Beschlagnahmen US-Streitkräfte einen weiteren Öltanker? Kippen die nächsten eidgenössischen Wahlen in der Schweiz?
Auf solche Fragen wetten auf der Plattform Polymarket Nutzerinnen und Nutzer, oft mit hohen Geldbeiträgen. Was wie ein Spiel wirkt, zeigt zunehmend: Politik wird direkt zu Geld.
Soldat nutzte Geheiminformationen
Ein Fall aus den USA zeigt, wie weit das gehen kann. Laut Anklage wettete ein US-Soldat darauf, dass es einen Militäreinsatz in Venezuela geben und Präsident Nicolás Maduro sein Amt verlieren würde. Wenig später trat das Szenario ein. Der Gewinn: rund 410’000 Dollar.
Brisant: Der Mann soll selbst am Einsatz beteiligt gewesen sein. Das US-Justizministerium bestätigte entsprechende Ermittlungen. Er soll internes Wissen genutzt haben, um auf den Ausgang zu setzen.
Benjamin Schiffrin, Leiter der Abteilung für Wertpapierpolitik bei der Non-Profit-Organisation Better Markets, sagt: «Es ist nichts bewiesen, aber es gibt ein Muster von auffällig gut getimten Wetten – oft genau dann, wenn Informationen öffentlich werden.»
Märkte reagieren auf Ereignisse
Der Prognosemarkt Polymarket entstand 2020 und wurde spätestens mit den US-Wahlen 2024 global bekannt, als Donald Trump schon früh als Wahlsieger gehandelt wurde.
Das Prinzip ist einfach: Nutzer setzen auf «Ja» oder «Nein». Der Preis zeigt, wie wahrscheinlich ein Ereignis aus Marktsicht ist. Je tiefer die Wahrscheinlichkeit, desto höher der potenzielle Gewinn.
Anders als bei Sportwetten tritt die Plattform nicht als Gegner auf, sondern vermittelt zwischen den Nutzern und verdient an Gebühren. Gerade diese Struktur macht die Märkte anfällig.
Thorsten Hens, Finanzökonom an der Universität Zürich, sagt: «Bei spezifischen Ereignissen – etwa einem Krieg oder einer Wahl – ist es viel einfacher, sein Wissen auszunutzen.» Hier gehe es oft nur um ein einziges Ereignis, anders als bei einer Aktie, bei der viele Faktoren den Preis beeinflussen. Das mache Insiderwissen treffsicherer.
Plattformen nutzen Gesetzeslücken aus
Insiderhandel ist nichts Neues, so Hens. Dabei drohen aber hohe Strafen. Bei Polymarket hinke die Regulierung hinterher. In den USA lockerte die Trump-Regierung nach der Wahl gar die Regeln für Prognosemärkte, woraufhin diese stark gewachsen sind.
In der Schweiz sind Prognosemärkte verboten. Die interkantonale Geldspielaufsicht hat die Domain auf die Sperrliste gesetzt.
Doch Polymarket sei ein Spezialfall und unter Prognosemärkten eine Ausnahme, sagte der Ökonom Martin Spann kürzlich gegenüber SRF. Möglich sei dies, weil die Plattform über Standorte im Ausland operieren würden.
Hinzukommt, dass laut Benjamin Schiffrin Behörden meist nur dann eingreifen können, wenn fremdes Insiderwissen genutzt wird – nicht, wenn jemand eigenes Wissen einsetzt. «Das ist eine grosse Lücke in der bestehenden Regulierung.»
Der Kern des Problems ist dabei rechtlich und strukturell. «Wenn jemand Insiderhandel macht, dann spielt er mit gezinkten Karten, und andere werden dann nicht mehr mitspielen», sagt Hens. «Die Märkte versagen, die Liquidität verschwindet.»
Schwierig wird es bei Wahlen. Laut Hens können Prognosemärkte Wahlprozesse indirekt beeinflussen, weil sie ständig Wahrscheinlichkeiten sichtbar machen. Und damit genau das umgehen, was klassische Wahlprognosen kurz vor Abstimmungen verhindern sollen.