Die Internet-Zensur in Russland hat sich seit Kriegsausbruch laufend verschärft. Jetzt geht der Kreml einen Schritt weiter: In Moskau wird das mobile Internet flächendeckend gedrosselt – mit weitreichenden Folgen. Ein Betroffener berichtet über seine Erfahrungen.
Im Zentrum von Moskau eröffneten Michail, der eigentlich anders heisst, und seine Freunde vor gut vier Jahren einen Blumenladen mit Lieferdienst. Das Geschäft lief zuerst gut, sagt der 19-Jährige.
Unsere Bestellungen gingen sofort um 50 Prozent zurück.
«Die Probleme begannen 2022, als Instagram gesperrt wurde. Dort machten wir viel Werbung. Unsere Bestellungen sind sofort um 50 Prozent zurückgegangen, am Schluss lieferten wir nur noch einen Zehntel von dem, was wir früher verkauften.» Die jungen Freunde mussten ihren Laden schliessen.
Hintergrund war der russische Überfall auf die Ukraine, als die Behörden den Zugang zu Plattformen und Medienseiten einschränkten, auf denen man Kritisches dazu lesen könnte.
Chaotische Szenen
Nun scheint der Kreml sein Land ganz vom globalen Netz abschotten zu wollen: Seit knapp zwei Wochen funktioniert mobiles Internet in Moskau und vielen anderen Städten oft gar nicht mehr.
In der Hauptstadt, in der fast alles per Smartphone erledigt wird, kommt vieles zum Stillstand: Russische Zeitungen schreiben, in nur fünf Tagen der Blockade hätten Moskauer Unternehmen bis zu 50 Millionen Franken verloren.
Ich kann weder Mitschüler noch Lehrpersonen erreichen, sogar die Drehkreuze beim Eingang sind internetbetrieben und bleiben zu.
Taxichauffeure verfahren sich, Schlagbäume in Parkhäusern wollen nicht aufgehen. Die Nachfrage nach Funkgeräten und gedruckten Stadtkarten ist stark gestiegen.
«Fahre ich ins Gymnasium, habe ich kein Netz», beschreibt Michail seine neuen Alltagsprobleme. «Ich kann weder Mitschüler noch Lehrpersonen erreichen, sogar die Drehkreuze beim Eingang sind internetbetrieben und bleiben zu.»
Offiziell soll eine «Weisse Liste» von systemrelevanten Seiten noch zugänglich sein – etwa von Banken und Staatsmedien. Doch oft sind auch diese gesperrt, bisweilen fällt selbst der Mobilfunk aus, sodass nicht einmal Anrufe getätigt werden können.
Kreml-Test vermutet
Vom Kreml heisst es, das alles sei eine Sicherheitsmassnahme. Zur Dauer der Blockade kommen widersprüchliche Signale von den Behörden. Die chaotische Einführung deutet aber an, dass das neue Zensur-Modell erst in der Testphase ist.
Michail wehrt sich dagegen. Er nutzt einen sogenannten VPN. Mit diesen virtuellen privaten Netzwerken kreiert man am Handy oder Laptop eine Art Tunnel durch das Internet, der die Sperren umgeht.
«Die Server, über die man aufs Internet zugreift, sind zum Beispiel in den Niederlanden», erklärt Michail – so täusche man einen anderen Standort als Russland vor. «Die bestimmte Technik, die ich brauche, wird auch in China und im Iran verwendet.»
Sogar der Grossvater benutzt VPN
Zu Beginn des Krieges wussten nur wenige in Russland, was ein VPN ist. Das ändert sich: «Auch mein Grossvater benutzt einen VPN», so Michail. «Er war empört, als er nicht mehr Youtube schauen konnte. Er schaut nicht mehr fern, weil er sagt, da sei zu viel Politik, das interessiere ihn nicht.»
Es ist ein Wettrüsten.
Die russischen Behörden schaffen es allerdings immer wieder, auch einzelne VPNs zu blockieren. «Es ist ein Wettrüsten», sagt Michail. «Die Behörden denken sich immer wieder was Neues aus. Aber Russen sind schlau, ich glaube, wir werden immer einen Weg finden.»