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Verteidigung im All «Wir sehen eine unfassbare Innovationsgeschwindigkeit im All»

Jetzt, wo sich Europa bei der Verteidigung nicht mehr auf die USA verlassen will, gibt es einige unangenehme Erkenntnisse: Im Weltraum, der entscheidend ist im Kriegsfall, ist Europa stark von den USA abhängig. Sicherheitsexpertin Antje Nötzold erklärt, wie Europa bei Satellitensystemen aufholen kann.

Antje Nötzold

Sicherheitsexpertin Universität der Bundeswehr München

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Dr. Antje Nötzold ist Sicherheitsexpertin an der Universität der Bundeswehr in München. Sie ist auch Dozentin an der Technischen Universität Chemnitz und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind insbesondere Kriege und Konflikte im Weltraum, Sicherheit im All, Weltraumgovernance und Astropolitik.

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SRF: Warum will Europa im Weltraum aufrüsten?

Antje Nötzold: Der Weltraum hat eine essentielle militärische Bedeutung für moderne Konflikte. Satelliten sind notwendig, um unsere Verteidigungsfähigkeit zu erhöhen. Und zwar, indem wir ein eigenes Lagebild haben. So sind wir in der Lage, unabhängig und gesichert zu kommunizieren, Signale abzufangen oder Warnungen und Abwehr von Raketen zu ermöglichen. Das sind Fähigkeiten, bei denen Europa bisher stark von den USA abhängig ist.

Soldat hält Satellitenschüssel im Schnee
Legende: Im Ukraine-Krieg sind die Satelliten von Starlink essentiell. Doch damit gibt es auch eine grosse Abhängigkeit vom US-Unternehmen SpaceX. REUTERS/Clodagh Kilcoyne

Können Sie dazu ein Beispiel machen?

Wir haben das im Ukrainekrieg gesehen: Dank schneller Satellitenkommunikation über Starlink konnte die Zeit zwischen Zielerfassung und Zerstörung von rund 20 Minuten auf etwa eine Minute reduziert werden. Das hat dazu beigetragen, dass sich die Ukraine mit viel weniger Fähigkeiten viel effektiver verteidigen konnte. 

Es ist nicht der Anspruch, mit den Weltraum-Grossmächten wie den USA, Russland oder China gleichzuziehen. Da sind wir viel zu weit hinterher.

Die USA sind führend – wo steht denn Europa in dieser Aufholjagd?

Ich würde nicht von einer Aufholjagd sprechen. Denn es ist gar nicht der Anspruch, mit den Weltraum-Grossmächten wie den USA, Russland oder China gleichzuziehen. Da sind wir viel zu weit hinterher. Es geht darum, autonome Fähigkeiten zu haben, damit uns andere Akteure nicht mehr die Nutzung des Weltraums verwehren können. Wir haben in Europa auch ein grosses Manko bei den Launcher-Fähigkeiten, um unsere Systeme in den Weltraum bringen zu können. 

Satellitenbild von Häusern und Schiffdocks am Meer.
Legende: Eine Aufnahme einer Militärbasis des finnischen Satelliten-Start-ups Iceye. Mithilfe einer speziellen Radarfunktion können selbst durch Wolken detaillierte Aufnahmen gemacht werden. Iceye

Es gibt ein Grossprojekt der EU für ein eigenes Satellitensystem IRIS², quasi ein europäisches Starlink. Was halten Sie davon?

Es wäre eine wichtige Ergänzung. Wir haben in Europa ein sehr gutes Navigationssystem mit Galileo. Wir haben den Goldstandard der Erdbeobachtung mit Copernicus. Es fehlt noch ein komplementäres Satelliten-Kommunikationssystem. «IRIS²» ist allerdings eines dieser typischen europäischen Grossprojekte. Es soll 2030 beginnen. Doch die technischen Anforderungen sind schon jetzt fast veraltet.

Wir sehen momentan eine unfassbare technologische Innovationsgeschwindigkeit im Weltraum.

Was wäre eine Alternative?

Eine Alternative wäre, auf kleinere, flexiblere Konstellationen zu setzen, die man schneller beschaffen und austauschen kann. Wir sehen momentan eine unfassbare technologische Innovationsgeschwindigkeit im Weltraum. Früher war es in Ordnung, Systeme fünf Jahre lang zu bauen und dann in den Weltraum zu bringen. Heute sind die Systeme innerhalb von zwei, drei Jahren technologisch überholt. Wir müssen zu einer ganz anderen Form der Beschaffung kommen.

Satellit über Erde
Legende: Ein Satellit des finnischen Start-ups Iceye fliegt über Skandinavien. Auch die Ukraine kann auf Bilder eines Iceye-Satelliten zurückgreifen. Iceye

Können kleine Start-ups eine Rolle spielen?

Ja, die tragen definitiv dazu bei. Die grosse Innovationsdynamik hat sich in den kommerziellen Bereich verschoben.

Wo gibt es Fortschritte?

Wir haben in Europa eine sehr grosse Dynamik bei sogenannten Micro-Launchern, also kleineren Raketen. Das ist eine sehr positive und dringende Entwicklung. Zudem hat der deutsche Verteidigungsminister 35 Milliarden Euro für die militärische Raumfahrt bis 2030 angekündigt. Dieses Budget ist enorm. Firmen gehen Kooperationen ein, um die Kompetenz der Weltraumunternehmen mit den Fähigkeiten für schnellere Produktion zu verbinden, um hier handlungsfähig zu werden.

Das Gespräch führte Viviane Manz.

10vor10, 13.2.2026, 21:50 Uhr ; 

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