Halb sechs Uhr morgens. Verschlafen klettern die letzten Passagiere aus dem stillstehenden Nachtzug und gesellen sich zu den Mitreisenden, die auf einem schmalen Streifen zwischen Gleis und einer steilen Böschung warten. Unten ist dichter Wald.
Ihr Wagen sei vollständig evakuiert, meldet die Zugbegleiterin unseres Waggons per Walkie-Talkie. Es nieselt, eine Passagierin nippt an einem Kaffee, eine andere zieht sich fröstelnd die Wolldecke aus dem Zugabteil über die Schultern. Wir alle wurden von der Zugbegleiterin aus dem Schlaf gerissen mit dem Befehl, unverzüglich auszusteigen – ohne Gepäck.
Eine Gruppe Jugendlicher schwatzt, die meisten jedoch schweigen, starren ins Leere oder auf ihr Handy. Ein leises Surren ist zu hören, es könnte eine hochfliegende Drohne sein.
Nach rund fünfzehn Minuten gibt die Lokomotive ein Signal: Wir dürfen wieder einsteigen. Der Zug fährt los.
Neue Regeln für den Ernstfall im Nachtzug
Dass eine solche Evakuierung geschehen könnte, das wussten wir. In jedem Abteil liegt ein Informationsblatt in ukrainischer und englischer Sprache, das erklärt, wie man sich bei drohender Gefahr verhalten soll. Ausserdem hatten wir am Abend zuvor mit der Zugchefin unseres Nachtzugs, Sofia Sydortschuk, über genau dieses Szenario gesprochen.
Wir fuhren mit ausgeschaltetem Licht, liessen die Storen herunter, die Passagiere mussten sich auf den Boden legen. Aber wir sind trotzdem gefahren.
Sie sagt: Bis vor Kurzem seien die Züge immer gefahren, auch wenn Drohnen oder Raketen in der Luft gewesen seien und sogar bei Beschuss. Sie erzählt von einer Zugfahrt im Süden, im Gebiet Cherson, als zu Beginn des Krieges in der Nähe gekämpft wurde und Raketen flogen. «Wir fuhren mit ausgeschaltetem Licht, liessen die Storen herunter, die Passagiere mussten sich auf den Boden legen. Aber wir sind trotzdem gefahren.»
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Bild 1 von 2. Der Krieg hat den Aufgabenbereich der Zugchefin erweitert: Im Ernstfall koordiniert sie Evakuierungen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Im Abteil des Nachtzugs nach Kiew liegen Informationsblätter bereit, die erklären, wie im Ernstfall eine sichere Evakuierung erfolgen soll. Bildquelle: SRF.
Doch seit rund einem Jahr attackiert Russland Passagierzüge gezielt mit Drohnen. Deshalb musste die ukrainische Bahn umdenken. Sie gründete eigene Überwachungsteams, die die Bedrohung für die Züge ständig analysieren und wenn nötig dem Zug den Befehl zum Anhalten erteilen. Dann muss die Zugchefin ihren Zug räumen lassen, bis die Gefahr vorbei ist.
Nächtliches Aussteigen, verlorene Verbindungen
Die 36-jährige Sydortschuk sagt, am meisten gefährdet sei der vordere Teil des Zuges: «Die Angriffe zielen primär auf die Lokomotiven. Die neuen Regeln sind auch dazu da, die Lokomotivführer zu schützen.»
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Bild 1 von 3. Auch im Bahnhof von Kiew ist der Krieg allgegenwärtig: Eine Hinweistafel zeigt den Weg in den Schutzraum. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Bei Luftalarm bleibt die Bahnhofshalle in Kiew geschlossen: Passagiere gelangen durch die Unterführung zu den Zügen, wo sie warten können – im Winter auch mit warmem Tee. Die Züge fahren derweil weiter. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Schachspielen im Zug ist eine alte (sowjetische) Tradition, die in der Ukraine überdauert hat. In der Bahnlounge im Bahnhof in Kiew steht ein Schachcomputer zur Verfügung. Bildquelle: SRF.
Die Zugchefin erzählt, zu Beginn des Krieges hätten die Bahnangestellten grosse Angst gehabt. Doch man gewöhne sich an die neuen Umstände, sie seien zum Alltag geworden, das gelte auch für die neuen Regeln.
Der Hauptgrund für Panik und Unzufriedenheit unter den Passagieren ist, dass sie den nächsten Zug verpassen.
Die meisten Passagiere seien kooperativ. Auch wenn es sehr unangenehm sein könne, mitten in der Nacht aussteigen zu müssen, vor allem im Winter und mit kleinen Kindern. Am meisten mache den Leuten jedoch etwas anderes zu schaffen: «Wenn der Alarm ausgelöst wird, hat der Zug Verspätung, und die Leute schaffen es meist nicht auf ihren Anschlusszug. Das ist der Hauptgrund für Panik und Unzufriedenheit unter den Passagieren: dass sie den nächsten Zug verpassen.»
