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Carl Nassib: «Ich will euch sagen, dass ich schwul bin»
Aus SRF News vom 22.06.2021.
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Schwuler Footballspieler Weshalb Coming-outs im Sport immer noch Seltenheitswert haben

Footballprofi Carl Nassib hat seine Homosexualität öffentlich gemacht – als erster aktiver Footballspieler in den USA. Er rede eigentlich nicht gerne über Privates, hoffe aber, dass solche Videos eines Tages nicht mehr nötig seien.

Für Profisportler wie ihn sei es immer noch schwierig, sich zu outen, sagt Sportsoziologin Birgit Braumüller. Das liege auch an der Sportart.

Birgit Braumüller

Birgit Braumüller

Sportsoziologin

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Birgit Braumüller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Was sagen Sie zum Coming-out von Carl Nassib?

Birgit Braumüller: Ich finde, es ist ein mutiger und toller Schritt. Ich glaube, dass das eine grosse Vorbildwirkung hat, da er aus einer klassisch männlich geprägten Sportart kommt, dem American Football, das in den USA sehr beliebt ist.

Welche Rolle spielt die Vorbildwirkung bei dem Thema?

Das haben wir untersucht. Wir haben europaweit LGBTI (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/-gender und Intersexuell, Anm. d. Red.) befragt, was sie sich wünschen würden im Kampf gegen die Homo- und Transnegativität. Ein Punkt ganz oben auf der Liste war, dass sich bekannte Sportler und Sportlerinnen öffentlich outen, um so etwas Normalität zu etablieren.

Warum ist es so speziell, dass sich ein Sportprofi outet?

Der Sport ist immer noch ein soziales Feld, das stark von heteronormativen Vorstellungen und Geschlechter-Stereotypen geprägt ist. Uns erscheint es logisch, dass der typische Sportler männlich und heterosexuell ist. Deshalb sind Coming-outs wie jenes von Nassib immer noch berichtenswert.

Auch Medien, Fans und generell die Aufmerksamkeit, die eine Sportart bekommt, spielen eine grosse Rolle.

Zudem ist der Sport geprägt von maskulinen Charakteristika. Diese werden homosexuellen Personen eher abgesprochen. Was natürlich nicht der Realität entspricht, sondern nur unsere heteronormativen Vorstellungen und Erwartungen wiedergibt. Daneben spielen auch Medien, Fans und generell die Aufmerksamkeit, die eine Sportart bekommt, eine grosse Rolle. All das kann das Coming-out einer Person in bestimmten Sportarten erschweren.

Welche Rolle spielt die Sportart dabei, wie schwer ein Coming-out ist?

Sie spielt eine zentrale Rolle. Bei Männern gibt es immer noch Sportarten, bei denen Homosexualität stark tabuisiert wird. Hierzu zählen erfahrungsgemäss vor allem Teamsportarten. Vor allem die emotionale und körperliche Nähe der Spieler und das soziale Miteinander wird als Begründung genannt.

Was können Vereine tun, damit Coming-outs normal werden?

Unsere Studie hat gezeigt, dass das Nichtwissen und das Nicht-wahrnehmen-wollen das grösste Problem sind. Eine zentrale Handlungsempfehlung ist deshalb, dass man alle Akteurinnen und Akteure sensibilisiert.

Jeder und jede von uns kann sich im Sport stark machen für eine gleichberechtigte Teilhabe.

Wir haben bei Sportvereinen nach Best-Practice-Massnahmen gefragt. Dabei kam heraus, dass es einzelne Personen geben muss, die sich des Themas annehmen und es vorantreiben. Zudem sollte man LGBTI in die Entscheidungsprozesse einbinden. Auf struktureller Ebene wäre es wichtig, die Wertschätzung von Vielfalt, Antidiskriminierung, von allen Dimensionen der sexuellen Orientierung in der Satzung zu verankern.

Was heisst das für die Praxis, etwa auf dem Spielfeld?

Da ist es total wichtig, dass Trainerinnen und Trainer Werkzeug mitgegeben wird, wie man mit den Themen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt umgehen kann. Dazu müsste man dies in die Ausbildungsstrukturen implementieren. Und zu guter Letzt sind wir alle ein Stück weit gefragt: Jeder und jede kann sich stark machen für eine gleichberechtigte Teilhabe. Etwa indem man homonegative Sprache nicht einfach hinnimmt und sich mit LGBTI verbündet, um zu zeigen, dass der Sport tolerant ist und alle willkommen sind.

Das Gespräch führte Sandra Witmer.

