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Die Corona-Tester kommen nicht mehr nach mit testen
Aus HeuteMorgen vom 18.09.2020.
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Zunahme der Infektionen in GB SRF-Korrespondent: «Manche Briten sind wütend auf Boris Johnson»

Grossbritannien verzeichnet seit Tagen einen markanten Anstieg der Corona-Neuinfektionen. Allein am Donnerstag wurden fast 4000 positiv getestete Personen gemeldet. Für den Nordosten Englands hat die Regierung die Kontaktbeschränkungen verschärft. Doch das grösste Problem sei, dass das Corona-Testsystem kollabiert sei, sagt SRF-Korrespondent Patrik Wülser.

Patrik Wülser

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent, SRF

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrika-Korrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandsredaktion von Radio SRF in Bern.

SRF News: Zwischenzeitlich hatte sich die Zunahme der Ansteckungszahlen in Grossbritannien verlangsamt. Wieso steigen sie jetzt wieder so rasant an?

Patrik Wülser: Das war einigermassen voraussehbar: Die Leute gehen wieder zur Arbeit, die Schulen sind seit zwei Wochen wieder offen, auch die Universitäten sind wieder geöffnet. Das öffentliche Leben nimmt Fahrt auf, es kommt wieder vermehrt zu Ansammlungen von Menschen und Kontakten – deshalb gibt es auch mehr Ansteckungen und Kranke.

Die Lage droht zu entgleiten

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Die Lage droht zu entgleiten
Legende: Reuters

Die Regierung in London hat unter anderem in Northumberland, Newcastle-upon-Tyne und Sunderland mit verschärften Kontaktregeln quasi einen Teil-Lockdown verhängt. So dürfen sich Personen aus unterschiedlichen Haushalten nicht mehr treffen, Restaurants und Pubs müssen um 22 Uhr schliessen, nur sitzend darf man sich dort aufhalten. Betroffen sind rund zwei Millionen Menschen. Seit Tagen waren in der betreffenden Region die Infektionszahlen vor allem in den Städten stark angestiegen. Experten sprechen von einer beängstigenden Entwicklung, manche befürchten, dass Grossbritannien die Lage wieder entgleiten könnte.

Der Anstieg kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Die Labors sind überlastet, es gibt zu wenig Coronatests. Wieso dieser Mangel?

Die Testzentren können wegen der steigenden Infektionszahlen mit der Nachfrage nach Tests schlicht nicht mehr mithalten. Der britische Gesundheitsminister beklagte öffentlich, dass sich auch Personen ohne Symptome testen lassen und so das System unnötig belasten.

Viele Kritiker bemängeln, dass die Erhöhung der Testkapazitäten zu spät kommt.

Premier Boris Johnson hatte seinen Landsleuten «das beste Testsystem der Welt» versprochen, jetzt verspricht er eine Erhöhung der Testkapazitäten auf 500'000 pro Tag bis Ende Oktober. Kommt das nicht zu spät?

Viele Kritiker bemängeln genau das – dass die Erhöhung der Testkapazitäten zu spät kommt. Bislang herrscht in Grossbritannien spätsommerliches Wetter mit angenehmen Temperaturen, doch der Herbst kann jeden Tag kommen und damit tiefere Temperaturen, mit denen auch vermehrt Erkältungen einhergehen. Mit den Erkältungssymptomen wird auch die Nachfrage nach Coronatests rasant ansteigen. Dann wird es für ein funktionierendes Gesundheitssystem enorm wichtig sein, die banalen Erkältungen von den Covid-19-Fällen unterscheiden zu können.

Johnson mit Mappe unter dem Arm, zahlreiche Fotografen säumen seinen Weg.
Legende: Verspricht viel, liefert aber wenig: Premierminister Boris Johnson. Reuters

Die britische Regierung scheint bei der Bekämpfung der Pandemie keine sehr gute Figur zu machen – wie sieht das die Bevölkerung?

In den Medien gibt es viele Berichte über persönliche Schicksale und Erlebnisse im Zusammenhang mit der Pandemie. Entsprechend ist die Öffentlichkeit betroffen und verunsichert, andere sind sogar wütend auf die Regierung. Wie repräsentativ solche Berichte sind, lässt sich jedoch nicht sagen.

Premier Johnson wird von Oppositionsführer Keir Starmer regelrecht grilliert.

Im Parlament allerdings ist das Krisenmanagement der Regierung täglich Thema. Premier Johnson wird dort von Oppositionsführer und Labourchef Keir Starmer regelrecht grilliert. Entsprechend steht die Regierung unter grossem Druck – und muss jetzt liefern.

Wie reagiert Johnson auf die Kritik?

Zur Verteidigung der Regierung muss man sagen, dass das Testsystem funktioniert hat und in Grossbritannien so viele Tests gemacht werden, wie in keinem anderen Land Europas. Doch inzwischen ist das System kollabiert.

Ein guter Politiker würde eher weniger versprechen und mehr liefern.

Das Problem: Johnson hat oftmals die Tendenz, Dinge gross und euphorisch zu versprechen und am Ende wenig oder nichts zu liefern. Ein guter Politiker dagegen würde eher weniger versprechen und mehr liefern, denn alles andere verärgert die Leute und verspielt das Vertrauen in der Regierung – notabene das grösste Kapital in einer solchen Jahrhundertkrise.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.

SRF 4 News, 18.9.2020, 07.00 Uhr;

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Fürer  (Hans F.)
    Manche Briten sind wütend auf Johnson - die einfältigste Überschrift, welche mir seit langem unter die Augen gekommen ist. Schliesslich gibt es doch in jedem Land der Erde "manche Bewohner", die wütend auf ihre Regierung sind. Sogar in der Schweiz.
  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    «Manche Briten sind wütend auf Boris Johnson». Manche vermutlich nicht.
  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Na ja, da muss man Wissen, dass das Gesundheitswesen in Grossbritannien seit Jahren chronisch überlastet und mit Sicherheit eines der schlechtesten Europas ist. Nachdem der "National Health Service" lange Zeit vorbildlich war und die Briten stolz machte wurde er in den letzten Jahrzehnten zu Tode gespart. Jeden Winter führt die Grippewelle zu katastrophalen Zuständen. Da braucht es nichts, damit das System zusammenbricht. Zudem wird viel mehr getestet, was auch zu mehr Neuinfektionen führt.