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Lage in Venezuela «Wenig Chancen für baldige Wahlen in Venezuela»

Wie reagieren die Menschen in Venezuela auf den US-Coup – und wie geht das Leben dort weiter? ARD-Korrespondentin Jenny Barke befindet sich an der Grenze zu Venezuela. Sie beschreibt die Situation im Land.

Jenny Barke

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Die Journalistin Jenny Barke ist ARD-Korrespondentin für Mittelkamerika mit Wohnsitz in Mexiko-Stadt. Derzeit befindet sie sich im kolumbianischen Cúcuta an der Grenze zu Venezuela.

SRF News: Was wissen Sie über die Lage in Venezuela?

Jenny Barke: Weil Journalisten schon seit zwei Jahren kein Visum für das Land mehr erhalten, müssen wir uns auf Berichte aus Venezuela verlassen. Jetzt berichtet eine venezolanische Kollegin aus Caracas, dass dort bewaffnete und vermummte Paramilitärs patrouillieren. Sie kontrollieren die Leute und nehmen ihnen teilweise die Handys ab.

Die Kollegin in Venezuela beschreibt die Situation als ‹nervöse Normalität›.

Am Montag waren 14 Journalisten festgenommen worden, die dann wieder freigelassen wurden. Es gilt eine Ausgangssperre, bei der aber niemand so genau weiss, was man darf und was nicht. Es sei viel Angst zu spüren, sagt die Kontaktperson. Sie beschreibt die Situation als «nervöse Normalität».

Wie ist die Lage bei Ihnen auf der kolumbianischen Seite der Grenze zu Venezuela?

Hier in Cúcuta leben viele Venezolanerinnen und Venezolaner, die meist schon vor längerem geflüchtet sind. Neue Flüchtlinge, die wegen der aktuellen Situation geflohen sind, habe ich hier bisher keine angetroffen. Die meisten, mit denen wir gesprochen haben, hoffen, dass sie und die weit über den Kontinent und die ganze Welt verstreuten Verwandten und Freunde irgendwann nach Venezuela zurückkehren können.

Was denken diese Menschen über die aktuellen Ereignisse?

Die meisten äussern sich positiv über den Sturz Maduros. Manche loben Trumps Politik und hoffen auf ein weiteres Eingreifen der USA. Andere kritisieren das Vorgehen Trumps – sie hätte sich einen Wandel von innen heraus gewünscht. Derzeit sind sie sich aber alle einig, dass es noch zu früh sei, nach Venezuela zurückzukehren. Zu unsicher erscheint ihnen die Lage in ihrer Heimat.

Menschenmenge mit Figuren bei Protest.
Legende: Für Maduro gibt es auch Unterstützung: In Caracas protestierten am Montag Anhängerinnen und Anhänger des Diktators gegen dessen Entführung durch US-Trupppen nach New York. Reuters/Maxwell Bricero

Was halten die Leute von der neuen Präsidentin, Maduros früherer Vizepräsidentin Delcy Rodríguez?

Die meisten hier sind mit der Einsetzung Rodríguez’ nicht zufrieden. Sie gilt als loyale Anhängerin des Regimes. Schon ihr Vater war ein linker Parteifunktionär. Rodríguez hatte sich zunächst für einen konfrontativen Kurs gegenüber Trump entschieden, ist dann aber zurückgerudert und bot ihm am Sonntag ihre Zusammenarbeit an.

Die eingesetzte Präsidentin Rodríguez befindet sich in einer sehr schwierigen Position.

Ihr Dilemma: Sie muss einerseits Trumps Willen gerecht werden, der unter anderem fordert, dass sie das Öl freigibt und sich Venezuela von Russland und China loslöst. Gleichzeitig muss sie das venezolanische Militär hinter sich vereinen. Und dieses ist nicht gerade gewillt, sich auf Forderungen aus den USA einzulassen. Entsprechend befindet sich Rodríguez in einer sehr schwierigen Position.

Wenn Sie über die Grenze blicken, wie nehmen Sie die Stimmung in Venezuela wahr?

Es ist eine Art gespenstisches Abwarten. Die Unsicherheit bei den Menschen ist gross. Andererseits gibt es auch grosse Hoffnung, dass sich alles zum Besseren wenden könnte. Ich habe Leute angetroffen, die überzeugt sind, dass sich Trump wirklich für die Demokratie in Venezuela einsetzen will.

Wenn die Armee auseinanderbricht, droht ein Bürgerkrieg in Venezuela.

Ist die Hoffnung auf Demokratie und baldige freie Wahlen berechtigt?

Das ist überaus schwierig abzuschätzen. Derzeit versucht das Regime in Caracas einfach, die Lage und sich selbst zu stabilisieren. Denn wenn die Armee auseinanderbricht, droht ein Bürgerkrieg in Venezuela. Entsprechend wichtig für das Regime ist derzeit der Zusammenhalt. Auch wenn jetzt freie Wahlen wichtig und entscheidend wären – dafür sehe ich in nächster Zeit wenig Chancen.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Diskutieren Sie mit:

SRF 4 News aktuell, 6.1.2025, 6:10 Uhr ; 

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