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Verbotene Kriegsführung Was chemische Waffen anrichten können

Eines vorweg: Es gibt keinen bestätigten Einsatz chemischer Waffen im Ukraine-Krieg. Dennoch steht die Befürchtung im Raum, Wladimir Putin könnte derartige verbotenen Kampfstoffe einsetzen. Zuletzt blitzte am Montag ein solcher Vorwurf auf, als das berüchtigte ukrainische Asow-Regiment behauptete, die Russen hätten in Mariupol eine chemische Substanz eingesetzt.

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Archiv: Vorwurf des Chemiewaffen-Einsatzes in Mariupol
aus Rendez-vous vom 12.04.2022.
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Auch wenn sich solche Vorwürfe nicht bestätigen lassen, so sei es doch wichtig, dass eine Art externe Überprüfung stattfinde, erklärt Stephen Herzog vom Center for Security Studies der ETH Zürich. Denn da Länder wie die USA und Grossbritannien darauf hingewiesen haben, dass mit einem russischen Chemiewaffeneinsatz im Ukraine-Krieg eine «rote Linie» überschritten werden könnte, seien Beweise entscheidend.

Stephen Herzog

Stephen Herzog

Sicherheitsexperte an der ETH Zürich

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Stephen Herzog ist Forscher am Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich. Er ist spezialisiert auf Forschung im Bereich der Rüstungskontrolle und der Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Dr. Stephen Herzog informiert häufig die Medien, Regierungen und internationale Organisationen über diese Themen. Er hat an der Yale University promoviert und kam vom Belfer Center for Science and International Affairs der Universität Harvard an die ETH Zürich.

SRF News: Stephen Herzog, wie weist man den Einsatz chemischer Waffen nach?

Stephen Herzog: Dazu sind physische Beweise erforderlich, etwa durch Umweltproben aus der Nähe des Angriffs. In einem belagerten Ort wie Mariupol wäre es jedoch äusserst schwierig, eine unparteiische internationale Überprüfung durch die in Den Haag ansässige Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zu erreichen. Detaillierte medizinische Untersuchungen mutmasslicher Opfer könnten jedoch Nebenprodukte von Toxinen im Blut aufzeigen. Allerdings ist die Geschwindigkeit bei einer solchen Untersuchung entscheidend.

Hinweise auf ein aktives russisches Chemiewaffen-Programm

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Russland ist Vertragspartei des Chemiewaffenübereinkommens (CWÜ), darf also nicht über Nerven-, Blut-, und Erstickungsstoffe verfügen. Als Moskau 1997 der Konvention beitrat, erklärte es, seine 40'000 Tonnen chemischer Waffen zu vernichten. Dazu gehörten laut Stephen Herzog vom Center for Security Studies der ETH Zürich Nervengase wie Sarin und VX sowie Senfgas. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen OPCW hat 2017 die Vernichtung des russischen Chemiewaffenarsenals bestätigt. Dennoch gibt es Vorwürfe, dass Russland in Tschetschenien und Syrien chemische Waffen eingesetzt hat. Und es gab eine Reihe von Anschlägen auf Kreml-Kritiker, bei denen Nowitschok eingesetzt wurde. «All dies deutet darauf hin, dass Russland gegen seine CWÜ-Verpflichtungen verstösst und ein aktives Chemiewaffen-Programm hat», sagt Stephen Herzog. Auf jeden Fall verfüge der Kreml nach wie vor über das Wissen, um bei Bedarf kurzfristig grosse Mengen chemischer Waffen herzustellen.

Im Ukraine-Krieg gab es Meldungen über den möglichen Einsatz von Phosphor-Munition. Wäre das ein Verstoss gegen die Chemiewaffenkonvention?

Nein. Weisse Phosphor-Munition ist zwar eine Chemikalie, sie gilt nach dem Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) aber nicht als chemische Waffe. Sie ist nicht verboten, weil der Schaden, den sie verursacht, auf der Erzeugung grosser Hitze beruht – und nicht auf Vergiftung. Phosphorbomben werden häufig zur Markierung von Zielen oder zur Erzeugung von Nebelschwaden eingesetzt. Allerdings verbietet die Konvention über bestimmte konventionelle Waffen (CCW) von 1980 ihren Einsatz in bewohnten Gebieten. Phosphor kann grossflächige Brände verursachen und das Einatmen von Partikeln im Rauch zu inneren Verletzungen führen. Es erzeugt einen Geruch, der an Knoblauch erinnert.

