Was ist passiert? Das chinesische Verteidigungsministerium ermittelt gegen den ranghöchsten General der Volksbefreiungsarmee, Zhang Youxia. Die Rede ist von «Disziplinarverstössen» – und von fehlender Loyalität gegenüber der Kommunistischen Partei und deren Vorsitzendem Xi Jinping.
Wer ist General Zhang Youxia? Bis zum vergangenen Wochenende war Zhang der ranghöchste General im chinesischen Militär. Er war Vizevorsitzender der Zentralen Militärkommission, also des Führungsgremiums in der chinesischen Armee. Hierarchisch stand nur der Chef der Streitkräfte über ihm: Staats- und Parteichef Xi Jinping.
Was wird Zhang genau vorgeworfen? In den Medien ist derzeit von Korruptionsvorwürfen gegen Zhang die Rede, aber auch von Spionage für die USA, gestohlenen Nukleardokumenten und sogar von einem Putschversuch. Solche Spekulationen seien aber mit absoluter Vorsicht zu geniessen, rät Christian Wirth von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Wirth forscht zur Sicherheitspolitik in China und Ostasien. Er betont, dass über die chinesische Führungsriege wenig bekannt sei, besonders im Militär: «Die Armee ist sozusagen eine Blackbox in der Blackbox.» Die offiziellen Vorwürfe im Fall Zhang klängen aber schwerwiegend: Sie zielen auf Korruption ab, gemischt mit Illoyalität gegenüber Xi und der Kommunistischen Partei.
Die Volksbefreiungsarmee ist eine Armee der Partei, nicht des Staates.
Hat die Volksbefreiungsarmee ein Korruptionsproblem? Die kurze Antwort von Christian Wirth lautet: Ja. Allerdings sei nicht bekannt, wie sich das Problem in den letzten zehn Jahren entwickelt habe. Seit 2015 führt Xi Jinping eine harte Antikorruptionskampagne – in der Kommunistischen Partei und in der Volksbefreiungsarmee. Zuletzt entliess er im vergangenen Oktober mehrere altgediente Generäle. In der Zentralen Militärkommission sassen zu Beginn von Xis Amtszeit noch sieben Personen. Zhang war, hinter Xi, der Vizevorsitzende in dieser Kommission. Jetzt ist abgesehen von Xi nur noch ein General übrig.
Wie baut Xi Jinping die Armee um? Bei dieser Kampagne geht es nicht nur um Korruption, sondern auch um Macht: «Es gibt verschiedene Ansichten darüber, wie die Volksbefreiungsarmee zu führen ist, also ob die Führung wirklich nur auf Xi Jinping zugeschnitten sein sollte», erklärt Christian Wirth. Xi Jinping dulde keine alternativen Machtpole neben sich. Als Ziviler werde er bei den Militärs zwar nie den gleichen Respekt geniessen wie der kriegserprobte Zhang mit seinem grossen Netzwerk. Doch «die Volksbefreiungsarmee ist eine Armee der Partei, nicht des Staates.» In letzter Instanz unterstütze sie schlicht die Interessen der Kommunistischen Partei. Das sind in diesem Fall die Interessen Xi Jinpings. «Von da entwickelt sich alles, was diese Armee ist und was sie sein kann.»
Wie steht es um die Einsatzbereitschaft der Volksbefreiungsarmee? Laut US-Geheimdienstinformationen hat Xi der Volksbefreiungsarmee ein Ziel ausgegeben: Bis 2027 sollten die Streitkräfte grundsätzlich zu einer Invasion Taiwans in der Lage sein. Christian Wirth erkennt unter den Experten aber einen grossen Konsens, dass das kein realistischer Zeitrahmen ist. Die Organisationsstrukturen der Volksbefreiungsarmee zu stabilisieren, dürfte länger dauern. Das hat auch mit den Ränkespielen und mit dem grossen Umbau der Volksbefreiungsarmee zu tun, auf den der Fall Zhang ein neues Licht wirft.