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Berner Forscher messen in den 90er-Jahren das Ozon
Aus Schweiz aktuell vom 24.08.1993.
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50 Jahre Berner Klimaforschung Am Anfang stand ein Bier – die Entwicklung der Klimaforschung

Vor 50 Jahren war die Schweiz bei der Klimaforschung schlecht aufgestellt. Nun gilt die Berner Forschung als renommiert.

Eigentlich fing die Klimaforschung der Universität Bern vor 50 Jahren mit einem Bier an. Erste Gehversuche gab es zwar bereits im 19. Jahrhundert, diese versandeten jedoch. Vor 50 Jahren dann entfachte beim Berner Forscher Bruno Messerli auf einer Exkursion in Andalusien das Feuer für die Klimaforschung.

Die Spanier kamen und brauchten das Eis, um ihre Biere zu kühlen.
Autor: Peter MesserliSohn von Bruno Messerli

«Er war in der Sierra Nevada und sah den südlichsten Gletscher, dem nur noch ein einziger Gletscherspalt blieb», erzählt sein Sohn Peter Messerli, selbst Professor an der Universität Bern. «Die Spanier kamen und brauchten das Eis, um ihre Biere zu kühlen.» Da sei die Vision seines Vaters, die Klimaveränderung anhand der Gletscher zu verstehen, entstanden.

Bruno Messerli
Legende: Bruno Messerli (1931-2019) in der Zeit, in der er den damals noch südlichsten Gleschter Europas besuchte. Der Veleta-Gletscher ist mittlerweile verschwunden. zvg/Stefan Brönimann

Messerli gründete 1970 eine Forschungsgruppe, es ist der Beginn der Klimaforschung an der Universität Bern, die mittlerweile international vernetzt und renommiert ist. Zu Beginn kritisierte Christian Pfister, Umwelthistoriker und damals Hilfsassistent von Messerli, die Rückständigkeit der Schweizer Forschung in der Klimageschichte. «Heute muss sich die Forschung in der Schweiz nicht mehr verstecken, und zwar nicht nur in Europa, sondern darüber hinaus nicht», sagt Pfister heute.

Grosse Entwicklung

Damals waren die Forscher aber noch weit weg von den Techniken, die heute verwendet werden und arbeiteten mit ganz einfachen Methoden: Sie beobachteten die Natur – ohne Messgeräte. Auch, weil anfangs das Geld für aufwändige Messungen fehlte.

1969 wurde in der Schweiz erstmals ein Raumplanungsartikel in die Bundesverfassung aufgenommen. In der Schweiz herrschte Hochkonjunktur. Es wurde gebaut, was das Zeug hält und so wurde auch der Schutz der Umwelt zunehmend zum Thema. Wie soll mit der Landschaft umgegangen werden, wenn überall gebaut wird? Dafür brauchte es Unterlagen und so kam die Universität Bern ins Spiel.

Karte mit Pinnadeln
Legende: 200 Freiwillige beobachteten ab 1979 Hasel- und Apfelblüte sowie Schnee und Nebel. zvg/UniBE

Bruno Messerli konnte rasch rund 200 Personen motivieren, um Beobachtungen durchzuführen. Freiwillig, ohne einen Lohn zu erhalten, haben sie das Klima fortan beobachtet. «Sie haben Pflanzenfasern angeschaut, Apfelbaumblüten, Löwenzahn», erzählt Professor Stefan Brönnimann, der die 50-jährige Geschichte der Klimaforschung an der Universität in einem Film, Link öffnet in einem neuen Fenster aufgearbeitet hat. Im Winter schrieben die Beobachter auf, ob es Nebel oder Schnee hatte und brachten ihre eigenen Erfahrungen ein, um möglichst lokale und kleinräumige Daten zu erhalten.

Statistik über die Apfelblüte
Legende: Einzelne Beobachter sammeln bis heute Daten – zum Beispiel über die Apfelblüte in der Gemeinde Wyssachen. zvg/UniBE

«Fünf von diesen Beobachtern schicken uns ihre Daten immer noch», so Brönimann, ohne dass sie je etwas dafür bekommen haben. Mittlerweile könne man damit die Leute sensibilisieren. «Das Blatt zum Schnee war im letzten Jahr fast leer, es hatte genau zwei Einträge im Februar. Das ist eindrücklich», sagt Brönnimann.

