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Der furchtlose Videoblogger
Aus Rendez-vous vom 16.01.2020.
abspielen. Laufzeit 05:13 Minuten.
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Videoblogger in Russland Kritischer Journalismus unter dem staatlichen Radar

Blogger werden in Russland immer populärer. Sie berichten auch über heisse Themen. Besonders erfolgreich ist Juri Duds Videokanal.

Ein Dokumentarfilm über Kolyma, eine Region im äussersten Nordosten Russlands, hat aus Juri Dud ein mediales Schwergewicht gemacht. Inzwischen ist Dud eine Stimme, auf die in Russland gehört wird.

Kolyma ist nicht nur abgelegen und eisig kalt. Die Gegend ist vor allem für ihre düstere Geschichte bekannt: Sowjetdiktator Josef Stalin errichtete hier ein ganzes Netz von Straflagern, den sogenannten Gulag.

Zweitausend Kilometer fährt Juri Dud für den Film mit einem Kamerateam durch die Gulag-Region Kolyma. Er besucht verfallene Arbeitslager, trifft Historiker, Nachfahren von Gefangenen, einfache Leute.

Besuch in der «Heimat der Angst»

«Ich habe diese Reise unternommen, weil es hier nicht um unsere Vergangenheit geht. Es geht um unsere Gegenwart», sagt Dud in dem Film. Kolyma sei die «Heimat unserer Angst». Was er damit meint: Kolyma ist ein Symbol für die panische Angst vieler Russinnen und Russen vor dem Staat. Eine Angst, die den Menschen bis heute im Nacken sitzt.

Schneebedeckte Lagergebäude in sibirischer Umgebung.
Legende: «Heimat der Angst»: Standbild aus Juri Duds Film über Kolyma. Juri Dud

Fast 19 Millionen Mal wurde Duds Film bislang angeklickt. Ein Grosserfolg, wenn man bedenkt, dass er ihn nur auf der Internet-Plattform Youtube veröffentlicht hat. Davor war der heute 33-Jährige Dud vor allem als Interviewer bekannt.

Journalist ohne Berührungsängste

Dud befragt für seinen Online-Kanal Rapper, Schauspielerinnen oder TV-Moderatoren. Frisch im Ton, locker in der Sprache und inhaltlich ohne Tabu: Sex, Drogen, Depression – vor keinem Thema schreckt der Journalist zurück.

Das ist es wohl, was beim Publikum ankommt: Eine ungekünstelte Art, die frei ist von gesellschaftlichen Schranken, aber auch von politischer Zensur.

Juri Dud – der Dokfilmer

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Juri Dud – der Dokfilmer

Nach seinem Dokumentarfilm über die Region Kolyma hat Dud nachgelegt und zwei weitere Filme veröffentlicht. Im einen geht es um den Terroranschlag von Beslan, wo 2004 über 300 Menschen mutmasslich deshalb starben, weil die Behörden versagten.

Im anderen Film reist Dud mit einem Bewohner der tiefsten russischen Provinz durch Spanien und Portugal. Der Mann erlebt ein freundliches, friedliches Europa, das so gar nicht zum Feindbild passt, das die russische Staatspropaganda vom Westen zeichnet.

Die Verbrechen Stalins, Fehler des Sicherheitsapparats, das Verhältnis zu Europa: Juri Dud wagt sich an Themen, welche der russische Staat lieber unter den Teppich kehrt oder zumindest propagandistisch verzerrt.

Einkommen dank Online-Werbung

Interviews gibt Dud so gut wie nie. Er stellt lieber selbst Fragen. Inzwischen ist der stets leger, aber modisch gekleidete Journalist so populär, dass er von seinen Filmen leben kann. Als eine Art Ein-Mann-TV-Sender verdient er viel Geld mit Online-Werbung.

Dabei ist Dud nicht allein. Zahlreiche andere Videoblogger füllen inzwischen die Informationslücke, welche die staatlich gelenkten Medien in Russland hinterlassen. Sie berichten von Demonstrationen der Opposition oder sie interviewen kritische Schriftsteller wie Boris Akunin, der in staatlichen Medien kaum zu Wort kommt. Im Internet ist vieles noch möglich, was auf russischen Fernsehbildschirmen nicht geht.

Unter dem Radar der Medienwächter

Der Staat lässt Leute wie Dud bislang gewähren – vielleicht, weil sie gleichsam unter dem Radar der staatlichen Medienwächter fliegen. Die Reichweite der Blogger ist auf junge und urbane Schichten begrenzt. Die meisten Russinnen und Russen informieren sich traditionell im Fernsehen.

Das ändert sich allerdings zunehmend. Wie in anderen Ländern auch, schauen in Russland junge Leute kaum mehr fern. Das Smartphone hat das TV-Gerät abgelöst. Für staatlich kontrollierte Botschaften ist die nachwachsende Generation deswegen nur noch schwer erreichbar. Russlands Jugend informiert sich im Internet – unter anderem bei Leuten wie Juri Dud.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Alfred Schläpfer  (191.5yenokavan)
    Ich, wie alle Blogger auf dieser SRF Seite sitzen schön im Trockenen und massen uns an, die Situation in Russland zu beurteilen. Ich finde es einfach nur schade, dass Putin mit der gebotenen Chance, für das ganze Volk etwas mehr herauszuholen, nicht mehr fertig gebracht hat. Aber wo unterscheidet er sich denn so sehr von unseren Politikern oder in den meisten Ländern? Umverteilung nach oben. Wird nächste Woche im WEF nochmals schön durchzelebriert.
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  • Kommentar von Beat Häfeli  (xxx)
    In der Russischen Föderation sind unliebsame Journalisten „unter dem staatlichen Radar“, wie es Herr Nauer nennt - in der westlichen Wertegemeinschaft längst hinter Schloss und Riegel, siehe Julian Assange!
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    1. Antwort von kurt trionfini  (kt)
      Herr Häfeli: Den Fall Assange müsste ich zuerst Recherchieren um inhaltlich fundiert reagiere zu können. Nicht Googeln muss ich den Umgang unseres Umganges mit der eigenen Vergangenheit - Das Unrecht an den Verdingkindern wurde vom Staat gründlich aufgearbeitet. Wie sieht es in Russland mit der Aufarbeitung der Gulags aus? Schon gar nicht Googeln muss ich den Unterschied in der Behandlung Strafgefangener in den Haftanstalten. Wären da noch die Bedingungen, um sich zur Wahl stellen zu können...
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  • Kommentar von Roger Stahn  (jazz)
    «Wie in anderen Ländern auch, schauen in Russland junge Leute kaum mehr fern.» Zum Glück ist das so und den älteren Menschen in anderen Ländern wäre dies ebenso zu empfehlen, es diesen jungen Leuten gleich zu tun oder sonst in die Bibliothek zu gehen, und anständige Bücher zu lesen, statt fern zu sehen. :-)
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Warum? Und nochmals warum, warum sind sie auf der Seite des Staatsfernsehens?
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    2. Antwort von Mihai Löchli  (Siebenbürgen)
      Herr Camenisch, warum bevorzugen Sie Fernsehen zum Bücher lesen? Nur weil durch Bücher die Indoktrination möglichkeiten nicht auf dem neusten Stand sind und gleichzeitig sind Bücherinhalte weniger zensuriert (wegen Verlagsdiversität) ? Ich weiss nicht warum der Herr Stahn auf der Staatsfernsehen Seite ist, aber ich bin hier, weil ich ungern "freiwillig" für nichts bezahle.
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