«New Start» ist das letzte übriggebliebene Abkommen zur Begrenzung der Atombombenarsenale von Russland und den USA. Jetzt ist es ausgelaufen. Und ein Nachfolgevertrag ist nirgends in Sicht. Damit steigt unweigerlich das Risiko. Der diplomatische Korrespondent Fredy Gsteiger hat die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Warum ist das «New Start»-Abkommen ausgelaufen?
Weil es von vornherein befristet war. Abgeschlossen haben diesen Vertrag US-Präsident Barack Obama und sein russischer Amtskollege Dmitri Medwedew, zunächst für zehn Jahre. Danach wurde «New Start» um fünf Jahre verlängert. Eine weitere Verlängerung war nicht vorgesehen. Man hätte nun stattdessen ein Nachfolgeabkommen aushandeln müssen.
Warum vereinbarten die Russen und die Amerikaner kein Anschlussabkommen?
Weil sie es nicht ernsthaft wollen – aus unterschiedlichen Gründen. Eine grosse Rolle spielt der totale Vertrauensverlust seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Es fehlt damit die Grundlage für konstruktive Abrüstungsverhandlungen. Die USA ihrerseits wollen nicht eine blosse Neuauflage von «New Start», sondern wenn schon, dann ein weit umfassenderes Abkommen, das auch das enorm rasch und stark wachsende chinesische Atomarsenal miteinbezieht. Das lehnt Peking aber entschieden ab.
Hinzu kommt, dass die Russen neue Waffensysteme, darunter Hyperschallwaffen, entwickelt haben, die sich atomar bestücken liessen. Die US-Regierung fordert deshalb, auch sie in Neuverhandlungen einzubeziehen. Die russische Seite wiederum bringt vor, man müsste auch über die britischen und französischen Atomwaffen verhandeln, obschon diese Arsenale vergleichsweise winzig sind. Am Ende schlug die russische Regierung vor, dass sich beide Seiten ein weiteres Jahr de facto an «New Start» halten, obschon das Abkommen ausgelaufen ist. Die USA gingen darauf nicht ein.
Was passiert jetzt ohne «New Start»?
Es gibt nun keinerlei vertraglich festgelegten Obergrenzen mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass Russen und Amerikaner – und erst recht die Chinesen – ihre Arsenale nicht nur weiter modernisieren, sondern auch vergrössern, steigt damit deutlich. Zumal mit dem Ende des letzten Rüstungskontrollabkommens im Atombereich jede Transparenz fehlt.
Niemand weiss künftig mehr mit Sicherheit, was der Gegner tut, weil wechselseitige Überprüfungen und Inspektionen fehlen. In einer solchen Situation stellt man sich auf ein Szenario des schlimmstmöglichen Falls ein. Das bedeutet konkret: noch mehr aufrüsten. Besorgniserregend ist auch, dass derzeit überhaupt keine Verhandlungen über atomare Rüstungskontrolle mehr stattfinden.
Rückt ohne «New Start» die Gefahr eines Atomkriegs näher?
Ja. Davon ist nicht zuletzt die Gruppe renommierter Atomwissenschaftler überzeugt, die vor kurzem ihre «Weltuntergangsuhr» auf 85 Sekunden vor Zwölf vorgestellt hat, also die Bedrohung als grösser erachtet als jemals zuvor. Dazu kommt: Die Anzahl Atommächte dürfte steigen. Geopolitische Spannungen nehmen zu, das Vertrauen in Allianzen schwindet – daher erwägen etliche Länder, sich als Rückversicherung Atomwaffen zuzulegen: Neben dem Iran etwa Südkorea, Japan, Saudi-Arabien, aber auch die Ukraine oder Polen. Die Rede ist auch von einer «europäischen Atombombe». Mehr Atomwaffen in mehr Ländern erhöhen zugleich das Risiko, dass irgendwann welche auch in die Hände von Terrororganisation, Milizen oder kriminelle Banden gelangen.