitungen, damit man zueinanderfindet, damit Öffentlichkeit passiert. Es geht etwa darum, dass Korruption aufgedeckt wird, aber auch viel elementarer darum, dass man mitbekommt, was wichtig ist. Nur so kann man gut informiert entscheiden, etwa, wenn Wahlen anstehen. Wenn wir uns aber von diesem System lösen und es nur noch darum geht, was einzelne mächtige Personen wollen, dann haben wir es irgendwann nicht mehr mit einer Demokratie zu tun.

Das Gespräch führte Christina Scheidegger.

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Echo der Zeit, 10.2.2026, 18 Uhr ; 

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