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Nahrungsmittel-Spekulation «Mit Essen spielt man nicht» – Argumente dafür und dagegen

Die Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» macht eines klar: Befürworter und Gegner gehen von ganz anderen Werten aus. Die einen halten die Moral hoch, die anderen den freien Markt. Zudem stützen sich beiden Seite auf Studien, die sie dann gegenseitig anzweifeln. Ein Überblick.

Ein Kamermann filmt die Börsenkurse an der Börse in Tokio, Japan. (reuters)
Legende: Soll weiterhin auf Nahrungsmittel gewettet werden dürfen? Welche ethische und moralische Verantwortung hat die Schweiz? Reuters

Das Bündnis von Jungsozialisten (Juso), SP, Grüne, Hilfswerken und Bauernorganisationen will mit ihrer Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» Spekulationsgeschäfte aus der Schweiz heraus verbieten, die nicht mehr direkt mit einem Agrar-Rohstoff zu tun haben. Erlaubt bleiben sollen laut Initiativtext, Link öffnet in einem neuen Fenster hingegen Absicherungsgeschäfte auf künftige Ernten – sogenannte Termingeschäfte oder Erstspekulationen.

Die Initianten wollen damit die ärmsten Menschen der Welt vor Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln schützen und somit vor Hunger. Denn diese Spekulanten, die lediglich auf Agrar-Derivate wetteten, um Profit zu machen, seien mitverantwortlich für die Preisschwankungen auf dem Nahrungsmittelmarkt.

Ganz andere Wertvorstellungen

Grundfalsch und gefährlich, finden die Gegner der Initiative: Bundesrat, Parlament sowie Wirtschaftsverbände. Sie sagen genau das Gegenteil: Erst solche Spekulationen würden den Markt genügend liquide machen und Bauern könnten ihr Produkt überhaupt erst so zu einem sicheren Preis verkaufen. Diese Art der Spekulation sei gut und stabilisiere den Markt.

Gegner wie auch Befürworter der Initiative stützen sich zudem auf Studien, die ihre jeweiligen Anliegen und Argumentationen stützen. Gegenseitig zweifeln sie allerdings die Studien der Gegenseite an. Beide Seiten gehen also von ganz anderen Voraussetzungen – man kann auch sagen, von ganz anderen Weltbildern oder Moralvorstellungen – aus.

Regelung nur für Anleger in der Schweiz

Grundsätzlich würde die Annahme der Initiative auf internationaler Ebene wohl kaum etwas verändern. In diesem Punkt dürften sich sowohl Befürworter wie auch Gegner einig sein. Denn solche Terminbörsen, an denen Zweitspekulationen auf Termingeschäfte gehandelt werden, gibt es im Ausland – nicht aber in der Schweiz.

Was sich ändern würde, wären Regeln, die demnach lediglich für inländische Marktteilnehmer gelten würden. Betreffen würde dies unter anderem Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Rohstoffhändler.

Die Befürworter sagen, die Schweiz habe hierzu eine moralische Verpflichtung. Sie sprechen gar von einer weltweiten Signalwirkung, wenn die Stimmbevölkerung die Initiative annimmt. Die Gegner der Initiative sind damit nicht einverstanden. Sie mahnen vor dem Verlust von Arbeitsstellen, ohne dass damit der Hunger in der Welt tatsächlich bekämpft werde.

Einige Argumente der Gegner:

  • Ein Zusammenhang zwischen Spekulation und steigenden Preisen bei Nahrungsmitteln ist nicht erwiesen. Im Gegenteil: Eine Meta-Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster beweist: Spekulationen auf Nahrungsmitteln haben einen stabilisierenden Effekt.
  • Spekulationen nützen der Preisstabilität – wenn mehr mit diesen Rechten gehandelt wird, können die Bauern ihre Produkte überhaupt absetzen.
  • Es gibt keine «guten» oder «bösen» Spekulationen. Die Preisschwankungen entstehen unter anderem auf Grund von Naturkatastrophen sowie politischen Entscheiden, die zu Verknappung eines Grundnahrungsmittels führen.
  • Die Initiative schadet der hiesigen Wirtschaft, vertreibt Rohstoffhändler, vernichtet Arbeitsplätze, kostet Steuereinnahmen, Schweizer Firmen werden benachteiligt.
  • Die Schweiz hat mit der Positionslimite bereits gehandelt (Finanzmarkt-Infrastruktur-Gesetz FinfraG, Link öffnet in einem neuen Fenster) und ein entsprechendes Instrument geschaffen, um gegen Preisschwankungen anzukämpfen.
  • Die Initiative kommt nicht in der Schweiz zur Wirkung, da es keine Plattform gibt, auf der solche Finanztitel gehandelt werden.
  • Von der Initiative direkt betroffen wären Schweizer Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Rohstoffhändler.
  • Die Schweiz muss bei Annahme der Initiative eine Aufsichtsbehörde schaffen, die die getätigten Geschäfte kontrolliert – ein «Bürokratiemonster».

