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Zugreisen im Krieg Die Lebensader der Ukraine ist nun auch Ziel russischer Angriffe

Trotz Krieg transportiert die ukrainische Bahn jeden Monat rund zwei Millionen Menschen durchs Land. Doch seit Kurzem greift Russland Passagierzüge gezielt an.

Halb sechs Uhr morgens. Verschlafen klettern die letzten Passagiere aus dem stillstehenden Nachtzug und gesellen sich zu den Mitreisenden, die auf einem schmalen Streifen zwischen Gleis und einer steilen Böschung warten. Unten ist dichter Wald.

Ihr Wagen sei vollständig evakuiert, meldet die Zugbegleiterin unseres Waggons per Walkie-Talkie. Es nieselt, eine Passagierin nippt an einem Kaffee, eine andere zieht sich fröstelnd die Wolldecke aus dem Zugabteil über die Schultern. Wir alle wurden von der Zugbegleiterin aus dem Schlaf gerissen mit dem Befehl, unverzüglich auszusteigen – ohne Gepäck.

Mehrere Personen auf einem Bahnsteig neben einem blauen Zug.
Legende: Die Passagiere warten neben den Gleisen, nachdem der Zug auf dem Weg nach Kiew wegen eines Alarms geräumt wurde. SRF

Eine Gruppe Jugendlicher schwatzt, die meisten jedoch schweigen, starren ins Leere oder auf ihr Handy. Ein leises Surren ist zu hören, es könnte eine hochfliegende Drohne sein.

Nach rund fünfzehn Minuten gibt die Lokomotive ein Signal: Wir dürfen wieder einsteigen. Der Zug fährt los.

Neue Regeln für den Ernstfall im Nachtzug

Dass eine solche Evakuierung geschehen könnte, das wussten wir. In jedem Abteil liegt ein Informationsblatt in ukrainischer und englischer Sprache, das erklärt, wie man sich bei drohender Gefahr verhalten soll. Ausserdem hatten wir am Abend zuvor mit der Zugchefin unseres Nachtzugs, Sofia Sydortschuk, über genau dieses Szenario gesprochen.

Wir fuhren mit ausgeschaltetem Licht, liessen die Storen herunter, die Passagiere mussten sich auf den Boden legen. Aber wir sind trotzdem gefahren.
Autor: Sofia Sydortschuk Zugchefin bei der ukrainischen Bahn

Sie sagt: Bis vor Kurzem seien die Züge immer gefahren, auch wenn Drohnen oder Raketen in der Luft gewesen seien und sogar bei Beschuss. Sie erzählt von einer Zugfahrt im Süden, im Gebiet Cherson, als zu Beginn des Krieges in der Nähe gekämpft wurde und Raketen flogen. «Wir fuhren mit ausgeschaltetem Licht, liessen die Storen herunter, die Passagiere mussten sich auf den Boden legen. Aber wir sind trotzdem gefahren.»

Doch seit rund einem Jahr attackiert Russland Passagierzüge gezielt mit Drohnen. Deshalb musste die ukrainische Bahn umdenken. Sie gründete eigene Überwachungsteams, die die Bedrohung für die Züge ständig analysieren und wenn nötig dem Zug den Befehl zum Anhalten erteilen. Dann muss die Zugchefin ihren Zug räumen lassen, bis die Gefahr vorbei ist.

Nächtliches Aussteigen, verlorene Verbindungen

Die 36-jährige Sydortschuk sagt, am meisten gefährdet sei der vordere Teil des Zuges: «Die Angriffe zielen primär auf die Lokomotiven. Die neuen Regeln sind auch dazu da, die Lokomotivführer zu schützen.»

Die Zugchefin erzählt, zu Beginn des Krieges hätten die Bahnangestellten grosse Angst gehabt. Doch man gewöhne sich an die neuen Umstände, sie seien zum Alltag geworden, das gelte auch für die neuen Regeln.

Der Hauptgrund für Panik und Unzufriedenheit unter den Passagieren ist, dass sie den nächsten Zug verpassen.
Autor: Sofia Sydortschuk Zugchefin bei der ukrainischen Bahn

Die meisten Passagiere seien kooperativ. Auch wenn es sehr unangenehm sein könne, mitten in der Nacht aussteigen zu müssen, vor allem im Winter und mit kleinen Kindern. Am meisten mache den Leuten jedoch etwas anderes zu schaffen: «Wenn der Alarm ausgelöst wird, hat der Zug Verspätung, und die Leute schaffen es meist nicht auf ihren Anschlusszug. Das ist der Hauptgrund für Panik und Unzufriedenheit unter den Passagieren: dass sie den nächsten Zug verpassen.»

Die Bahn als Symbol der ukrainischen Widerstandsfähigkeit

Wir treffen mit zwei Stunden Verspätung in Kiew ein. Tatsächlich sind zu spät ankommende Züge eine eher neue Erscheinung in der kriegsversehrten Ukraine. Das bestätigt der Vizechef der ukrainischen Eisenbahn, Oleksandr Schewtschenko: «Bis 2024 lag die Pünktlichkeit der Züge bei 93 Prozent, wir fuhren auf Teufel komm raus, egal was geschah, auch unter Beschuss.»

