Gemäss der zweiten SRG-Umfrage lehnen 52 Prozent die Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» ab, 45 Prozent sind dafür.
Die Pro-Argumente verfangen zwar weiterhin, aber die Nein-Seite übernimmt laut GFS Bern die Themenführerschaft.
Obwohl die Ja-Seite in den letzten Wochen damit etwas an Boden verloren hat, bleibt das Rennen offen.
Bei der Volksinitiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz, der sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative der SVP, zeichnet sich ein klassischer Initiativverlauf ab. Aus dem Patt der ersten Welle ist ein Nein-Trend entstanden.
Das fordert die Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz»
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Legende:
KEYSTONE/Christian Beutler
Bei einer Annahme der Volksinitiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz müssten Bundesrat und Parlament Massnahmen ergreifen, sofern vor 2050 9.5 Millionen Menschen in der Schweiz leben würden.
So dürften etwa vorläufig Aufgenommene keine Niederlassungsbewilligung mehr erhalten und auch nicht mehr eingebürgert werden. Auch der Familiennachzug soll in diesem Fall eingeschränkt werden. Internationale Abkommen, die zu einem Wachstum der Bevölkerung führen, müsste die Schweiz mit Blick auf Ausnahme- oder Schutzklauseln neu aushandeln. Reicht das alles nicht, um den Grenzwert von 10 Millionen einzuhalten, muss die Schweiz als Notbremse letztlich das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen. Dadurch würden auch die anderen Verträge der Bilateralen I wegfallen.
Ab 2050 könnte der Bundesrat den Grenzwert um einen allfälligen Geburtenüberschuss erhöhen.
Die Vorlage bleibt stark politisch geprägt: Die Zustimmung im Umfeld der SVP ist nahezu geschlossen – während die Initiative im Umfeld der Grünen und der SP deutlich abgelehnt wird.
Das politische Zentrum hat sich in Richtung Nein verschoben: Sowohl unter Sympathisierenden der Mitte (64 Prozent) als auch bei solchen der FDP (55 Prozent) ist die Ablehnung deutlicher geworden. GLP-nahe Personen lehnen die Initiative zu über drei Vierteln ab. Parteiungebundene bleiben gespalten.
Die Parteibindung verfestigt sich also weiter: «Es ist typisch, dass die Parolen ihre Wirkung in der Parteibasis im Laufe der Kampagnen entfachen», so Lukas Golder, Politikwissenschaftler bei GFS Bern.
Männer und mittlere Altersgruppe gespalten
Die soziodemografischenUnterschiede bleiben akzentuiert: Männer sind weiterhin offen für die Initiative – 50 Prozent Ja. Frauen lehnen sie nun klar ab – 40 Prozent Ja.
Bei den Altersgruppen fällt auf, dass jüngere und ältere Stimmberechtigte ins Nein tendieren, während die mittlere Altersgruppe gespalten bleibt: 49 Prozent dafür und 48 Prozent dagegen.
Kommt es zur Protestabstimmung?
Normalerweise steigt bei Initiativen im Verlauf der Kampagnen die Ablehnungsbereitschaft. Ausnahmen sind sogenannte Protestabstimmungen, bei denen der Problemdruck hoch ist und zusätzliche Stimmberechtigte mobilisiert werden können.
Der Vergleich zur Masseneinwanderungsinitiative
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Legende:
«Unseren Wohlstand niederschlagen?» vs. «Masslosigkeit schadet der Schweiz» – Abstimmungsplakate gegen und für die Masseneinwanderungsinitiative. (8.2.2014)
KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi
Im Unterschied zu damaligen Abstimmungsdynamiken sind die Positionen bei der Volksinitiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz von vornherein gefestigt. Ein eigentlicher enttabuisierender Effekt ist deshalb nicht erkennbar.
«Bei der Masseneinwanderungsinitiative hatten wir damals bei der ersten Umfrage 37 Prozent Zustimmung, bei der zweiten Umfrage 42 Prozent Zustimmung – ein klares Zeichen für ein Protestvotum», erklärt Lukas Golder, Politikwissenschaftler des Forschungsinstituts GFS Bern. «Diese Entwicklung ist bei der Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz aktuell nicht erkennbar.» Allerdings gebe es immer noch Unentschiedene (3 Prozent) mit einem Fehlerbereich von ± 2.8 Prozentpunkten.
Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es jedochkeine Hinweise auf eine aussergewöhnliche Dynamik zugunsten der Initiative. Aufgrund der fortgeschrittenen Meinungsbildung dürften weniger grundsätzliche Positionswechsel als vielmehr Mobilisierungseffekte entscheidend sein.
Solche Ereignisse wie in Winterthur können Menschen mobilisieren.
Zu berücksichtigen ist, dass die Befragung vor dem Messerangriff in Winterthur durchgeführt wurde. «Solche Ereignisse können Menschen an die Urne bringen, die zum Zeitpunkt ursprünglich keine Teilnahmeabsichten hatten. Und sie können zu einer Neubeurteilung führen, was die Umfrage nicht vorhersehen kann», sagt Golder.
Bei den Argumenten bleibt die Wahrnehmung, dass die Infrastruktur in den Bereichen Wohnen, Verkehr, Schulen und Spitäler durch das Bevölkerungswachstum zunehmend überlastet sei, weiterhin das stärkste Pro-Argument.
Die bekannten Belastungsargumente treffen auf der anderen Seite auf die Bedeutung des bilateralen Wegs mit der EU und den Fachkräftebedarf – die beiden stärksten Kontra-Argumente.
Golder betont: «Die Mehrheitsverhältnisse haben sich bei den Argumenten gedreht. Inhaltlich hat die Nein-Seite die Themenführerschaft errungen.»
Mehrheit geht von Annahme aus
Gleichzeitig bleibt die Erwartungshaltung anders gelagert: Während die Stimmabsicht Richtung Ablehnung tendiert, rechnet neu eine Mehrheit mit einer Annahme der Initiative: 55 Prozent, + 6 Prozentpunkte.
«Man spürt, dass dieses Anliegen viel Kraft entfaltet», so Golder. Diese gegenläufige Entwicklung verweist darauf, dass das Thema gesellschaftlich weiterhin Anklang findet.
Die Eckwerte der SRG-Umfrage
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Die Umfrage zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026 ist im Auftrag der SRG SSR vom Forschungsinstitut GFS Bern zwischen dem 19. und dem 27. Mai 2026 durchgeführt worden. Insgesamt wurden die Antworten von 19'400 stimmberechtigten Teilnehmenden für die Auswertung berücksichtigt; 15'625 aus der Deutschschweiz, 3307 aus der französischen und 468 aus der italienischen Schweiz.
Der statistische Fehler beträgt ±2.8 Prozentpunkte. Das heisst: Bei einem Ergebnis von 50 Prozent liegt der effektive Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 47.2 und 52.8 Prozent. Dabei sind kleinere Abweichungen wahrscheinlicher, grössere unwahrscheinlicher.
Telefonische Befragung
Telefonisch befragt wurden 514 stimmberechtigte Personen mit Wohnsitz in der Schweiz. Die Interviews wurden per Festnetz und Handy durchgeführt. Diese Stichprobe ist sprachregional gewichtet und repräsentativ für die Schweizer Stimmberechtigten.
Online-Befragung
Zusätzlich konnten online bereinigte Angaben von 18'387 Personen und via Social Media 499 Personen verwendet werden. Die Teilnehmenden wurden dazu unter anderem über die Webportale der SRG rekrutiert.
Da sich die Teilnehmenden der Umfrage selber rekrutieren (sogenanntes Opt-in-Verfahren), ist die Zusammensetzung der Stichprobe nicht repräsentativ für die Grundgesamtheit. So nehmen zum Beispiel typischerweise mehr Männer als Frauen an politischen Umfragen teil. Diese Daten werden aber mittels Gewichtungen an die realen Verhältnisse der Stimmberechtigten angenähert. Es werden dabei räumliche (Wohnort), soziodemografische (Alter oder Geschlecht) und politische Gewichtungsfaktoren eingesetzt. Durch diese Gewichtung wird die Repräsentativität der Stichprobe optimiert. Ziel ist, auch die Stichprobengrösse in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz zu erhöhen.