Ana Gil Garcia ist eine prominente Stimme der venezolanischen Gemeinschaft in den USA. In Chicago leitet die Professorin eine Hilfsorganisation für Landsleute – die zum Ziel von Trumps harter Einwanderungspolitik geworden sind.
SRF News: Wie war Ihre Reaktion auf Maduros Gefangennahme?
Ana Gil Garcia: Meine Schwestern riefen mich um 2 Uhr morgens aus Venezuela an. Ich gebe zu, ich war sehr zufrieden und glücklich, weil wir seit mehr als 27 Jahren darauf gewartet hatten. Ich dachte: Wow, Maduro und seine Frau wurden gefangengenommen. Und ich erwartete, dass nun auch die restlichen Figuren des Regimes entfernt werden. Aber das passierte nicht.
Ich habe gemischte Gefühle.
Es war entmutigend, als Präsident Trump später erklärte, das Öl sei wichtiger als die Menschen, wichtiger als die Demokratie – als er erklärte, er übergehe die gewählten Anführer von Venezuela: María Corina Machado und Edmundo González. Ich habe also gemischte Gefühle, so wie wohl viele, viele Venezolaner, in den Vereinigten Staaten, aber auch in Venezuela selbst.
Es heisst generell: Besser ausgebildete, wohlhabendere Venezolaner hätten ihr Land zuerst verlassen, auch in Richtung USA. In den letzten Jahren, nach dem wirtschaftlichen Kollaps, seien aber vor allem weniger gut Ausgebildete und weniger Wohlhabende gekommen. Haben diese beiden Gruppen unterschiedlich auf Maduros Sturz reagiert?
Wir sahen die Reaktion der älteren Venezolanerinnen und Venezolaner in Chicago und anderswo in den Vereinigten Staaten. Sie war zurückhaltend. Jene Venezolaner, die erst vor Kurzem angekommen waren, reagierten mit grösserer Freude. Für sie ist das Maduro-Regime das einzige, was sie von der Rückkehr abhält. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass das letzte Jahr für die venezolanische Gemeinschaft sehr hart war.
Hören Sie jetzt von Venezolanerinnen und Venezolanern in den USA, die sagen: Vielleicht ist jetzt der richtige Moment gekommen, um zurückzukehren?
Ich habe noch niemanden gehört, der das sagt. Ich höre: Warten wir mal ab. Denn wir Venezolaner kennen jene, die in Venezuela immer noch an der Macht sind.
Die Menschen harren voller Angst in ihren Häusern aus.
Sie haben über 27 Jahre ein Land zerstört, das einst eine Demokratie war. Wir wissen nicht, welche Art von Vergeltungsmassnahmen in Venezuela bevorstehen. Aber wir wissen, dass die bewaffneten paramilitärischen Gruppen des Regimes, die Colectivos, in den grossen Städten unterwegs sind. Sie terrorisieren die Menschen, verbreiten Angst und akzeptieren nicht, dass Maduro gestürzt wurde. Die Menschen harren voller Angst in ihren Häusern aus. Sie wurden von der Entwicklung überrascht und haben keine Lebensmittel. Gleichzeitig trauen sie sich wegen der paramilitärischen Gruppen nicht aus dem Haus.
Glauben Sie, dass nun die US-Regierung den Druck auf Venezolanerinnen und Venezolaner in den USA erhöht?
Ja, ich glaube, es wird heissen: Maduro ist jetzt weg. Ihr habt hier nichts mehr zu suchen.
Falls sich die Trump-Regierung tatsächlich mit einer Regierung arrangiert, die noch immer von Maduro-Leuten dominiert wird, was bedeutet das für die Venezolaner in den USA?
Es bedeutet noch mehr Unsicherheit. Über unsere Hilfsorganisation kenne ich jemanden, der plante, in zwei Tagen nach Venezuela zurückzukehren. Ihm wurden die Dokumente weggenommen, dank derer er sich hier aufhalten durfte. Auch die Arbeitserlaubnis wurde ihm entzogen. Er hatte keine Zeit, Asyl zu beantragen. Er beschloss zu gehen. Aber jetzt sagt er: Ich kann nicht. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, zu gehen.
Das Gespräch führte Andrea Christen.