Während der Krieg das Land ins Chaos stürzte, konnten sich die Leute auf die Bahn verlassen. Man konnte immer darauf zählen, dass der Zug da sein würde.
Autor: Oleksandr Schewtschenko Vizechef der ukrainischen Bahn

Die Bahn ist ein Symbol der Widerstandsfähigkeit der Ukraine – und die Lebensader des Landes, für Zivilpersonen, Güter und Militär, da es keinen Flugverkehr mehr gibt. Schewtschenko sagt: «Während der Krieg das Land ins Chaos stürzte, konnten sich die Leute auf die Bahn verlassen. Man konnte immer darauf zählen, dass der Zug da sein würde.» 

Nur in den allergefährlichsten Frontgebieten wurden Strecken geschlossen, als es nicht mehr anders ging. Genau diesen Glauben an ihr Land wolle Russland den Menschen mit den Angriffen auf Züge nehmen, meint Schewtschenko.

Die Bahn ist zum prioritären Ziel der Russen geworden

Russland gelingt es seit Neuestem, bewegliche Ziele zu treffen – was vorher kaum möglich war: «Der Feind hat Wege gefunden, Drohnen mit Kameras auszurüsten, die das Ziel ins Visier nehmen.»

Serie von Angriffen auf die ukrainische Bahn

Box aufklappen Box zuklappen
Feuerwehrleute bei einem brennenden Zug bei Nacht.
Legende: Ukrainische Rettungskräfte nach dem russischen Drohnenangriff in Isjum in der Region Charkiw am 27. Januar. EPA/STATE EMERGENCY SERVICE

Ende Januar griff Russland einen Passagierzug in der Region Charkiw mit drei Drohnen an. Ein Wagen geriet in Brand, fünf Menschen starben. Im Zug waren über 200 Passagiere. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sprach von Terrorismus, Russland müsse dafür bestraft werden.

Im März traf eine russische Drohne einen Pendelzug bei Krywyi Rih in der Südostukraine. Ein Passagier starb, zehn wurden verletzt. Weitere Angriffe im April und Mai dieses Jahres in mehreren Regionen des Landes töteten und verletzten mehrere Menschen, darunter einen Zugbegleiter.

Die Zahl der Angriffe auf die ukrainische Bahn hat sich seit Anfang Jahr verdreifacht. Mehrere Menschen starben, weil Drohnen in Züge einschlugen. Schewtschenko sagt, die Bahninfrastruktur sei das prioritäre Ziel des Feindes geworden, ähnlich wie die Energieinfrastruktur.

Deshalb musste die Bahn reagieren. Sie hat 1515 Überwachungszentren eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit der Armee Voraussagen machen, wann und wo welcher Zug gefährdet ist. Wenn nötig, wird der Zug gestoppt, umgeleitet, oder er muss beschleunigen. Diese Massnahme hat schon Leben gerettet, so der Vizechef der ukrainischen Bahn Ukrsalisnytsja.

Nach wie vor transportiert die ukrainische Bahn pro Monat rund zwei Millionen Passagiere. Die Nachfrage sei nicht zurückgegangen, sagt Schewtschenko. Ihr Problem sei vielmehr der Mangel an Rollmaterial. «Letztes Jahr haben wir 172 Bahnwagen verloren – durch Beschuss oder durch Verschleiss. Produzieren konnten wir nur 66 Wagen.»

Das Rollmaterial wird maximal genutzt

Es gibt nur eine Fabrik in der Ukraine, die Bahnwagen produziert, und sie hat begrenzte Kapazitäten. Im Ausland Züge zu bestellen, ist problematisch: wegen der unterschiedlichen Spurbreite, weil es lange dauert und viel mehr kostet. «Wir brauchen die Bahnwagen sofort», meint Schewtschenko. Lokomotiven allerdings müssen im Ausland bestellt und gefertigt werden; der Verlust einer Lokomotive ist demnach ein grosses Problem.

Blauer Zug mit gelbem Streifen und Person am Ausstieg; Mann läuft vorbei.
Legende: Die Bahn fährt weiter – auch im Krieg. SRF

Trotzdem hat die ukrainische Bahn neue Strecken eröffnet und ist in der Regel pünktlich. Wie schafft sie das? Schewtschenko lacht und sagt: «Das ist unsere wichtigste Herausforderung.» Sie liessen keinen einzigen Zug mehr unbenutzt stehen, bei der Ankunft werde sofort geputzt, die Bettwäsche gewechselt, das Wasser aufgefüllt – eine Art Boxenstopp, wie bei der Formel 1. Dann fährt er weiter. Das Rollmaterial wird maximal genutzt.

Der Krieg ist dynamisch, die Lage verändert sich stetig. Die Ukraine schafft es, sich immer und immer wieder anzupassen. Ganz in diesem Sinne steht zuunterst auf dem Informationsblatt Evakuierungen, das im Abteil aufliegt: «Der Feind versucht uns zu stoppen, aber wir fahren weiter.»

Rendez-vous, 22.6.2026, 12:30 Uhr

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