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Legende: Audio Die Hits der «Gelbwesten» verbreiten sich viral abspielen. Laufzeit 04:34 Minuten.
04:34 min, aus SRF 4 News aktuell vom 12.12.2018.
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Proteste gegen Macron Das sind die Hymnen der «Gilets Jaunes»

Die «Gelbwesten» in Frankreich haben ihre eigenen Protestsongs. Sie verbreiten sich viral und erreichen ein Millionenpublikum.

Platz eins in der Hitparade der «Gilets Jaunes» ist ein 1792 geschriebener Schlager: die französische Nationalhymne. Am letzten Samstag wurde die Marseillaise in den Strassen von Paris immer wieder angestimmt.

Links oder rechts? Bürger!

Dazu wehte die Trikolore, die Fäuste waren gegen den Himmel gestreckt. Das sei ein Indiz für ultrarechte Einflüsse, warnen politische Beobachter. Andere sehen darin Anzeichen für eine linksextreme Revolte gegen das Diktat der herrschenden Klasse. «Sowohl als auch», sagen dazu französische Soziologen und tappen damit hilflos im Dunkeln.

Die «Gilets Jaunes» haben weder Anführer noch eindeutig identifizierte Sprecher, die ihre Forderungen gegenüber der Regierung vertreten könnten. Sie pochen auf diese Funktionsweise, denn sie sehen sich als urdemokratische Bürgerbewegung, die sich politisch von nichts und niemand vereinnahmen lassen will.

Protesteierende in gelben Westen.
Legende: Mit den Protesten feiern auch die Protestsongs Hochkonjunktur. Imago

Protestsongs bringen es auf den Punkt

Aber es gibt ja die Hits der «Gelbwesten», die Millionen von Klicks in den sozialen Medien ernten. Ihre Hymnen bringen auf den Punkt, was die Männer und Frauen zu Tausenden auf die Strasse getrieben hat: ihre mageren Bankkonten, die ständig in den Miesen sind und die tief sitzende Abneigung gegen die da oben, die ihnen die Suppe eingebrockt haben.

«Emmanuel – du lügst uns an. Das französische Volk findet dich zum Kotzen», wird Staatschef Emmanuel Macron in einem der meistgeteilten Hits der «Gelbwesten» angefahren. Er habe den Franzosen hoch und heilig glücklichere Zeiten versprochen – und ihnen nun mit seinen Steuererhöhungen endgültig die Luft abgedrückt. «Wir blockieren das Land. Wir lassen uns nicht länger verarschen», spricht der Chansontext den «Gilets Jaunes» aus dem Herzen.

Dass nicht nur Franzosen aus der abgehängten Provinz die Galle überläuft und ihre Proteste auch bei der urbanen Jugend immer öfter Anklang finden, lässt sich ebenfalls von der Hitliste der «Gelbwesten» ablesen.

Der Rapper «Kopp Johnson» aus Toulouse fordert Macrons Rücktritt. «Ich wollte tanken – zu teuer. Ich habe Steuern bezahlt – zu teuer. Gib mir eine Weste!», tönt der junge Musiker. Der Videoclip zeigt ihn im lässigen Hip-Hop-Outfit, umringt von «Gelbwesten». Eine dancefloor-taugliche Variante der «Gilets Jaunes»-Hymne, die es innerhalb weniger Tage auf über acht Millionen Klicks gebracht hat.

Auch im typischen Rap-Stil der Vorstädte wird textreich Sympathie bekundet. «Ramène la France à la Raison» – «Bringt Frankreich zur Vernunft» haben Momo und Charley ihre musikalische Grussadresse an die Bewegung überschrieben. «Die Franzosen haben die Nase gestrichen voll. Wenn sich nichts tut, gibt es den grossen Knall. Dann geht hier alles hoch», rappen sie finster.

In seiner Fernsehansprache hat Macron den «Gelbwesten» Anfang Woche bekanntlich Zugeständnisse gemacht. Auch habe er Fehler gemacht und zu spät auf die Massenproteste reagiert, räumte der Präsident ein, dem nicht nur die «Gilets Jaunes» Arroganz und elitäres Denken vorwerfen. Ob Macrons späte Einsichten Wirkung zeigen und er den «Gelbwesten» den Wind aus den Segeln nimmt, scheint ungewiss. In den sozialen Netzwerken kursieren bereits Aufrufe zu neuen Demonstrationen am nächsten Wochenende.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Marta Zaugg (m_zaugg)
    einfach nur gut kommentiert. danke!
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  • Kommentar von Eva Werle (Eva Werle)
    Die Franzosen wissen wenigstens, wo die Verantwortlichen sitzen, statt sich - wie in Deutschland - gegen Asylanten und Migranten aufhetzen zu lassen, die noch viel mehr unter den Folgen der Globalisierung und neoliberalen Wirtschaftspolitik leiden müssen als die Abgehängten in Europa. Flächenbrand? Je mehr die arbeitende Bevölkerung für die Gier der wenigen Superreichen bluten muss, um so eher wird der kommen. Soziale Ungerechtigkeit hat Folgen!
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  • Kommentar von Werner Boesiger (P.Werner Boesiger)
    Die Melodie der franz. Nationalhymne soll schon vor 1792 in einfacherer, getragener From als Melodie fuer den Hymnus des hl. Thomas von Aquin "Tantum ergo" existiert haben. Selbst grosse Komponisten schreiben manchmal bei sich selber oder anderen etwas ab, umso mehr die Revolutionäre von damals.
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