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Epidemiologe Marcel Salathé zu den Massnahmen des BAG
Aus 10vor10 vom 06.03.2020.
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Ausbreitung des Coronavirus Epidemiologe: «Wir müssen die Welle tief halten»

Das Coronavirus breitet sich in der Schweiz rasant aus, der Bundesrat hat seine Verhaltensempfehlungen für die Bevölkerung verschärft, ruft aber zur Ruhe auf. Marcel Salathé, Epidemiologe an der ETH Lausanne EPFL, ordnet die neuesten Ereignisse ein.

Marcel Salathé

Marcel Salathé

Professor für Epidemiologie

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Marcel Salathé ist Epidemiologe an der ETH Lausanne (EPFL). Er ist Professor und leitet das Digital Epidemiology Lab an der EPFL.

SRF: Das Bundesamt für Gesundheit sagt, die Schweiz stehe am Rande einer epidemischen Welle. Was kommt aus Ihrer Sicht auf die Schweiz zu?

Marcel Salathé: Das Konzept der Welle kennen wir in der Epidemiologie gut, darum sprechen wir auch von einer Grippewelle, wenn diese durch das Land zieht. Beim Coronavirus erwartet man nun auch eine Welle. Der Ansatz ist nun – das hat auch das BAG gesagt –, die Welle so tief wie möglich zu halten und so stark wie möglich hinauszuschieben. Das hat zwei Effekte: Wenn wir sie tief halten können, können wir das Gesundheitssystem entlasten und Zeit gewinnen – wertvolle Zeit, um Medikamente und einen Impfstoff zu entwickeln und zu testen.

Vom Stoppen dieser epidemischen Welle redet man also gar nicht mehr?

Davon kann man jetzt nicht mehr ausgehen. Das spiegelt sich in den Vorbereitungen der Länder. Diese gehen jetzt davon aus, dass die Welle kommt, und dass es nun darum geht, sie so stark wie möglich einzudämmen.

Vor zehn Tagen hatten wir den ersten Fall in der Schweiz, jetzt sind wir bei 210 bestätigten Ansteckungen. Trotzdem hört man in der Öffentlichkeit immer wieder: Warum die Hysterie? Beim Grippevirus reagiere man ganz anders. Das sei doch auch vergleichbar. Was sagen Sie diesen Kritikern?

Ich finde das grundsätzlich schon eine gute Frage. Aber man muss die Situation aus der Perspektive des Grippevirus betrachten: Es kommt im Winter von der Südhemisphäre in die Schweiz und trifft auf eine Bevölkerung, die eine gewisse Immunität hat. Leute hatten bereits eine Grippe, einige haben sich geimpft. Und deshalb ist ein immunologischer Widerstand da. Trotzdem infizieren sich jedes Jahr rund zehn Prozent der Leute mit der Grippe.

Es gilt nach wie vor: Gut die Hände waschen, mit den Händen nicht ins Gesicht fassen, und die Massnahmen vom ‹social distancing› befolgen.
Autor: Marcel SalathéEpidemiologe

Beim Coronavirus sieht es anders aus: Wir haben keinen Impfstoff und keinen spezifischen immunologischen Widerstand, weil noch niemand so eine neue Infektion gehabt hat. Deshalb ist es für dieses Virus viel einfacher, durch die Bevölkerung durchzugehen.

Wie viele Menschen in der Schweiz werden mit dem Coronavirus in Kontakt kommen?

Grundsätzlich ist das schwierig zu sagen. Bei der saisonalen Grippe gehen wir von rund zehn Prozent aus. Aber dort gibt es eben immunologischen Widerstand. Das ist nun nicht der Fall. Deshalb müssen wir nun schon worst case»-Szenarien berechnen, bei denen mehr Leute infiziert werden können. Epidemiologen reden teilweise von 20 bis zu 60 Prozent. Die Varianz ist da natürlich relativ gross.

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Marcel Salathé: «40, 50 Prozent sind der ‹worst case›»
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Womit müssen die Spitäler nun rechnen?

Die Spitäler können auf die chinesische Situation und auf die italienische zurückgreifen: Da sieht man, dass rund fünf Prozent – je nachdem ein bisschen mehr – von den symptomischen Fällen schwer verlaufen können. Mit dem muss man planen. Ich muss aber wiederholen: Die 40, 50 Prozent sind «worst case», wenn man nichts machen würde. Deshalb ist es wichtig, dass man diese Massnahmen nun ernst nimmt.

Jede Massnahme hat ihre Kosten. Deshalb ist es nun am BAG, abzuwägen, wo das gute Gleichgewicht liegt.
Autor: Marcel SalathéEpidemiologe

Wir haben nun die Massnahmen vom BAG. Was raten sie als Epidemiologe?

