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Wenn Menschen tragische Ereignisse verarbeiten müssen: Der langjährige Aargauer Care-Team-Chef erzählt
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 06.01.2021.
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14 Jahre Notfalleinsätze Care-Team-Leiter: «Vierfachmord von Rupperswil beschäftigt immer»

Er wurde stets gerufen, wenn etwas Schlimmes passiert ist: Suizide, Unfälle, Verbrechen. Edgar Schaller, langjähriger Leiter des Aargauer Care-Teams, hört nach 14 Jahren im Dienst auf. Der 68-jährige Psychotherapeut und zertifizierte Notfallpsychologe hat viel erlebt, darunter auch den Vierfachmord von Rupperswil, Familiendramen und viele weitere Einsätze. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und wie er das Erlebte verarbeitet.

Edgar Schaller

Edgar Schaller

14 Jahre lang Chef des Aargauer Care-Teams

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Edgar Schaller ist Psychotherapeut und Notfallpsychologe. Der 68-jährige Aarauer hat bis zu seiner Pensionierung als Psychotherapeut gearbeitet, war früher unter anderem auch Leiter eines schulpsychologischen Dienstes. Schaller ist Präsident des Vereins «notfallpsychologie.ch» und Mitglied des Nationalen Netzwerks für Psychologische Nothilfe (NNPN), einer vom Bundesrat beauftragten Fachgruppe. Schaller ist auch weiterhin in der Aus- und Weiterbildung tätig. Er war 14 Jahre lang Mitglied des Care-Teams des Kantons Aargau und leitete dieses während rund sechs Jahren bis Ende 2020.

SRF News: Als Psychologe, der Menschen in schwierigen Situationen begleitet, schlägt das einem nach 14 Jahren nicht aufs Gemüt?

Edgar Schaller: Mir hat es – glaube ich – nicht aufs Gemüt geschlagen. Ich konnte über die Jahre eine gewisse Professionalität entwickeln. Aber klar, gewisse Schicksale gehen einem nahe.

Was ist Ihnen am meisten geblieben?

Mir sind jene Einsätze geblieben, die Kinder betreffen: Ein Kindstod oder die Betreuung eines Elternteils, der den Kindern sagen musste, dass der andere Elternteil gestorben ist oder sich das Leben genommen hat.

Aufgaben des Care-Teams

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Dem Care-Team Aargau gehören 30 bis 40 Care-Givers an. Es sind Fachleute aus Pflege, Pädagogik oder Theologie, welche sich freiwillig zur Verfügung stellen für Notfalleinsätze. Sie werden selektioniert, in Notfallpsychologie geschult und sind dem Zivilschutz zugeteilt, das Care-Team gehört zum Kantonalen Katastrophen-Einsatzelement (KKE).

Das Care-Team kann in Notfällen auch von Privatpersonen über die Nummer 144 angefordert werden. Es unterstützt die Bevölkerung nach einem belastenden Ereignis wie zum Beispiel:

  • Unfall (Verkehrs- und Betriebsunfall)
  • Suizid
  • Naturereignisse (Hochwasser, Sturm etc.)
  • Brand/Explosion
  • Plötzlicher Tod
  • Ereignis an der Schule

Das Care-Team Aargau leistet nach eigenen Angaben rund 150 Einsätze pro Jahr.

Wenn man an grosse Ereignisse im Aargau denkt, an den Vierfachmord von Rupperswil zum Beispiel, das vergessen Sie wohl auch nicht?

An den Vierfachmord von Rupperswil denkt man das ganze Leben lang. Das war ein ausserordentlicher Einsatz. Er zog sich auch über mehrere Monate oder sogar noch länger hin, das ist selten.

An den Vierfachmord von Rupperswil denkt man das ganze Leben lang.

Nicht nur Angehörige von Opfern und Täter brauchten unsere Hilfe. Es ging auch darum, die Feuerwehrleute zu betreuen, die den Tatort als Erste betreten hatten. Oder Schulklassen, die mit den Opfern zu tun hatten. Aber wir haben auch Leute betreut, die nicht direkt involviert waren, die aber wegen des Vierfachmordes Ängste entwickelt haben.

Feuerwehrleute
Legende: Beim Vierfachmord von Rupperswil unterstützte das Care-Team nicht nur Angehörige, sondern auch Rettungskräfte. Keystone

Wie können Sie denn den Menschen nach so einem Schicksalsschlag helfen?

Unser Ziel ist, die Betroffenen zu unterstützen, damit sie die Ereignisse bewältigen können. Sie sollen wieder handlungsfähig und psychisch stabil werden. Uns ist es ganz wichtig, dass wir vor allem die eigenen Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien aktivieren.

Wir kommen zu den Leuten heim. Wir hören zu, was passiert ist.

Wir kommen zu den Leuten heim. Wir hören zu, was passiert ist, welche Reaktionen die Menschen darauf hatten. Schon nur das Erzählen entlastet in einem ersten Schritt. Wir können den Menschen auch sagen, dass ihre Reaktionen – zum Beispiel Weinen, Wut, Erstarren – nach einem ausserordentlichen Ereignis ganz normal sind.

Einfamilienhaus
Legende: Beim Tötungsdelikt in Würenlingen 2015 starben fünf Menschen. Ein Familienvater erschoss seine Schwiegereltern, seinen Schwager, einen Nachbarn und richtet sich selbst. Keystone

Das Care-Team ersetzt aber den privaten Psychotherapeuten nicht?

Wir sind ein Notfall-Team und nach einem Ereignis rasch vor Ort. Ein Einsatz dauert zwei bis drei Stunden, auch mal kürzer oder länger. Dann verabschieden wir uns wieder. Klar, wir geben Kontaktdaten und Unterlagen ab. Wir fragen manchmal auch zwei Tage später telefonisch nach, ob es noch offene Fragen gibt. Vor allem aber erklären wir, dass die Betroffenen unbedingt einen Berater oder Arzt aufsuchen sollen, wenn die Reaktionen auf den Vorfall auch nach vier Wochen nicht abklingt.

Buchs Szene
Legende: Bei einem Familiendrama in Buchs 2020 vergiftete und erstickte ein Vater mutmasslich drei Kinder. Keystone

Wird die Hilfe einer fremden Person jeweils ohne Probleme angenommen?

Die Leute werden ja gefragt, ob wir vor Ort kommen sollen. Meistens wird die Hilfe angenommen. Wir sind Externe, haben Distanz zum Ereignis, sind gut ausgebildet. Das ist eine andere Hilfe.

Wir haben Distanz zum Ereignis.

Wir wollen die Betroffenen dann aber rasch mit Verwandten und Bekannten vernetzen, damit sie Unterstützung für die schwierige Zeit haben. Das Ziel ist, dass das Care-Team rasch nicht mehr benötigt wird.

Das Gespräch führte Maurice Velati.

Regionaljournal Aargau Solothurn, 06.01.2021, 17:30 Uhr;

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