US-Präsident Donald Trump will Grönland übernehmen. Soll Europa Widerstand leisten oder weiterhin versuchen, die Lage zu beruhigen? Alain Berset, alt Bundesrat und Generalsekretär des Europarats, spricht von einem Stresstest für die transatlantischen Beziehungen.
SRF News: Hat US-Präsident Trump eine rote Linie überschritten?
Alain Berset: Wir leben in einer Welt, die schwierig zu verstehen ist. Wir müssen abwarten, wie sich alles entwickelt. Für mich ist aber klar: Was gesagt wurde, ist sehr unüblich und birgt Gefahren.
Wenn die USA Grönland militärisch erobern würden: Was würde das für ein Signal in die Welt aussenden, zum Beispiel an Russland?
Sehr viele würden zur Überzeugung gelangen, dass so ein Vorgehen plötzlich erlaubt ist. Das würde nicht weniger als die Zerstörung des internationalen Rechts bedeuten. Es wäre auch ein sehr negatives Signal für die Beziehungen zwischen den USA und Europa. Und das in einer Zeit, in der man diese Verbindung eigentlich stärken sollte.
Man muss zwischen Hintergrundlärm und Realität unterscheiden. In der heutigen Welt ist das nicht immer einfach.
Manchmal blufft Trump bloss. Bei Grönland scheint es ihm aber ernst zu sein. Wie muss Europa nun reagieren?
Es ist ein Stresstest. Man sollte nicht vergessen, dass vor einem Jahr auch von Kanada als 51. Bundesstaat der USA die Rede war. Davon hat man später nichts mehr gehört. Man muss zwischen Hintergrundlärm und Realität unterscheiden. In der heutigen Welt ist das nicht immer einfach.
Erleben wir gerade einen entscheidenden Moment für Europa?
Das Jahr 2026 wird sehr wahrscheinlich matchentscheidend sein. Die aktuellen Entwicklungen müssen wir ernst nehmen. Gleichzeitig müssen wir einen kühlen Kopf bewahren und unsere europäischen Interessen wahren.
Ist Europa mitschuldig, dass die USA derzeit so dominant auftreten? Schliesslich herrscht aussenpolitisch oft Uneinigkeit.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die USA eine entscheidende Rolle für die Stabilität in Europa gespielt, auch noch nach dem Kalten Krieg. Dann gab es eine Abfolge von Krisen, angefangen mit der Finanzkrise von 2007/2008. Es folgten weitere Erschütterungen, und das kurzfristige Denken hat sich durchgesetzt.
Vielleicht haben wir es uns zu gemütlich eingerichtet.
Nun erleben wir womöglich einen Paradigmenwechsel – innerhalb weniger Monate. Europa trägt dafür eine gewisse Verantwortung, wir alle als Europäer. Vielleicht haben wir es uns zu gemütlich eingerichtet. Jetzt müssen wir für uns schauen.
Was bedeutet eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt, für ein kleines Land wie die Schweiz?
Die Welt wird für die überwiegende Mehrheit der Länder instabil. Das kann sehr destruktiv für die Zukunft sein – auch für die Entwicklung der Wirtschaft. Für Unternehmen ist es sehr belastend, nicht zu wissen, was gilt und wo man investieren kann. Es ist unklar, wie die Lage in ein paar Jahren aussieht. Diese Entwicklung betrifft aber die Gesellschaft, ja die Menschheit insgesamt.
Die Schweiz sagt offiziell, dass Grönland völkerrechtlich zu Dänemark gehört. Öffentliche Kritik an den USA übt sie aber nicht. Reicht das?
Jedes Land muss für sich überlegen, welche Strategie die richtige ist. Ich glaube, dass diese Aussagen völlig richtig waren – auch wenn ich dazu keine Beurteilung abgeben sollte. Vonseiten des Europarats ist klar: Grönland hat einen starken Bezug zu Europa, es bestehen lange Verbindungen.
Grönland wird von der Europäischen Konvention für Menschenrechte und vom Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gedeckt. Wenn man davon ausgeht, dass internationales Recht gilt, dürfen solche Eroberungsideen keinen Platz haben.
Das Gespräch führte Andreas Stüdli am WEF in Davos.