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Pflegefachpersonal – Nur Applaus, aber nicht mehr Lohn
Aus ECO vom 11.01.2021.
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Beruf mit hoher Belastung Pflegefachkräfte – so gesucht wie nie

Spitäler brauchen dringend Pflegekräfte, die offenen Stellen sind auf Rekordniveau. Auf die Löhne hat das kaum Einfluss.

Es herrscht Personalmangel. Im Kantonsspital Aarau sind 80 Stellen für Pflegefachkräfte ausgeschrieben.

Um die zu 90 Prozent ausgelasteten Intensivstationen betreiben zu können, musste Pflegeleiter Martin Balmer 30 Personen aus anderen Abteilungen abziehen. «So gesehen sind wir gut dran. Was uns aber fehlt, ist die Fachkompetenz», sagt er.

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Martin Balmer, Kantonsspital Aarau: «Ich habe noch nie so viele Tränen gesehen»
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Die Kolleginnen aus den anderen Abteilungen müssen in die Intensivpflege eingearbeitet werden. Das bedeutet eine zusätzliche Belastung für das bestehende Personal, das ohnehin bereits emotional stark gefordert ist.

Nachfrage um 150 Prozent zugelegt

Das Kantonsspital Aarau ist keine Ausnahme. Mitte Dezember waren in der Schweiz 6742 Stellen für Pflegefachpersonen ausgeschrieben. Acht Jahre zuvor waren es 2630 Stellen.

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Pflegefachpersonen werden immer begehrter
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Diese Zahlen hat der Datendienstleister X28 für das Wirtschaftsmagazin «ECO» ausgewertet. Die Nachfrage an Fachkräften hat demnach in diesem Zeitraum um 150 Prozent zugelegt.

Keine marktgerechten Löhne

Würden im Gesundheitswesen marktgerechte Löhne bezahlt, würden die Saläre unter diesen Umständen kräftig steigen.

Das Gegenteil ist der Fall. Zwar verdienen auch Pflegefachpersonen im landesweiten Durchschnitt derzeit knapp 6700 Franken pro Monat. Doch sind dies lediglich 460 Franken mehr als 2009, wie der Lohnvergleichsspezialist Perinnova für «ECO» ermittelt hat.

Für eine derart begehrte Berufsgruppe haben sich die Löhne unterdurchschnittlich entwickelt. Berufseinsteigerinnen (Altersgruppe 20 bis 24) verdienen im Durchschnitt 5850 Franken brutto. Sie haben dafür mindestens sechs Jahre Ausbildung absolviert.

Spitäler können keine höheren Löhne bezahlen

Wieso versucht das Kantonsspital Aarau nicht, das fehlende Personal mit höheren Löhnen zu locken? Dann liessen sich die 80 Stellen eher besetzen.

Personalleiter Michael Zürcher winkt ab. «Die Pflegetarife sinken eher, und der wirtschaftliche Druck auf die Spitäler ist gross. Da ist es nicht einfach, in die Löhne zu investieren.»

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Werner Kübler, H+: «Spitäler konnten keine grossen Schritte machen»
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Das bestätigt auch Werner Kübler, Vizepräsident des Spitalverbandes H+ und gleichzeitig Leiter des Unispitals Basel. «Alle Spitäler haben während der Pandemie Geld verloren, und negativ betroffen sind auch viele andere Branchen. Da können wir lohnmässig keine massiven Schritte machen.»

Symbolische Pandemie-Zulagen

Auch die coronabedingte Mehrbelastung des Spitalpersonals wird wegen fehlender Mittel lediglich symbolisch abgegolten – trotz Forderungen oder gar Versprechen aus der Politik.

So erhält das am meisten belastete Personal am Unispital Basel eine einmalige Zulage von 80 Franken. Am Kantonsspital Aarau bekommen Pflegefachleute einen bis drei zusätzliche Ferientage gutgeschrieben.

Lohn ist Wertschätzung

Pflegefachpersonen sind zu 90 Prozent Frauen. Die meisten arbeiten Teilzeit. Der Lohn steht bei den wenigsten im Vordergrund. Doch möchten sie Anerkennung und Wertschätzung, die sich auch im Salär spiegelt.

Nicole Affolter, Auszubildende in der Intensivpflege im Kantonsspital Aarau sagt, der Lohn sei immer wieder ein Thema: «Alle, die man fragt, haben das Gefühl, dass man schon noch etwas machen könnte für die Arbeit, die wir leisten. Applaus allein ist vielleicht nicht genug.»

Bis 2030 fehlen 65'000 Pflegefachkräfte

Mangelnde finanzielle Wertschätzung, Schichtarbeit und hohe emotionale Belastung dürften Gründe sein, weshalb der Beruf der Pflegefachkraft wenig attraktiv erscheint.

Dabei wird es in naher Zukunft noch viel mehr Pflegepersonal benötigen. Gemäss einer Studie im Auftrag des Bundes fehlen bis 2030 in der Schweiz 65'000 Pflegefachleute.

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Pflegefachverbandes SBK spricht schon heute von einem Pflegenotstand. «Ein höherer Lohn allein reicht aber nicht aus, um den Mangel in Zukunft zu beheben, dazu braucht es politische Massnahmen, wie wir sie mit der Pflege-Initiative verlangen».

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Yvonne Ribi, SBK: «Es braucht politische Massnahmen»
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Die vom SBK lancierte Initiative will eine Ausbildungs-Offensive starten und die Pflegefachkräfte mit mehr Kompetenzen ausstatten.

Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab, weil sie unter anderem höhere Kosten befürchten.

Gesellschaftlicher Konsens nötig

Der Leiter des Unispitals Basel, Werner Kübler, findet persönlich auch, dass die Pflegefachpersonen, «gemessen an der Leistung, die sie erbringen und im Vergleich mit anderen Branchen, eher etwas besser bezahlt sein dürften. Hier gilt es, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden.»

Bis dieser Konsens gefunden ist, akzentiuert sich der Pflegemangel immer weiter. Und ohne substantielle Lohnerhöhungen wird der Beruf nicht attraktiver.

ECO, 12.1.21

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Tarnutzer  (Kotei)
    Braucht es Ökonomen Analytiker Wirtschaftsexperten, nein braucht es nicht das sind künstlich geschaffene Stellen die nur die Arbeit der relevanten arbeitenden Bevölkerung unnötig verkomplizieren. Ich schliesse mich den Kommentaren an, gebt dem Personal mehr Lohn und streicht die unnötigen Stellen.
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  • Kommentar von Flavia Kela  (ElisaK)
    Es sollte vielleicht auch mal darüber nachgedacht werden, Menschen welche in den Beruf der Pflegefachpersonen einsteigen möchten, während der Ausbildung besser zu entlöhnen.
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  • Kommentar von Domi Becker  (die etwas andere Sichtweise)
    Traurig, traurig. Genau mit dem Argument (Löhne hoch, um die "Besten" zu bekommen) belügen uns vor allem die Banken seit Jahrzehnten. Bei der Pflege geht's nicht. Es sagt viel über eine Gesellschaft, wenn wir denen, die sich um unsere Kinder, Alten und Kranken kümmern, so wenig bezahlen, und denen, die sich um unser Geld kümmern, soviel.
    Vielleicht wäre Jobrotation bei diesen beiden Berufsgruppen mal eine Idee (nur mal 1-2 Wochen). Schutzmaterial gibt's in allen Grössen, aber Golfausrüstung?
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