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Die Belastung für Pflegende ist massiv gestiegen
Aus Echo der Zeit vom 13.01.2021.
abspielen. Laufzeit 07:17 Minuten.
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Augenschein im Spital Covid-Pflegepersonal am Anschlag – und kein Ende absehbar

Chronisch überlastet: Die zweite Welle fordert das zunehmend ausgelaugte Spitalpersonal auch in Winterthur aufs Äusserste.

Mein Besuch im Kantonsspital Winterthur ist minutiös geplant. Denn niemand hat viel Zeit. In der Covid-Abteilung mit den 46 Betten wimmelt es von Personal. Hektisch ist es nicht, aber angespannt.

«Die grösste Herausforderung ist es, genug Personal auf der Covid-Abteilung zu haben. Täglich sind es 65 Mitarbeitende, dreimal mehr als auf einer normalen Station», sagt Karin Michel, die oberste Pflegechefin. Im Vergleich zur ersten Welle gebe es zudem viel mehr Schwerstkranke: «Es gibt auch viel mehr Todesfälle, manchmal drei bis vier pro Schicht.»

Mehr schwere Fälle

Nur noch die schwersten Fälle kämen auf die Intensivstation, und auch nur jene, die es wollten, erklärt die Pflegechefin der Covid-Abteilung, Brigitta Hänni: «Wir besprechen im Vorfeld mit den Patienten, ob sie auf die IPS gebracht werden wollen. Wenn jemand das will, wird er verlegt, sobald ein Bett frei ist.»

Will jemand nicht auf die IPS, aber auf der Station alles, wird die nicht-invasive Beatmung installiert. «Wir machen alles, was wir können – mit Medikamenten, Sauerstoff und unterstützenden Massnahmen», so Hänni. Mit mehr schweren Fällen auf der Covid-Abteilung steige die Belastung für Pflegende. Der Krankheitsverlauf sei sehr unberechenbar, der Zustand verschlechtere sich oft innert Stunden.

Das nicht absehbare Ende und die Frage, ob man auch eine dritte Welle durchstehen würde, machen es emotional zusätzlich streng.
Autor: Brigitta HänniChefin Pflege der Covid-Abteilung, Kantonsspital Winterthur

Belastend seien auch die Arbeitsbedingungen auf der Covid-Station: «Man ist den ganzen Tag in Schutzkleidung, kann nicht trinken oder will es nicht, weil man sich dann fürs WC ausschleusen müsste, aber die Zeit fehlt», sagt Hänni. «Das nicht absehbare Ende und die Frage, ob man auch eine dritte Welle durchstehen würde, machen es emotional zusätzlich streng.»

Keine Grippe, sondern todernst

Viele fühlten sich zudem von der Öffentlichkeit im Stich gelassen, fügt ihre Chefin Michel an: «In der ersten Welle gab es Applaus von den Balkonen. Das tat sehr gut. Mittlerweile fühlt man sich manchmal nicht ernst genommen – dass es keine Grippe ist, sondern eine ernsthafte Krankheit.»

Dasselbe fühlen viele auf der IPS, wo noch immer die Hälfte der Betten durch Covid-Patienten belegt ist. Das Personal sei am Anschlag, sagt Ana Barbic, Teamleiterin in der IPS. Das eigene Personal springe sehr oft ein und mache Überstunden: «Motiviert sind immer noch alle, das Durchhaltevermögen macht die IPS-Fachleute aus. Doch es fragt sich, wie lange noch. Da sehe ich nicht rosig.»

Das Durchhaltevermögen macht die IPS-Fachleute aus. Doch es fragt sich, wie lange noch. Da sehe ich nicht rosig.
Autor: Ana BarbicTeamleiterin in der IPS, Kantonsspital Winterthur

Laut IPS-Leiterin Martina Keller ist die Überlastung mit der zweiten Welle chronisch geworden. Eine Verschnaufpause nach der ersten Welle habe gefehlt. Es sei schwierig, diese Belastung zu beschreiben.

Das unterstreicht IPS-Oberärztin Fabienne Müller: «Die Diskrepanz zwischen Aussenwahrnehmung und IPS-Realität ist schwierig. Wir sehen eigentlich nur die schwersten Verläufe, von Patienten aller Altersklassen. Es gibt zwar auch gute Verläufe, aber viele schwere mit Patienten, die lange auf der IPS liegen.»