Die Daten seien eine Goldgrube, meint Matthias Rutishauser, späterer Leiter des Beobachtungsnetzes: «Es zeigt, was eigentlich vor unserer Haustüre passiert ist.»

Das ist eine Goldgrube.
Autor: Matthias RutishauserKlimatologe

Von diesen einfachen Beobachtungen und Analysen des lokalen Klimas kam man zur Wissenschaft der Meteorologie und Klimatologie. Zum Beispiel mit dem ersten Stadtklimaprojekt des Geographischen Instituts zwischen 1972 und 1976. Rund 20 Stationen massen das Stadtklima: «Das waren Temperatur-, Wind- und Feuchtigkeitsmessungen», so Stefan Brönnimann. Das Thema sei damals aber eher der Winter und nicht die Hitzephasen gewesen, es ging um Luftschadstoffe. Es gab mehrere grosse Überbauungsprojekte und so war die Frage, wie sich die Stadt Bern nachhaltig weiterentwickeln soll.

Die Werte wurden aufgeschrieben und in einen Ordner gelegt. So seien die Daten erhalten geblieben,sagt Brönnimann. Sie wurden mittlerweile digitalisiert und können für weitere Forschungsprojekte verwendet werden: «Zum Beispiel kann man erforschen, wie sich die Temperatur in Bern in den letzten 50 Jahren verändert hat und warum.»

Zeitraffer und Zeppelin

Mit den Jahren kamen weitere technische Hilfsmittel hinzu. Um den Nebel zu erforschen, machte Klimatologe Heinz Wanner unter anderem Zeitrafferfilme. Die Filmrollen sind immer noch im Archiv des Instituts zu finden. «Er hat damit die Nebeldynamik der Bise oder des Südwestwinds beobachtet», erzählt Stefan Brönnimann.

Ein wichtiger Teil der Klimaforschung in Bern ist die Ozon- und die Smogforschung. Und da liessen Forscher 1997 einen zehn Meter langen Zeppelin über das Seeland schweben – mit verschiedenen Messgeräten an Bord. «Wir schauen das Ozon und Sommersmog an, aber auch Windgeschwindigkeiten und Temperaturen», sagte damals Professor Werner Eugster gegenüber Radio SRF.

Manchmal brauchte es Zufälle

In der Luft, auf dem Land, in der Stadt, aber auch auf Bergen, Vulkanen, Gletschern oder in der Wüste suchten und suchen die Forschenden des Geographischen Instituts nach Daten für die Klimaforschung. Manchmal spielten dabei auch Zufälle eine Rolle.

Bruno Messerli im Tschad
Legende: Die Forschungen im Tschad Ende 60er-, anfangs 70er-Jahre war einer der Ausgangspunkte für die Klimaforschung in Bern. zvg/UniBE

In der Anfangszeit forschte der Gründer der Klimatologie der Uni Bern, Bruno Messerli im Vulkangebirge Tibesti im Tschad. Wegen politischen Unruhen musste er sein Projekt jedoch abbrechen. Um trotzdem weiterforschen zu können, ersetzte Messerli die Feldforschung mit Beobachtungen via Satellit.

Diese Vorgehen machte Schule. In Bern wurde eine eigene Station aufgebaut und mittlerweile ist das Archiv prall gefüllt mit Satellitenaufnahmen. Die Klimatologie wurde mit der Fernerkundung verbunden. Eines der Merkmale der Berner Klimaforschung: Die interdisziplinäre Forschung.

Männer schieben ein Auto
Legende: Messerli forschte in der Sahara und frage sich, ob die Berge dort früher auch Gletscher gehabt hätten, wenn sie höher wären. zvg/UniBE

Es folgten Forschungen auf der ganzen Welt. Zum Beispiel in Grönland, wo die Forscher Eisbohrkerne gewannen, um vergangene und zukünftige Klimaveränderungen zu modellieren. Mittendrin: Der renommierte Klimaforscher Bernhard Stauffer.