Wie wirken chemische Waffen?

Chemische Kampfstoffe vergiften die Menschen. Sie können in Form von Aerosolen versprüht oder in Raketen, Artilleriegranaten, Granaten oder Bomben eingebracht werden. Dann breiten sie sich in gasförmiger, flüssiger oder fester Form aus. Je nach der Menge der versprühten Chemikalien oder nach Wucht der Explosion kann dies über ziemlich grosse Gebiete erfolgen.

Was können sie in einem Krieg anrichten?

Im Gegensatz zu Phosphor-Munition sind chemische Kampfstoffe keine effizienten Kriegswaffen. Sie können nur in sehr begrenztem Mass Infrastruktur zerstören.

Dies wäre eine äusserst grausame und höchst illegale, aber potenziell wirksame Methode, um widerstandsfähige städtische Zivilbevölkerungen zu schädigen.

Sie dienen vielmehr dazu, in der Zivilbevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Dies wäre eine äusserst grausame und höchst illegale, aber potenziell wirksame Methode, um widerstandsfähige städtische Zivilbevölkerung zu schädigen.

Chemische Waffen sind also für die Menschen zwar absolut verheerend, für die strategische Zerstörung von Zielen jedoch quasi unbrauchbar.

In den meisten Fällen sind sie in der Tat nicht besonders nützlich. Feindliche Truppen können sich mit entsprechender Ausrüstung schützen. Die Wirksamkeit hängt zudem stark von den Witterungsbedingungen ab – etwa vom Wind. Sie können ausserdem auch für die eigenen Truppen ein Risiko darstellen und Gebiete unzugänglich machen. Wahrscheinlicher wird der Einsatz von chemischen Kampfstoffen einerseits dann, wenn die Kampflinien statisch sind und die militärische Strategie auf Zermürbung ausgerichtet ist. Andererseits kann sich so ein Angriff gegen die festsitzende Zivilbevölkerung richten, die über keine persönliche Schutzausrüstung verfügt.

Chemische Waffen werden seit über 2000 Jahren eingesetzt

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Der letzte bestätigte Einsatz von Chemiewaffen in einem Konflikt geht auf den Syrien-Krieg zurück, als das Assad-Regime Sarin- und Chlorgas gegen Rebellen und Zivilisten einsetzte. Zudem habe Russland in der Vergangenheit Fentanyl als Betäubungsmittel gegen Tschetschenische Terroristen eingesetzt, wie Stephen Herzog erklärt. Es sei jedoch nicht klar, ob dies gemäss dem Chemiewaffenübereinkommen verboten ist. Zum Einsatz kamen chemische Waffen auch im iranisch-irakischen Krieg in den 1980er Jahren. «Heute gibt es im Iran schätzungsweise 100'000 Überlebende des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime von Saddam Hussein gegen die Zivilbevölkerung», so Herzog. Viele von ihnen seien infolge der Vergiftunen bis heute auf ständige medizinische Behandlung angewiesen.

Chemische Waffen oder Gifte werden seit über 2000 Jahren im Krieg eingesetzt. Bereits 600 v. Chr. wird berichtet, dass das athenische Militär die Wasserversorgung belagerter Städte vergiftete. «Und dies waren sicherlich nicht die ersten Vorfälle chemischer Kriegsführung», erklärt Stephen Herzog.

In der modernen Kriegsführung gehe der Einsatz von Gas auf dem Schlachtfeld auf den Ersten Weltkrieg zurück. «Beide Seiten setzten aktiv chemische Waffen ein, insbesondere Chlor-, Senf- und Phosgengas.» Dies führte zur Ausarbeitung des Genfer Protokolls von 1925, das den Einsatz von chemischen und biologischen Waffen im Krieg verbietet. «Obwohl das Genfer Protokoll bereits seit fast einem Jahrhundert besteht, haben sich die Länder erst im Chemiewaffenübereinkommen von 1997 darauf geeinigt, ihre Bestände an solchen Waffen zu beseitigen.»

Das Interview wurde schriftlich geführt.

SRF4 News, 12.04.2022, 12:00 Uhr;

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