Normalerweise sind Treffen zwischen dem Nato-Generalsekretär und dem US-Präsidenten Routineangelegenheiten. Sie verlaufen freundschaftlich. Danach wird vor den Medien demonstrativ Einigkeit gezeigt. Überraschungen sind rar.
Bloss: Inzwischen ist im Verhältnis Nato-USA nichts mehr normal. Das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nato-Generalsekretär Mark Rutte dauerte zwar lang, mehr als zwei Stunden. Aber gefunden haben sich die beiden nicht. Einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt gab es keinen. Und offenkundig herrschte nicht mal ein Ansatz von Einigkeit.
Auch der «Trump-Flüsterer» scheitert
Und das, obschon Rutte bei Trump wohlgelitten ist und der Niederländer gar als «Trump-Flüsterer» gilt – dies zum Preis, dass er den US-Präsidenten stets und auf oft peinliche Weise über den grünen Klee lobt und mit keinem Wort je kritisiert.
Doch das hat diesmal nicht gereicht. Der Versöhnungsbesuch im Weissen Haus ist misslungen. Trump steht der Nato weiterhin feindselig gegenüber.
Trump bringt Reizthema Grönland wieder auf
Für die Nato bedeutet das nichts Gutes. Der US-Präsident kritisiert sie unverdrossen scharf, weil sie sich den Angriffen auf den Iran nicht anschloss. Dabei ist ihm egal, dass dieser Krieg mit der Nato-Verteidigung so gut wie nichts zu tun hat.
Zudem widersprach er dem Völkerrecht. Für Trump kein Thema. Für die meisten Europäer schon. Hinzu kommt: Der Iran hat vor diesem Krieg kein Nato-Mitglied akut bedroht.
Besonders irritierend ist für die europäischen Nato-Mitglieder, dass Trump nach dem Besuch von Rutte erneut das Grönland-Thema aufbringt, das bei ihm zur Obsession geworden ist. Er ist also finster entschlossen, genau jenes Reizthema weiter zu bewirtschaften, das zum gravierendsten Zwist innerhalb der Nato seit Jahrzehnten geführt hat.
Nato-Glaubwürdigkeit fundamental beschädigt
Das heisst zugleich: Das Verhältnis zwischen den USA und den Europäern ist zerrüttet. Und das beschädigt die Nato fundamental. Zwar kann Trump nicht einfach aus der Allianz austreten ohne Zustimmung des Senats mit Zweidrittelmehrheit. Gleichwohl beschädigt es deren Glaubwürdigkeit ungemein, wenn das wichtigste Bündnismitglied derart auf Distanz geht – und aus dem Weissen Haus ständig Zweifel daran geweckt werden, ob das Nato-Prinzip «einer für alle, alle für einen» von den USA tatsächlich gälte, falls ein Allianzmitglied angegriffen würde. Solche Botschaften werden im Feindeslager mit Genugtuung registriert.
Die Stärke eines Militärbündnisses bemisst sich nicht nur nach der militärischen Schlagkraft, sondern auch danach, ob sie bereit ist, diese notfalls gemeinsam einzusetzen. An militärischer Potenz ist die Nato Russland weiterhin deutlich überlegen. Doch punkto politischer Geschlossenheit sieht es neuerdings übel aus. Nach diesem Besuch des Nato-Chefs in Washington deutet wenig darauf hin, dass sich da noch etwas einrenken lässt, solange Trump regiert.