Aus Sicht der Gegner wäre also ein Spekulationsverbot nicht nur wirkungslos gegen den Hunger, sondern würde auch der hiesigen Wirtschaft schaden.

Aus Sicht der Befürworter muss die Schweiz indes eine spezielle Verantwortung in diesem Geschäft übernehmen. Denn die Schweiz hat einen der grössten Finanzplätze der Welt, viele Rohstofffirmen haben hierzulande ihren Sitz.

Einige Argumente der Initianten:

  • Für Agrar-Rohstoffe müssen strengere Regeln gelten, da sie die Lebensgrundlage von uns allen sind.
  • Alle Personen, die mit dem Nahrungsmittelmarkt nichts zu tun haben, sollen nicht mehr an Terminbörsen handeln können. Konkret: Händler, die nur in den Markt drängen, um Gewinn zu machen.
  • Firmen mit Niederlassungen in der Schweiz sollen aus moralischen Gründen nicht mehr in solche spekulative Geschäfte investieren.
  • Der Ver- und Ankauf von Nahrungsmitteln – das reine Absicherungsgeschäft, bei denen sich Bauern oder Produzenten gegen mögliche künftige Verluste absichern – bleibt erhalten.
  • Die Initiative will lediglich Regeln wieder einführen, die bis in die späten 1990er-Jahre gegolten haben.
  • In der Schweiz wären ein paar hundert Stellen betroffen – verkraftbar, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden können.
  • Die wissenschaftliche Studie, auf die sich der Bundesrat und die Wirtschaft beruft, steht einer Studie der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (Unctad, Link öffnet in einem neuen Fenster) und der SP-Fraktion gegenüber. Diese sagen: Spekulationen können einen Einfluss auf die Preisschwankungen haben.
  • Wenn die Initiative auch nur ein kleiner Effekt gegen die eine Milliarde Hungernden in der Welt erzielt wird, hat die Schweiz die moralische Verpflichtung dazu.

24 Kommentare

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  • Kommentar von Felice Limacher (Felima)
    Es gibt überhaupt kine (0 !!!) Gründe um mit Nahrungsmitteln zu spekulieren. Punkt !!!
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    1. Antwort von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
      Mal was Gescheites zum Thema! Es gibt wirklich nicht mehr dazu zu sagen, ich mach jetz auch einen Punkt, hier ist er: .
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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Sind Subventionen auch zu verwerfen da sie darauf spekulieren das dann die Milch oder das Getreide verkaufbar werden.Da wäre der Staat ein Spekulant was der Steuerzahler ermöglicht.
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    1. Antwort von Felice Limacher (Felima)
      DieserVergleich hinkt ... Bitte nicht Äpfel und Birnen vergleichen. Spekulation und Subvention ist definitiv nicht dasselbe, Herr Gerschler!
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  • Kommentar von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
    Einmal mehr lassen wir uns wieder durch die Angstmache der Wirtschaftslobby beeinflussen. Auf Rohstoffspekulanten mit Sitz in CH können wir getrost verzichten. Die gleichen Kreise, die jetzt wieder Panik schieben, wollen ja keine kriminellen Ausländer hier (...) Keine Naturkatastrophe beeinflusst die Nahrungsmittelpreise in Drittweltländern so sehr, wie es die Rohstoffbörse tut. Ich lebe einen guten Teil meiner Zeit in einer Region, die davon betroffen ist, ist also nicht einfach leeres blabla.
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    1. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      @ Beni Fuchs: Nur weil Sie in einer Region leben die, von was auch immer, betroffen ist, macht Sie das noch nicht zum Experten. Gehen Sie den Ursachen der Knappheit nach. Mit grosser Wahrscheinlichkeit finden Sie die Ursache in einem Versagen des entsprechenden Staates in dem Sie leben (ineffiziente Regulierungen und Markteingriffe, Klientelwirtschaft und Korruption) und nicht in den Märkten.
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    2. Antwort von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
      Hr Leu, was macht den SIE zum Experten? Die Nähe zu Rohstoffspekulanten, oder zu Economy Suisse? Wer auf Rohstoffpreise Wetten abschliesst (darum geht's hier) macht dies wohl kaum, um der Welt gerechte Nahrungsmittelpreise zu sichern, sondern um persönliche Interessen, sprich: möglichst grosse Profite rauszuholen, alles andere ist doch nur gelogen... genau die gleichen Leute, die über den Frankenkurs jammern, begreifen nicht, dass die Spekulation mit Währungen das Grundübel dessen Problems ist.
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    3. Antwort von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
      Hr Leu, ...lebe zeitweise in einer Region, die betroffen ist von in den Keller fallenden Preisen für Agrarprodukte einerseits, und massiv gestiegenen Lebensmittelpreisen für die Bevölkerung auf der anderen Seite. Die von Ihnen genannten Lager für den Ausgleich nützen diesen Leuten nichts, wenn Ihnen das Geld ausgeht, allenfalls uns hier auf der wohlhabenden Seite der Welt, so haben wir immer Zugang zu Jasminreis und anderen Artikeln, die im Herkunftsland dann fehlen. 'Futures' hin oder her.
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