Audio
Erster aktiver Footballer, der öffentlich sagt, dass er schwul ist
05:05 min, aus SRF 4 News aktuell vom 23.06.2021.
abspielen. Laufzeit 05:05 Minuten.

SRF 4 News, 22.06.2021, 12:30 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
    Ist es nicht langsam an der Zeit, das heteros sich auch outen? Oder noch besser, jeder wird mit seine live styl angeschrieben, so daß jeder sofort sieht was der Bäcker, Metzger, Pöstler ist.
    1. Antwort von Jonas Baumgartner  (J. Baumgartner)
      Sehr geehrter Herr Cohen, hetero zu sein ist der Standard und hat nicht ansatzweise die gleichen Konsequenzen wie andere sexuelle Ausrichtungen in bestimmten Lebensbereichen (z.B. Spitzensport). Trotzdem steht es Ihnen natürlich frei sich als Hetero, Bäcker, Metzger oder Pöstler zu outen.
  • Kommentar von Urs Heim  (Ursus)
    Der Sport verkauft den Sponsoren jede mögliche Einzelheit i. Images gegen s.viel Geld. Der Fußball z.B. vertritt der zum großen Teil die Bilder, außer im Damenfußball der starken, heterosexuell-männlichen Weltanschauungen, wo Männer noch echte Männer sind. Das dieses Image keine Farbe verträgt, liegt mehr als auf der Hand. Der Entscheid der UEFA basiert trotzdem kaum auf Homophobie, trotzdem bleibt für den Hetero-Sport Fußball ein fahler Nachgeschmack zurück, den die Sponsoren vergraulen könnte.
  • Kommentar von Kurt Zellweger  (kZel)
    Warum ist es eigentlich so wichtig, dass ich von jedem und jeder weiss, was ihre, was seine sexuelle Ausrichtung ist? Es gibt Themen, die werden meiner Ansicht von einer "kleinen" Gruppe die das wollen und den Medien total überbewertet behandelt. Es gibt wirklich Wichtigeres als zu wissen, mit welchem Geschlecht man / es "ins Bett" geht.
    1. Antwort von Maciek Luczynski  (Steine)
      Es wäre schön wenn es jedem (oder wenigstens der überwiegenden Mehrheit der Menschen) egal wäre welche sexuelle Orientierung ein andere Mensch hat. Oder welches Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, oder aus welcher Familie jemand kommt ...
      Leider gibt es all zu viele Leute, die andere Menschen nach diesen Kriterien/Attributen kategorisieren.

      Ich denke, man muss darüber in der Öffentlichkeit so lange reden/diskutieren, bis die Unterschiede nicht mehr relevant sind.
    2. Antwort von Pierre de Senarclens  (Pierre de Senarclens)
      @Herr Zellweger: erstens ist die Gruppe nicht "klein", und zweitens ist das Thema immer noch vielerorts verpöhnt und tabu. Menschen mit anderer sexueller Orientierung als Hetero werden immer noch unterdrückt, gehänselt – gerade im Spitzensport. Darum ist es wichtig und sehr wohl eine Schlagzeile Wert, wenn ein Sportler sich öffentlich outet.
    3. Antwort von Thrum Amstalden  (Thrumugnyr)
      Es geht eben nicht nur um 'ins Bett gehen'. Für heterosexuelle Person ist das halt schwer nach zu vollziehen, wie häufig sie sich eigentlich unabsichtlich 'outen'. Selbst in ganz normalem Smalltalk kommts häufig vor: 'Was hast du am Wochenende gemacht?' Antwortet man jetzt wahrheitsgetreu? 'Ich war mit meinem Freund/Ehemann wandern? und nimmt eventuell negative Konsequenzen in Kauf, oder lügt man halt? Auf die Dauer ist das eben sehr, sehr kräftezehrend.
    4. Antwort von Andi Briner  (RoyalFlush98)
      Ihr Kommentar ist ein gutes Beispiel dafür, warum es immer noch nötig ist.
    5. Antwort von Jonas Baumgartner  (J. Baumgartner)
      Sehr geehrter Herr Zellweger. Grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht. Es ist reine privatsache welche sexuelle Ausrichtung man hat. Leider sind manche sexuellen Ausrichtungen in bestimmten Bereichen (z.B. Profisport) immernoch ein Tabu, bzw. führen zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Mobbing. Nur deswegen wird das Thema mancherorts an die breite Öffentlichkeit getragen, da diese Leute mit dem Tabu brechen und auch andere sexuell Gleichgesinnte motivieren wollen Ihre Neigung nicht zu verleugnen.