Die Bahn als Symbol der ukrainischen Widerstandsfähigkeit
Wir treffen mit zwei Stunden Verspätung in Kiew ein. Tatsächlich sind zu spät ankommende Züge eine eher neue Erscheinung in der kriegsversehrten Ukraine. Das bestätigt der Vizechef der ukrainischen Eisenbahn, Oleksandr Schewtschenko: «Bis 2024 lag die Pünktlichkeit der Züge bei 93 Prozent, wir fuhren auf Teufel komm raus, egal was geschah, auch unter Beschuss.»
Während der Krieg das Land ins Chaos stürzte, konnten sich die Leute auf die Bahn verlassen. Man konnte immer darauf zählen, dass der Zug da sein würde.
Die Bahn ist ein Symbol der Widerstandsfähigkeit der Ukraine – und die Lebensader des Landes, für Zivilpersonen, Güter und Militär, da es keinen Flugverkehr mehr gibt. Schewtschenko sagt: «Während der Krieg das Land ins Chaos stürzte, konnten sich die Leute auf die Bahn verlassen. Man konnte immer darauf zählen, dass der Zug da sein würde.»
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Bild 1 von 1. Oleksandr Schewtschenko, Vizechef der ukrainischen Eisenbahn: Er koordiniert den Betrieb eines Systems, das auch unter Beschuss weiter funktionieren muss. Bildquelle: SRF.
Nur in den allergefährlichsten Frontgebieten wurden Strecken geschlossen, als es nicht mehr anders ging. Genau diesen Glauben an ihr Land wolle Russland den Menschen mit den Angriffen auf Züge nehmen, meint Schewtschenko.
Die Bahn ist zum prioritären Ziel der Russen geworden
Russland gelingt es seit Neuestem, bewegliche Ziele zu treffen – was vorher kaum möglich war: «Der Feind hat Wege gefunden, Drohnen mit Kameras auszurüsten, die das Ziel ins Visier nehmen.»
Die Zahl der Angriffe auf die ukrainische Bahn hat sich seit Anfang Jahr verdreifacht. Mehrere Menschen starben, weil Drohnen in Züge einschlugen. Schewtschenko sagt, die Bahninfrastruktur sei das prioritäre Ziel des Feindes geworden, ähnlich wie die Energieinfrastruktur.
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Bild 1 von 4. Der Bahnhof der westukrainischen Metropole Lwiw. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Zweimal pro Tag treffen Züge aus dem Osten ein. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Der Bahnhof von Kiew mit seiner markanten Fassade …. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. … und der weitläufigen, lichtdurchfluteten Halle im Innern. Bildquelle: SRF.
Deshalb musste die Bahn reagieren. Sie hat 1515 Überwachungszentren eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit der Armee Voraussagen machen, wann und wo welcher Zug gefährdet ist. Wenn nötig, wird der Zug gestoppt, umgeleitet, oder er muss beschleunigen. Diese Massnahme hat schon Leben gerettet, so der Vizechef der ukrainischen Bahn Ukrsalisnytsja.
Nach wie vor transportiert die ukrainische Bahn pro Monat rund zwei Millionen Passagiere. Die Nachfrage sei nicht zurückgegangen, sagt Schewtschenko. Ihr Problem sei vielmehr der Mangel an Rollmaterial. «Letztes Jahr haben wir 172 Bahnwagen verloren – durch Beschuss oder durch Verschleiss. Produzieren konnten wir nur 66 Wagen.»
Das Rollmaterial wird maximal genutzt
Es gibt nur eine Fabrik in der Ukraine, die Bahnwagen produziert, und sie hat begrenzte Kapazitäten. Im Ausland Züge zu bestellen, ist problematisch: wegen der unterschiedlichen Spurbreite, weil es lange dauert und viel mehr kostet. «Wir brauchen die Bahnwagen sofort», meint Schewtschenko. Lokomotiven allerdings müssen im Ausland bestellt und gefertigt werden; der Verlust einer Lokomotive ist demnach ein grosses Problem.
Trotzdem hat die ukrainische Bahn neue Strecken eröffnet und ist in der Regel pünktlich. Wie schafft sie das? Schewtschenko lacht und sagt: «Das ist unsere wichtigste Herausforderung.» Sie liessen keinen einzigen Zug mehr unbenutzt stehen, bei der Ankunft werde sofort geputzt, die Bettwäsche gewechselt, das Wasser aufgefüllt – eine Art Boxenstopp, wie bei der Formel 1. Dann fährt er weiter. Das Rollmaterial wird maximal genutzt.
Der Krieg ist dynamisch, die Lage verändert sich stetig. Die Ukraine schafft es, sich immer und immer wieder anzupassen. Ganz in diesem Sinne steht zuunterst auf dem Informationsblatt Evakuierungen, das im Abteil aufliegt: «Der Feind versucht uns zu stoppen, aber wir fahren weiter.»