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Sendung Karussel von 1982 zum Thema Klimaforschung in Grönland
Aus Karussell vom 15.01.1982.
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2007 erfolgte der wichtigste Meilenstein der Klimaforschung in Bern. Mit dem Oeschger Centre for Climate Change Research wurde ein neues Kompetenzzentrum für Klimaforschung eröffnet. Damit unterstrich die Universität Bern ihren Anspruch auf einen Spitzenplatz in der weltweiten Klimaforschung.

Pionier der Klimaforschung

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Das neue Forschungszentrum wurde nach dem Umweltphysiker Hans Oeschger benannt, der 1998 verstarb. Der Berner Wissenschafter hatte unter anderem die Methode zu Bohrung und Analyse von Eisbohrkernen entwickelt.

Oeschgers Erkenntnis, dass der Kohlendioxid-Anteil (CO2) in der Atmosphäre in den letzten 250 Jahren infolge Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas um rund 30% zugenommen hat, machte ihn nicht nur zum Vater der Klimaforschung, sondern auch der Führungsrolle der Uni Bern auf diesem Feld.

In all den Jahren rückte die Klimaerwärmung immer mehr in den Fokus der Forschung. Bereits in den 80er-Jahren schlug Heinz Wanner, der spätere Gründungspräsident des Oeschger-Zentrums, im Schweizer Fernsehen Alarm: «Wir haben einen eindeutigen Handlungsnotstand, wir müssen etwas tun.» Die Forscher fanden damals heraus, dass die Winter die wärmsten der letzten 500 Jahre waren.

Wir haben einen eindeutigen Handlungsnotstand.
Autor: Heinz WannerGründungspräsident des Oeschger-Zentrums

2019 folgte eine weitere eindrückliche Studie zur Klimaerwärmung. Ein Team vom Oeschger-Zentrum rekonstruierte das Klima der letzten 2000 Jahre und fand heraus, dass im Unterschied zu vorindustriellen Klimaschwankungen, die heutige, durch den Menschen verursachte Klimaerwärmung auf der ganzen Welt gleichzeitig erfolgt. «Es ist sozusagen überall am wärmsten und das ist aussergewöhnlich», sagte der Forscher Raphael Neukom in der Tagesschau.

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Aus dem Archiv: Besorgniserregende Klimastudien aus Bern
Aus Tagesschau vom 24.07.2019.
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In all den Jahren seien die Grundlagen geschaffen worden für die Wissenschaft, aber auch für die Politik, die mit den Daten und Erkenntnissen Gesetze ausarbeitet, heisst es von den Forschenden. Der Boden, das Fundament für die Klimaforschung.

Der Thunberg-Effekt

Durch Greta Thunberg ist eine neue Bewegung gegen die Klimaerwärmung entstanden. Sie hat tausende Schülerinnen und Schüler auf der Welt animiert, gegen die Klimaerwärmung zu demonstrieren. Solche Denkanstösse würden etwas brinen, sagt Stefan Brönnimann, Leiter der Klimatologie in Bern. «Ich habe auch erst mit Greta angefangen, mit dem Fliegen aufzuhören.»

Die aktuelle Bewegung sei auch ein Grund, wieso sich derzeit viele Junge für ein Studium rund um das Klima interessieren würden. Brönnimann könne noch keine Zahlen nennen, aber das Interesse am Institut sei stark gewachsen.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 18.01.2021, 17.30 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Markus Gasser  (Markus Gasser)
    Ozonmessung in Arosa. Schon 1920 begannen in Arosa die ersten Ozonmessungen und diese laufen fast kontinuierlich bis heute. Man hat durch solche Messungen auch das berühmte Ozonloch entdeckt, d.h. die Abnahme des, vor Ultraviolettstrahlung schützenden Ozons in grosser Höhe (Stratosphäre). Dies hat zu einem Verbot schädlicher Stoffe wie z.B. FCKW (Stichwort: Kühlschränke) geführt. Seither erholt sich die die Ozonschutzschicht in grosser Höhe langsam wieder.
  • Kommentar von Jean-Jacques Morgenthaler  (Morningvale)
    Ich hätte mir eine etwas vollständigere Würdigung von Professor Oeschger erhofft. Als er starb, erschien in „Nature“ ein einseitiger Nachruf. Dies ist nicht üblich beim Ableben irgendeines Naturwissenschaftlers.