Noch keine Kündigungswelle

Mein Rundgang endet bei Spitaldirektor Rolf Zehnder, der die chronische Überlastung bestätigt. Eine Kündigungswelle gebe es zwar noch nicht. Doch die sei wohl nur aufgeschoben, weil ein Berufsausstieg, ein langer Urlaub oder eine Reise momentan kaum möglich seien. Irgendwann wolle das Personal kompensieren, wann auch immer die Welle vorbei sei.

Wenn dann nicht noch weitere Wellen folgen. Ohne Qualitätseinbussen sind neue Covid-Wellen in Schweizer Spitälern kaum mehr zu stemmen.

Echo der Zeit, 13.01.2021, 18:00 Uhr

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Tesoro  (tesoro97)
    Ich habe mit Freude, schätzende Kommentare gelesen. Als Pfleger sage ich DANKE! Vielleicht sollte man die weiterführende Schulen und deren komplizierten und hoch gesteckte Anforderungsprofile unter die Lupe nehmen. Mit psychologischen Fragestellungen, Unmengen an bürokratische Arbeit, sehr hohe Erwartung bezüglich schulische/persönliche Leistungen machen sie den Weg zur Pflegefachperson nicht einfach und für viele gar unmöglich, obwohl es VIELE talentierte FaGes gibt, die im Dunkeln tappen...
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  • Kommentar von Detlef Brügge  (Useful)
    @Derungs
    Ihre Antwort „mit 23 habe ich 0-Risiko“ ist intellektuell wirklich entwaffnend. Sie sorgen mit einer solchen Einschätzung genau für die Situationen, die hier beschrieben sind. Sie sorgen damit für den Nachschub auf der IPS u. den emotionalen u. körperlichen Kollaps der Pflegefachpersonen, weil sie immer noch „0-Verstand“ für den Ablauf u. die Übertragungswege der Pandemie haben.
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  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Danke für diesen Bericht. Mehr Kontakte, mehr Ansteckungen, überlastete Spitäler. Die Forderung geschlossene wieder zu öffnen, ist nicht zu ende gedacht. Das fehlende Personal ist der Grund. Woher nehmen? Auf die Schnelle fachspezifisches Personal auszubilden, ist auch nicht möglich. Warum geht das nicht in die Köpfe? Teilweise erwecken Kommentare den Anschein, Erkrankte gar nicht mehr (intensiv) zu pflegen, besser sterben zu lassen. Somit entscheiden diese, wer weiterleben darf. Wollen wir das?
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    1. Antwort von Bernhard Haeuser  (Bernie H)
      Meine Mitgefühl für alle die hier unter schwierigsten Bedingungen rackern müssen. Trotzdem, zu keiner Zeit wurde irgend ein Notfallplan aktiviert. Kein Militärspital bezogen, kein Personal eingezogen. Keine Hausfrauen, keine Pensionierten oder anderes medizinisch ausgebildetes Personal. Kein Krisenpersonal, kein Zivilschutz, kein Militär Einsatz.
      Also, entweder sind wir alle ungebildet oder dann sehr schlecht koordiniert bzw. informiert.
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    2. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      «Kein Personal eingezogen» Ich nehme an, die Menschen, die Sie meinen, arbeiten bereits in Spitälern. «Keine Hausfrauen …. ausgebildetes Personal» Sind die auf dem neuesten Stand ihres Berufes? Gehören sie selber zur Risikogruppe, haben sie Kinder und/oder andere zu betreuen, sind sie überhaupt in diesem Bereich einsetzbar? Wollen sie die Aufgabe übernehmen? «Kein Zivilschutz, kein Militär Einsatz». Aus der Ferne kann ich und wahrscheinlich auch Sie, nicht beurteilen, was möglich und nötig ist.
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    3. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      @Haeuser: Wer soll denn die Leute in einem Militärspital ärztlich und pflegerisch versorgen? Das Pflegepersonal aus den Spitälern abziehen oder den Pflegeheimen wegnehmen ist nicht zielführend und bei allem guten Willen, Laien können keine Intensivpatienten betreuen. Die Schweiz wollte in den letzten 35 Jahren das Gesundheits- und Sozialsystem oekonomisch so umbauen dass es finanziell rentabel und gewinnbringend sein soll, also kapitalistisch. So wurden personelle Kapazitäten ab- und umgebaut.
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