Ich schliesse mich dem BAG an. Die Infektion wird primär über Tröpfchen weitergegeben. Man weiss mittlerweile auch, dass es teilweise auch über den Stuhl gehen kann. Man hat auch im Stuhl und im WC-Bereich aktive Viren gefunden. Deshalb gilt nach wie vor dasselbe: Gut die Hände waschen, mit den Händen nicht ins Gesicht fassen, und die Massnahmen vom «social distancing» befolgen. Damit kann man es in einer ersten Phase sicher gut in Schach halten.

Mit jedem Tag, an dem der Gesundheitsminister vor die Medien tritt, fragt sich die Öffentlichkeit: Was jetzt? Kommt ein generelles ÖV-Verbot, werden Schulen geschlossen? Schliessen Sie solche Massnahmen aus?

Grundsätzlich kann man natürlich nichts ausschliessen. Es ist eine neue Situation für uns alle. Es ist einfach wichtig, das man sieht, dass jede Massnahme einen starken epidemiologischen Effekt haben kann. Aber jede Massnahme hat auch ihre Kosten. Deshalb ist es nun am BAG, abzuwägen, wo das gute Gleichgewicht ist. Es ist eine Situation, die sich in den nächsten Wochen, Monaten weiterentwickeln wird.

In China schwächt sich die Epidemie bereits wieder ab. Was kann die Schweiz daraus lernen?

Primär, dass man das kann. Dass man dem Virus nicht einfach ausgesetzt ist und man mit den richtigen Massnahmen die Sache wieder einigermassen unter Kontrolle bringen kann. Die Chinesen waren in einer schwierigen Lage. Sie wussten zu Beginn nicht, womit sie es zu tun haben. Wir haben nun dank den chinesischen Kollegen diese Informationen und sind entsprechend besser darauf vorbereitet.

Das Gespräch führte Susanne Wille.

10vor10, 06.03.2020, 21.50 Uhr

10vor10, 06.03.2020; srf/hesa;eglc

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80 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    In der Arena wurde die Solidarität zwischen Alt und Jung angesprochen, dass die ältere Generation milliardenschwer für Junge Arbeit wie beispielsweise Kinderhütedienst übernimmt, damit die Jungen arbeiten gehen können, und dass Alte derzeit Rücksicht verdienen. Da hat mich vergangene Woche ein Gespräch unter ein paar Teenies am Bahnhof schon irritiert, sie haben gemeinsam beschlossen, das Wochenende in Italien zu verbringen, um sich anstecken zu lassen, damit sie nicht mehr in die Schule müssen.
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  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Eine SRF 1 Hörerin freute sich betreffend "Aufsteller" via Whats App Nachricht riesig über das Konzert, welches nach Absprache doch noch durchgeführt werden konnte, Es seien alles junge Leute gekommen. Den älteren Menschen empfiehlt man, sich zu isolieren und den Veranstaltungen fernzubleiben. Mir hat diese Sprachnachricht total abgelöscht, Hätte man dieses Konzert nicht aus Solidarität zu den älteren Semestern absagen können? .
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    1. Antwort von Fabio Del Bianco  (fäbufuessball)
      Gönnen wir doch jedem einzelnen den Spass den er in "solchen Zeiten" haben kann. Ich freue mich für diejenigen die das Konzert besuchen können. Als Fussballfan umso mehr, weil ich weiss wie es ist, wenn alles abgesagt wird... egal ob die Massnahme gerechtfertigt ist oder nicht.
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    2. Antwort von Christa Wüstner  (Saleve2)
      Nein Herr Del Bianco unsere Jugend hat alle möglichen Freiheiten und
      Unterhaltungen. Sie müssen lernen und akzeptieren, auch aus Rücksicht,
      mal kurze Zeit zu verzichten. Wo kommen wir denn hin, wenn sie nicht
      lernen müssen, sich der Allgemeinheit zu fügen.
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    3. Antwort von Armin Spreter  (aspre)
      @Fr. Wüstner - ich schätze mal ALLE heutigen Jugendlichen haben es (Gott sei Dank) noch nie erlebt, sich einer allgemeinen Notsituation unterordnen und Einschränkungen hinnehmen zu müssen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie sich (wenn auch in kleinen Gruppen) nicht "radikalisieren" und sich einfach nehmen, was sie für sich als notwendig erachten.
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  • Kommentar von Nicole Amacher  (Maxima2)
    Auf das BAG zu schimpfen ist immer leicht. Ich würde vorschlagen, dass alle die es besser wissen und auf all diese Fragen eine Antwort haben sich beim BAG bewerben. Qualifizierte Fachkräfte können immer gebraucht werden.
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